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Interview

VfB-Chef Alexander Wehrle
„Der Jeck in mir lebt intensiv weiter“

6 min

Alexander Wehrle

Alexander Wehrle, Vorstandsvorsitzender des VfB Stuttgart, spricht im Interview über seine Liebe für den Karneval und das Bundesligaspiel gegen seinen Ex-Club 1. FC Köln am Samstag.

Es wird wohl nur ein Zufall sein, aber ein kurioser ist es schon. Zum zweiten Mal nach 2023 trifft Alexander Wehrle mit dem VfB Stuttgart ausgerechnet an Karneval auf den 1. FC Köln (Samstag, 18.30 Uhr/Sky). Mit Tobias Carspecken sprach er über seine Pläne für die jecken Tage, seine Ziele mit dem VfB und die Entwicklung seines Ex-Clubs.

Herr Wehrle, während Ihrer Zeit in Köln waren Sie bekennender Karnevalist. Lebt der Jeck auch in der Ferne in Ihnen weiter?

Ganz intensiv. Ich war an Weiberfastnacht in Köln und werde an Rosenmontag bei der Bürgergarde Blau-Gold wieder im Zoch mitfahren. Das mache ich seit Jahren. Es ist immer wieder etwas ganz Besonderes und Emotionales, die Ehre zu haben, beim Rosenmontagszug dabei sein zu dürfen. Darauf freue ich mich total.

Sie sind seit vielen Jahren Mitglied der Bürgergarde.Was bedeutet Ihnen diese Verbindung?

Wir haben einen guten Austausch. Als ich im Januar 2013 nach Köln gekommen bin, war ich das erste Mal im Rosenmontagszug dabei. Im Jahr darauf bin ich ordentliches Mitglied bei der Bürgergarde geworden. Die Bürgergarde war auch schon mit zwei Bussen in Stuttgart, um mich und das Cannstatter Volksfest zu besuchen.

Wie haben Sie reagiert, als bekannt wurde, dass der VfB an Karneval ausgerechnet auf den FC trifft?

Ich musste natürlich schmunzeln. Im Februar 2023 hat der FC schon einmal am Karnevalssamstag in Stuttgart gespielt. Es war ein 3:0, der einzige Sieg unter Bruno Labbadia. Ungewöhnlich, dass es drei Jahre später wieder der Fall ist. Ich gehe davon aus, dass der ein oder andere FC-Fan kostümiert in Stuttgart sein wird (lacht).

Der Umgang des FC mit den jecken Tagen ist seit Jahren ein vieldiskutiertes Thema. Wie haben Sie die Diskussion als FC-Verantwortlicher erlebt?

Karneval gehört zur Stadt und zum Rheinland. Das sind Feiertage für alle. Als ich beim FC in der Verantwortung stand, haben wir zu den Spielern gesagt: Ihr könnt Karneval feiern, aber ihr solltet euch professionell verhalten. Das war die Vorgabe. Es sind schließlich Leistungssportler. Entsprechend sollte auch das Verhalten sein.

Um dem Trubel zu entfliehen, hat sich der FC bereits an Weiberfastnacht Richtung Stuttgart aufgemacht. Gab es solche Überlegungen auch schon zu Ihrer Zeit?

Ich kann mich an keine Diskussion erinnern, schon an Altweiber Richtung Auswärtsspiel aufzubrechen. Ich bin jetzt aber zu weit weg, um beurteilen zu können, warum das Thema in diesem Jahr anders gehandhabt wird.

Alexander Wehrle (r.) fährt am Rosenmontag wieder auf dem Wagen der Bürgergarde mit.

Das Hinrundenduell konnte der VfB knapp mit 2:1 für sich entscheiden. Was für ein Spiel erwarten Sie am Samstag?

