Vor genau 100 Jahren wurde die erste Lufthansa gegründet. Der langjährige Standort Köln spielt heute nur noch eine Nebenrolle.
Vom Wiederaufbau zum globalen PlayerWie die Lufthansa nach dem Krieg aus Köln neu startete

Der erste Linienflug der Luft Hansa führte eine Fokker-Grulich F II am 6. April 1926 von Berlin über Halle-Erfurt-Stuttgart nach Zürich.
Copyright: Foto: LH-Bildarchiv / Lufthansa
Ein Brautpaar leistet sich eine luxuriöse Hochzeitsreise. Von Berlin in die Schweiz, mit dem Flugzeug. Einem Flugzeug, dessen Rumpf aus Stahlrohren zusammengeschweißt ist, dessen Tragflächen aus Holz gebaut und mit Sperrholz verkleidet sind. Platz für vier Passagiere – oder notfalls fünf, wenn eine Person neben dem Piloten Platz nimmt – bietet die Fokker Grulich FII. Für die Reise von Berlin-Tempelhof nach Zürich braucht sie mit drei Zwischenlandungen etwa acht Stunden. Die Reisegeschwindigkeit der Fokker liegt bei gerade mal 120 km/h.
Es ist der 6. April 1926, als dieser erste Flug einer Maschine der „Luft Hansa“ startet. 140 Reichsmark zahlt das junge Paar pro Flugkarte. Genau drei Monate zuvor, heute vor 100 Jahren, begann die Geschichte dieses Unternehmens, das über Jahrzehnte für deutsche Luftfahrt stand wie Tempo für Taschentücher. An jenem 6. Januar 1926 schlossen sich die Deutsche Aero Lloyd AG und die Junkers Luftverkehr AG zur Deutschen Luft Hansa AG zusammen. Firmensitz war Berlin. Ein mehr als bescheidener Anfang für ein großes Unternehmen. Im Jahr 1938 beförderte die Lufthansa (wie sie seit 1933 geschrieben wurde) schon rund eine Viertelmillion Gäste, die bis nach Asien und Südamerika reisen konnten. Doch kurz darauf verkam Lufthansa zum Kriegsdienstleister der Nazis und beutete ab 1940 Zwangsarbeiter aus. Im April 1945 hob dann die vorerst letzte Maschine mit dem Kranich ab.
Von Köln nach Hamburg in 90 Minuten
Ausgangspunkt des Neuanfangs in den 50er Jahren war Köln. Hier eröffnete der ehemalige Verkehrsleiter der Lufthansa, Hans Bongers, ein Büro, in dem er im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums die Neugründung vorbereitete. 1954, nicht von ungefähr am 6. Januar, wurde eine erste Gesellschaft gegründet, aus der dann 1954 das neue Unternehmen unter altem Namen hervorging. Im April des darauffolgenden Jahres bot die Lufthansa die ersten innerdeutschen Flüge an. Mit der damals genutzten Convair CV 340, die gut 40 Passagieren Platz bot, dauerte eine Reise von Köln nach Hamburg nur noch 90 Minuten. Wie schon vor dem Krieg wuchs die Fluggesellschaft – die streng genommen ein junges Unternehmen und nicht Rechtsnachfolgerin des alten war – erneut rasant. Wenige Wochen nach dem Neustart gab es bereits Verbindungen von Köln nach Paris, Madrid und London, noch im selben Jahr den ersten Atlantikflug in Richtung New York. Vier Maschinen des Herstellers Lockheed ermöglichten regelmäßige interkontinentale Reisen.
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Mit 72 VW-Käfern demonstrierte die Lufthansa 1972 die Ladekapazität ihres Boeing 747F Jumbofrachters, den sie als erste Fluggesellschaft einsetzte.
Copyright: Foto: LH-Bildarchiv/Lufthansa
Rund drei Jahre nach dem Start begrüßte die neue Lufthansa ihren millionsten Fluggast und stieß in den 60er Jahren in ganz neue Dimensionen vor. Ein wesentlicher Grund dafür war die Abkehr von den Propellermaschinen, die mehr und mehr durch Düsenjets ersetzt wurden. Der neue Antrieb ermöglichte fast doppelt so hohe Geschwindigkeiten, deutlich mehr Kapazität und höhere Reichweiten. Im Jahr 1960 nahm die Lufthansa die erste Maschine dieses Typs in Dienst, eine Boeing 707. Lange vor der Corona-Pandemie, in der der Umsatz des Unternehmens um mehr als die Hälfte einbrach, hatte die Lufthansa eine Reihe von Krisen zu überstehen – angefangen mit der Ölkrise 1973, die durch ein Lieferembargo der OPEC-Staaten ausgelöst wurde und einen massiven Anstieg der Treibstoffpreise zur Folge hatte. Dramatische Auswirkungen für die Luftfahrt insgesamt hatten auch der Terror des 11. September 2001, der Irakkrieg und nicht zuletzt die SARS-Epidemie: Die weltweite Ausbreitung des gefährlichen Lungenvirus' bedeutete allein für die Lufthansa im Jahr 2003 Verluste in Milliardenhöhe.
Feiern vor allem in Frankfurt
Die gesunde Substanz half der Lufthansa durch jede Krise. Und so prägte das Unternehmen über Jahrzehnte nicht nur die deutsche Luftfahrtbranche, sondern auch die Stadt Köln – nicht zuletzt mit dem weithin sichtbaren Schriftzug an dem Gebäude nahe der Deutzer Brücke. Bis heute darf die Lufthansa als Kölner Unternehmen gelten, da sie ihren Rechtssitz weiterhin hier hat. Ob das noch lange so bleibt, steht allerdings in den Sternen. Das operative Geschäft mit der Hauptverwaltung ist zum größten Teil längst nach Frankfurt am Main verlegt. Und so werden in der Mainmetropole in diesem Jahr auch die meisten Jubiläumsaktivitäten stattfinden. Dazu gehört eine permanente Ausstellung im „Lufthansa Group Hangar One“, dem Besucherzentrum des Unternehmens am Frankfurter Flughafen. Dort sind jetzt unter anderem eine frisch restaurierte JU-52 und eine Lockheed Super Star zu sehen.
Auch Feste sind geplant, befinden sich derzeit aber wie alle weiteren Veranstaltungen noch „in der Ausgestaltung“, wie eine Unternehmenssprecherin auf Rundschau-Anfrage sagte. Besondere Aufmerksamkeit als Geburtsort der „zweiten“ Lufthansa und langjähriger Hauptstandort bekommt Köln dabei offenbar nicht. Der zentrale Feiertag ist für die Lufthansa selbst auch nicht der 6. Januar, sondern der 6. April, an dem es unter anderem „Maßnahmen an Bord“ geben soll – wie auch immer die aussehen werden. Jener 6. April, an dem erstmals ein kleines Flugzeug mit dem Schriftzug „Luft Hansa“ und vier Passagieren vom Boden abhob.
