Bei der Bundestagswahl wählten 38 Prozent der Arbeiter die AfD – nur zwölf Prozent die SPD. Nun stehen im März deutschlandweit Betriebsratswahlen an. Gewerkschaften fürchten eine systematische Infiltration durch rechte Kräfte.
AfD drängt in BetriebeDroht rechte Unterwanderung bei Betriebsratswahlen?

Spätestens seit der Bundestagswahl vor einem Jahr gilt die AfD als die neue Arbeiterpartei. Fachleute überrascht das nicht. dpa
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Da ist diese Zahl, die seit fast einem Jahr die Gewerkschaften schwer beschäftigt. Bei der Bundestagswahl im Februar 2025 wählten 38 Prozent der Arbeiter die AfD. Die Zahl markiert eine Zäsur. Die SPD, die traditionell die Arbeiterschaft als ihr Stammklientel wähnte, bekam aus diesem Milieu nur noch zwölf Prozent der Stimmen. Der jahrzehntelang gültige Glaubenssatz der links wählenden Arbeiter – er hat tiefe Risse bekommen.
Jetzt lässt sich einwenden, dass die Kategorie „Arbeiter“ in der Wahlstatistik nicht klar definiert ist. Die Befragten könnten auch „Beschäftigte“ sein. Der tatsächliche Wert für die AfD mag niedriger liegen. Doch selbst dann bliebe der Befund eindeutig: Die AfD hat in der Arbeiterschaft massiv an Zustimmung gewonnen. Daran gibt es nichts schönzureden. Weder für die Sozialdemokraten noch für die Gewerkschaften.
Verdi warnt: Rechtes Gedankengut in Betrieben weit verbreitet
Das sieht auch Jenny Jungehülsing von Verdi ein. „Rechtes und extremes Gedankengut ist in der Gesellschaft weit verbreitet, das spüren wir auch in den Betrieben“, sagt die Referentin für den Bereich Politik und Planung. „Die Grenzen dessen, was auf dem Werksgelände oder in den Lagerhallen gesagt wird, haben sich vielerorts nach rechts außen verschoben.“
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Und so drängt sich die Frage auf, wie sich diese Entwicklung im März niederschlagen wird, wenn in der gesamten Bundesrepublik neue Betriebsräte gewählt werden. Droht eine Unterwanderung von rechts? Und was können Organisationen wie Verdi oder die IG Metall dagegen tun?
Die Sorge um den eigenen Arbeitsplatz und Wohlstand, das zeigen inzwischen mehrere Studien, treibt Menschen in die Arme von radikalen Rechten. Zugleich ist die Arbeitswelt im Umbruch: Die Digitalisierung ist nur ein Beispiel. Kurzarbeit, Reallohnverlust, Klimakrise – all das kann sich für Beschäftigte wie eine Ohnmachtserfahrung anfühlen.
Tendenz klar: Arbeiter wenden sich der AfD zu
Klaus Dörre kennt sich besonders gut mit dem Denken der Arbeiterschaft aus. Bis zu seiner Emeritierung im Sommer 2025 lehrte er an der Uni Jena. Seit Jahrzehnten befragt Dörre immer wieder Arbeiter in Industriebetrieben nach ihrer Einstellung. Dass sich viele der AfD zugewendet haben, überrascht den Soziologen nicht. Schon Anfang der Nullerjahre registrierte Dörre unter Gewerkschaftern und Betriebsräten rechtspopulistische Einstellungen. „Die Tendenz hat sich bei den folgenden Wahlen verstärkt“, sagt er.
In den Interviews taucht immer wieder ein Narrativ auf. Dörre beschreibt es so: Die Arbeiter sehen sich am Fuße eines Berges der Gerechtigkeit. Einige wenige sind ein Stück nach oben gekommen, doch für die meisten geht es nicht mehr voran. Kurz gesagt: Der Glaube daran, dass es irgendwann gerechter zugehen wird, ist verloren gegangen.
Hinzu kommt, dass für nichts mehr Geld da zu sein scheint. Besonders auf dem Land, besonders im Osten. Die letzte Schule schließt, die Kita fehlt, der Bus fährt nicht mehr. Was bleibt, ist der Eindruck eines schleichenden Rückzugs des Staates. Dörre spricht von einem „Erosionsprozess der sozialen und kulturellen Infrastruktur“.
AfD nutzt Vorurteile und Unzufriedenheit
Zwei weitere Erzählungen verfestigen dieses Gefühl. Der Eindruck, Geflüchtete würden „alles“ bekommen, ohne jemals in die Sozialkassen eingezahlt zu haben. Und die Wahrnehmung, dass die Gewerkschaften ein Teil des Problems sind – mitverantwortlich für die Misere der Wirtschaft, weil die Versprechen einer „grünen Transformation“ aus ihrer Sicht nicht eingelöst wurden.
Die AfD versteht es, diese Gemengelage für sich zu nutzen. Die Partei habe den Arbeitern, sagt Dörre, „eine öffentliche Stimme gegeben“. Das marktradikale Programm nähmen dabei viele Anhänger in Kauf, weil es auch darum gehe, „denen da oben“ einen Denkzettel zu verpassen.