In der Vergangenheit hat sich der VfB gegen den FC zu Hause immer schwergetan. Es wird mit Sicherheit ein enges Spiel werden, bei dem beide Mannschaften Offensivkraft entfalten können. Der FC hatte viele knappe Spiele in dieser Saison, bei denen er sich nicht immer belohnen konnte. Von außen betrachtet spielt der FC mit 23 Punkten aus 21 Spielen für einen Aufsteiger eine gute Saison.

Platz fünf in der Bundesliga, im DFB-Pokal im Halbfinale und in der Europa League in den Play-offs: Wie fällt Ihr Zwischenfazit aus?

Wir sind sehr zufrieden, dass wir in allen drei Wettbewerben noch gut unterwegs sind. In der Bundesliga haben wir die Möglichkeit, wieder ins internationale Geschäft zu kommen. Wenn man einmal im Pokalfinale gestanden hat, dann weiß man um die Besonderheit. Das sind magische Tage in Berlin. Wir werden das Halbfinale mit voller Energie angehen. Ein Höhepunkt wird das Spiel bei Celtic Glasgow werden vor 60.000 Zuschauern. Vor uns liegen sehr intensive, spannende Monate.

Was ist in dieser Saison möglich für den VfB?

Die Saison ist noch sehr lang. Wir haben eine Dreifachbelastung und einen breiten, ausgewogenen Kader, der für die drei Wettbewerbe zusammengestellt ist. Wir wissen aber, wo wir herkommen. Eine gewisse Demut tut uns allen gut. Vor zweieinhalb Jahren haben wir noch Relegation gegen den HSV gespielt. Daher wissen wir es zu schätzen, dass wir noch in drei Wettbewerben dabei sein dürfen.

Wie haben Sie die vergangenen Jahre zwischen Abstiegskampf und Rückkehr nach Europa erlebt?

Die Zeit war sehr intensiv. Nach der Rettung am letzten Spieltag der Saison 2021/22 gegen Köln haben wir im sportlichen Bereich mit den Verpflichtungen von Sebastian Hoeneß, Fabian Wohlgemuth und Christian Gentner sehr gute Entscheidungen getroffen. Das Württembergische Weltmarkenbündnis (strategische Partnerschaft mit Mercedes-Benz, Porsche und MHP; Anm. d. Red.) hat uns die Möglichkeit gegeben, mehr zu investieren. Wir haben kluge Transfers getätigt und Transfereinnahmen gleichzeitig wieder in den Kader investiert. Ein Highlight war die Qualifikation für die Champions League nach vielen, vielen Jahren. Mit dem Pokalsieg konnten wir einen Titel für die Ewigkeit gewinnen. Das waren emotionale Momente. Auch abseits des Platzes haben wir, etwa mit dem Stadionumbau, wichtige Themen vorangetrieben.

Wäre das alles ohne strategische Partnerschaften überhaupt möglich gewesen?

Es hat auf alle Fälle geholfen. Man darf nicht vergessen, dass wir 2022 in einer schwierigen finanziellen Ausgangsposition waren. Corona hatte den VfB ähnlich hart getroffen wie den FC. Wir haben damals die strategische Entscheidung getroffen, mit 90 Millionen Euro auch in den Stadionumbau zu investieren. Wenn man überlegt, welche finanzielle Last wir zu tragen hatten, war es wichtig, dass wir durch den Einstieg von Porsche das Eigenkapital stärken konnten. Dadurch konnten wir in den letzten zwei Jahren auch am Transfermarkt selbstbewusster agieren.

Beim 1. FC Köln wird der Einstieg von Anteilseignern abgelehnt. Wie steht das Umfeld des VfB zu dem Thema?

Die Entscheidung, mit Mercedes und Jako strategische Anteilseigner dazuzugewinnen, erfolgte vor meiner Zeit mit einer klaren Mehrheit. Deswegen wurde auch der Einstieg von Porsche akzeptiert – eine Weltmarke aus der Region und ein toller Partner. Aber das muss jeder Verein für sich selbst entscheiden. Ich bin ein klarer Befürworter von 50+1, weil es ein Alleinstellungsmerkmal des deutschen Fußballs ist. Die Regel spricht auch für die deutsche Fußballkultur, und die sollten wir uns bewahren.

