Sicherheitstraining für SeniorenDa hab' ich „Hau' bloß ab!“ geschrien

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Catrin Wegner zeigt, wie der Rollator zur Selbstverteidigung dient

Catrin Wegner zeigt, wie der Rollator zur Selbstverteidigung dient

Wie schlage ich Diebe in die Flucht? Ein Sicherheitstraining beim Seniorennetzwerk Sülz zeigt es

Als Elke Stöbe spürt, wie jemand an ihrer Handtasche reißt, zögert sie keine Sekunde. „Hau' bloß ab!“, schreit sie dem Mann entgegen, der prompt ablässt und das Weite sucht.

Die Geschichte erzählt sie beim Sicherheitstraining für Senioren im Internationalen Caritas-Zentrum in Köln-Sülz. „Ohne das Training hätte ich mich das nicht getraut“, sagt die 71-Jährige. Seit ihr Mann gestorben sei, fühle sie sich sehr unsicher. Und am Neumarkt, wo der Vorfall mit der Handtasche passierte, hält sie sich sowieso nicht mehr gerne auf – „das ist ein Hotspot für Junkies und Verbrecher geworden“.

Dem stimmt Beatrix Weck uneingeschränkt zu, auch wenn sie selbst nach eigenem Bekunden „kein Angsthase“ ist. Im Gegenteil, „ich bin frech und ecke oft an – aber mir ist noch nie etwas passiert“. Catrin Wagner, die mit ihrer Firma millimetertraining den Kurs durchführt, bestätigt: „Die Ausstrahlung macht viel aus.“ Einerseits. Andererseits gebe es auch „Menschen, die einfach hochaggressiv sind.“ Da nütze das selbstbewusste Auftreten dann auch nichts mehr.

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Catrin Wegner zeigt, wie der Rollator zur Selbstverteidigung dient

Catrin Wegner zeigt, wie der Rollator zur Selbstverteidigung dient

Deshalb ist Beatrix Weck froh, hier zu sein: „Ich habe mittlerweile Probleme mit den Knien, da könnte ich noch nicht mal mehr weglaufen.“ Schon zwei Mal haben sich die Frauen und Männer zum Sicherheitstraining getroffen, auf Einladung des Seniorennetzwerks und mit Unterstützung der Altenhilfe. Heute, beim dritten und letzten Mal, geht es um die Frage, wie sie sicher unterwegs sein können.

Zur Demonstration der Gefahren  lässt Catrin Wager die Teilnehmerinnen – heute sind nur Frauen gekommen – mit ihren Taschen durch den Raum gehen. Felicite Wehner hat ihre über der Schulter hängen. „Die ist schnell heruntergerissen“, sagt Catrin Wagner und macht es gleich vor. Besser ist es, wenn der Riemen schräg über den Oberkörper geht, also auf der gegenüberliegenden Schulter liegt.

Das Ziel in den Blick nehmen und nicht rechts und nicht links schauen – das ist ein Mittel, um gefährliche Situationen zu umgehen.
Catrin Wagner, Deeskalationstrainerin

Bei Elke Stöbe gefällt ihr nicht, wie der Einkaufsbeutel am Rollator hängt. „Wenn Sie angerempelt werden, lassen Sie los, und schon ist der Beutel weg.“ Sie rät zu einer verschließbaren Tasche, wie sie extra für Rollatoren angeboten werden.

Beatrix Weck trägt einen Rucksack, an dem sich Catrin Wagner zu schaffen macht. „Das spür' ich doch“, meint die 71-Jährige. „Jetzt vielleicht, aber nicht mehr, wenn laut ist“, sagt die Expertin und hat – schwupp – ein Portennaie in der Hand. „Ist das Ihres? Lag direkt oben auf.“ Beatrix Weck ist „baff“. Und schaut sich sehr interessiert den Rucksack einer anderen Teilnehmerin an, der den Reißverschluss auf der Innenseite hat, so dass man ihn direkt am Rücken trägt.

Catrin Wagner stellt noch andere Hilfsmittel vor: einen Schrillalarm zum Beispiel. Das kleine Gerät passt genau in eine Hand und gibt – wenn ein kleiner Pin gezogen wird – ein ohrenbetäubendes Geheule von sich. „Damit bekommen Sie Aufmerksamkeit, wenn Sie Hilfe brauchen.“ Eine kleine Trillerpfeife tue es aber auch, „dazu rät immer die Polizei“.

„Sie gibt gute Tipps“, findet Felicite Wehner. Zum Beispiel, dass man nach einem gefährlichen Erlebnis erstmal durchatmen und prüfen solle, wie es einem gehe. Anstatt einfach weiterzumachen, als sei nichts gewesen. Das ist für Felicite Wehner ein neuer Gedanke: „Ich meine immer, ich müsste mich stark zeigen.“

Beatrix Weck bewegt noch etwas anderes, und damit wären wir wieder am Neumarkt in Köln: Als sich neulich jemand an der Haltestelle neben ihr niederließ und anfing, eine bräunliche Substanz über dem Feuerzeug zu erhitzen, fragte sie ehrlich interessiert: „Was machen Sie denn da? Das habe ich ja noch nie gesehen.“ Und erhielt die freundliche Erklärung: „Das ist Morphium.“ Aber im Nachhinein bekam sie doch Muffensausen: „Was habe ich denn bloß gemacht? Der hätte mir ja auch ganz anderes begegnen können.“

Die Gruppe lacht, und Catrin Wagner beruhigt sie: „So eine direkte Frage kann ja auch deeskalierend wirken.“ Ein anderer Trick, um heil über den Neumarkt zu kommen, heiße: „Gar nicht gucken.“ Das Ziel in den Blick nehmen und nicht rechts und nicht links schauen – auch das kann helfen.

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