Und noch etwas ist passiert. Dörre beobachtet, dass der Streit um die soziale Frage – also reich gegen arm – heute nicht mehr entlang dieser Linie geführt wird. Mittlerweile verläuft der Konflikt zwischen innen und außen, zwischen denen, die Anspruch aufs Volksvermögen reklamieren, und Migranten, die angeblich nichts leisten. Die AfD hat diese Verschiebung laut dem Experten deutlich vorangetrieben.
AfD vor dem Aufstieg in Landesregierungen
Die Partei ist auf dem Vormarsch. In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, wo im September neue Landtage gewählt werden, könnte die AfD erstmals in Regierungsverantwortung kommen. Umfragen sehen sie bei 40 Prozent. Doch ihre Macht will sie nicht nur in den Parlamenten ausbauen. Schon länger versucht die AfD, stärker in Unternehmen und Gewerkschaften Fuß zu fassen. Um wirklich „Volkspartei“ zu werden, so hieß bereits 2019 die Losung in einem internen Strategiepapier, müsse es einen „Marsch durch die Organisationen“ geben.
Wie viele AfD-Anhänger und -Mitglieder tatsächlich in den Gewerkschaften aktiv sind, lässt sich kaum sagen. Man muss sich auf Anhaltspunkte beschränken. Klaus Dörre nennt ein Beispiel aus Sachsen: Bei der Kommunalwahl 2024 sollen rund 200 Kandidaten der AfD aus dem Umfeld der IG Metall stammen – etwa zehn Prozent.
In den Gewerkschaften selbst geht man von einem nennenswerten Anteil rechtsorientierter Mitglieder aus. Dass die AfD gezielt eigene Leute in Organisationen wie Verdi schickt, kann Jenny Jungehülsing aber nicht erkennen. „Für die AfD sind die DGB-Gewerkschaften der Feind“, sagt die Referentin. Doch vielleicht braucht die Partei die klassischen Interessenvertretungen auch gar nicht, um Einfluss zu gewinnen.
„Zentrum“ als alternative Gewerkschaft: Einfluss und Grenzen
Im Vorfeld der AfD gibt es eine „alternative Gewerkschaft“, das „Zentrum“. Entgegen der Selbstbezeichnung ist das „Zentrum“ allerdings keine Gewerkschaft, sondern ein Verein. 2009 von Oliver Hilburger gegründet, bei Daimler-Benz in Baden-Württemberg. Der Gitarrist einer ehemaligen Neonazi-Band ist bis heute Vorsitzender – und in Sicherheitskrisen kein Unbekannter. Der Verfassungsschutz Brandenburg stuft ihn als rechtsextrem ein.
In seinem Bericht von 2018 schreibt der Nachrichtendienst über das „Zentrum“, ihre Betriebsräte würden versuchen, „Einfluss auf die Belegschaft und das direkte Arbeitsumfeld zu nehmen, um eine neue Machtbasis in den Unternehmen aufzubauen“. Zu Mitgliederzahlen macht der Verein keine Angaben. In der Automobilindustrie stellt „Zentrum“ bereits einige wenige Betriebsräte, will nun in Pflegeberufe vordringen. Im vergangenen Frühling eröffnete „Zentrum“ dafür ein Büro in Hannover. Die neue Geschäftsstelle leitet Jens Keller, der auch im Stadtrat sitzt. Für die AfD.
Doch die Offensive läuft schleppend. Im Sommer 2025 versperrte das Arbeitsgericht Braunschweig den Weg in ein Werk von Volkswagen. Dort wollte „Zentrum“ eigene Vertrauensleute wählen lassen. Dafür hätte der Verein zumindest ein Mitglied an dem Standort nachweisen müssen. Das sei nicht gelungen, so die Richter. Schafft „Zentrum“ den Durchbruch bei den Betriebsratswahlen?
Forscher skeptisch: Durchmarsch rechter Listen unwahrscheinlich
Klaus Dörre glaubt nicht daran. Einzelerfolge seien zwar möglich. „Einen flächendeckenden Durchmarsch rechtsradikaler Listen wird es aber nicht geben.“ Vielleicht auch aus diesem Grund: Dem Forscher ist kein Fall bekannt, in dem rechte Betriebsräte ernsthaft in Konflikt mit der Geschäftsleitung getreten wären. Bessere Arbeitsbedingungen oder höhere Löhne seien nicht zu erwarten.
Das Beispiel „Zentrum“ illustriert das: Die Organisation ist kaum handlungsfähig, nicht tariflich anerkannt, darf keine Lohnverhandlungen führen. „Diesen Leuten geht es eher darum, Stimmung zu machen gegen die Gewerkschaften und die etablierten Parteien“, erklärt Dörre.
In den Gewerkschaften will man mit Aufklärungsarbeit auf den Rechtsruck reagieren. Bei Verdi bieten sie Seminare „zur Sensibilisierung für rechte Einflussnahme in der Arbeitswelt“ an, berichtet Jenny Jungehülsing. Am Ende, darauf verweisen wissenschaftliche Analysen, stärkt vor allem Mitbestimmung im Betrieb das Demokratieverständnis der Beschäftigten. „Das Hauptwerkzeug bleibt daher eine erfolgreiche Betriebs- und Tarifarbeit“, sagt Jungehülsing.
Dieses Instrument zieht offenbar viele Menschen weiterhin zu den Gewerkschaften. 2023 vermeldete Verdi einen Zuwachs von rund 40.000 Mitgliedern, besonders in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Ausgerechnet dort, wo die AfD ihre Hochburgen hat.