Ihr Vertrag läuft bis 2030. Wo möchten Sie den VfB hinführen?

Als wir 2022 angetreten sind, haben wir als Zielsetzung ausgegeben, 2026 ein etablierter Bundesligist zu sein. Mit Blick Richtung 2030 wollen wir weiter nichts mit dem Abstiegskampf zu tun haben und immer mal wieder die Chance haben, international zu spielen. Die Zielsetzungen haben sich zwischen 2022 und 2030 ein Stück weit verändert, allerdings haben wir auch die Möglichkeit geschaffen, damit das möglich ist.

Mit Sebastian Hoeneß steht beim VfB einer der begehrtesten deutschen Trainer an der Seitenlinie. Wie sehen Sie ihn?

Er ist ein ganz wichtiger Faktor. Ein toller Mensch, mit dem es Spaß macht, sich auszutauschen. Er hat eine klare Vorstellung, wie er Fußball spielen lässt und welche Rolle welcher Spieler hat. Er ist ein absoluter Teamplayer. Wir sind total glücklich, dass wir ihn langfristig an den VfB binden konnten.

Alexander Wehrle als damaliger FC-Geschäftsführer beim Karnevalstraining am Elften im Elften 2021.

Der FC hat einen Umbruch auf allen Ebenen vollzogen. Wie haben Sie den historischen Wahlkampf um das Präsidentenamt mit drei Teams erlebt?

Von außen betrachtet hatte ich nicht den Eindruck, dass mit unfairen Bandagen gekämpft wurde. Für die Demokratie und die Mitgliederversammlung war es positiv, dass die Mitglieder die Wahl zwischen verschiedenen Konzepten hatten. Am Ende war es ein deutliches Ergebnis. Das ist wichtig für ein Präsidium, damit es viel Rückendeckung hat.

Der neue FC-Präsident Jörn Stobbe war zu Ihrer Zeit in Köln zeitweise Chef des Aufsichtsrats. Wie lief die Zusammenarbeit?

Ich habe positive Erinnerungen. Es war eine angenehme Zusammenarbeit. Jörn Stobbe hat viel Expertise, gerade im Immobilien- und Finanzsektor.

FC-Urgestein Thomas Kessler wurde kürzlich zum Geschäftsführer Sport befördert. Haben Sie ihm eine solche Management-Karriere zugetraut?

2021 habe ich mich bei Christian Seifert (damaliger Chef der DFL; Anm. d. Red.) dafür stark gemacht, dass Thomas Kessler in den Managementlehrgang bei der DFL aufgenommen werden konnte. Horst Heldt und ich haben ihm damals auch das parallel stattfindende Trainee beim FC ermöglicht. Ich durfte Thomas Kessler in dieser Zeit intensiv begleiten.

Haben Sie viel Kontakt zum FC?

Mit ein paar Kollegen habe ich schon noch Kontakt, aber natürlich gab es in den vergangenen Jahren auch viel Fluktuation. Ich freue mich auf das Wiedersehen am Samstag. Den heutigen Geschäftsführer Philipp Liesenfeld habe ich damals aus dem Marketingbereich in eine Stabstelle für Strategie und Entwicklung befördert. Ich freue mich für ihn, er ist eine sehr gute Wahl für den FC. So kann die DNA weiterleben. Bei Thomas Kessler ist es genauso, weil er Köln versteht. Für eine solche Position ist es ganz wichtig, dass man die Stadt und den Verein versteht – oder bereit ist, zu verstehen. Darauf muss man sich einlassen.

Schafft der FC den Klassenerhalt?

Davon gehe ich fest aus. Der FC hat für einen Aufsteiger eine gute Mannschaft, die mutig Fußball spielt. Es ist eine Gesamtentwicklung festzustellen. Ich bin fest davon überzeugt, dass es mindestens drei Mannschaften gibt, die nicht das Potenzial des FC haben.