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Rundschau-Debatte des TagesWas kommt nach dem Aufstand in Russland?

5 min
Der russische Präsident Wladimir Putin spricht zur Nation.

Der russische Präsident Wladimir Putin spricht zur Nation.

Der Drahtzieher geht ins Exil, seine Truppe löst sich auf: Die Revolte gegen den Kreml ist fast so schnell zu Ende, wie sie begann. Doch die Folgen könnten erheblich sein.

Rasches Ende einer Revolte: Nach einem Gewaltmarsch der Privatarmee Wagner auf die russische Hauptstadt hat Söldnerchef Jewgeni Prigoschin etwa 200 Kilometer vor Moskau am Samstagabend plötzlich den Rückzug befohlen. Trotz des „Verrats“ – so Kremlchef Wladimir Putin – soll Prigoschin ungestraft davonkommen. Viele Fragen bleiben indes offen.

Was wird nun aus der Wagner-Gruppe?

Die Privatarmee – nach Prigoschins aktuellsten Angaben etwa 25 000 Mann – wird wohl aufgelöst. Im Kern drehte sich der Konflikt darum, ob sich die Söldner dem Verteidigungsministerium in Moskau unterzuordnen haben oder als selbstständige Kraft erhalten bleiben, wie Prigoschin es wollte. Jetzt soll ein Teil der Wagner-Kämpfer in die regulären russischen Streitkräfte übernommen werden und damit weiter beim Angriffskrieg gegen die Ukraine dabei sein. Doch viele Wagner-Offiziere haben sich bewusst gegen den Dienst bei dem durch starre Befehlsketten und Bürokratie gelähmten Verteidigungsministerium entschieden. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie im Krieg nicht mehr mitmachen, ist groß – zumal sich der Kreml ihrer Loyalität nicht sicher sein kann.

Ist die russische Armee in der Ukraine nun schwächer?

Prigoschin hat eine der schlagkräftigsten Truppen innerhalb Russlands zusammengestellt. Schlagzeilen machten vor allem die Zehntausende Verbrecher, die er in den Gefängnissen für den jetzt schon 16 Monate dauernden Krieg in der Ukraine rekrutierte. Doch sie galten nur als „Kanonenfutter“ für die blutige Erstürmung der ostukrainischen Stadt Bachmut und für andere Schlachtfelder. Tatsächlich wurden von den Ex-Häftlingen viele getötet.

Daneben sind in der Privatarmee hochprofessionelle Söldner mit langer Kampferfahrung im Einsatz. Manche dienten bei den russischen Streitkräften in verschiedenen Konflikten. Andere waren bei früheren Wagner-Einsätzen dabei – etwa in Syrien, in Mali oder auch in Russlands Schattenkrieg im Donbass vor 2022. Gerade von diesen Veteranen dürften viele aus dem Dienst ausscheiden. Zudem war die Befehlsstruktur bei Wagner dezentral. Damit konnten Entscheidungen auf dem Schlachtfeld schneller getroffen werden als mit der Bürokratie der regulären Armee. Insofern schwächt das Verschwinden Wagners die russischen Streitkräfte im Krieg deutlich.

Warum reagierten Russlands Sicherheitsorgane so zögerlich?

Der Marsch auf Moskau hat ein enormes Sicherheitsdefizit offengelegt. Ein großer Teil der russischen bewaffneten Einheiten ist in der Ukraine gebunden. Diese fehlten nun im Hinterland, um sich der unerwarteten Gefahr entgegenzustellen. Rechtzeitig eingreifen können hätte wohl ohnehin nur noch die Luftwaffe. Doch diese braucht die russische Armee, um die ukrainische Gegenoffensive zu bremsen. Ein Einsatz im eigenen Land hätte die Front gefährlich entblößt.

Die Nationalgarde hat sich beim ungebremsten Wagner-Vormarsch als unfähig erwiesen. Die Führung brauchte viel zu lange, um der Truppe etwas entgegen zu stellen. Lkw-Sperren und eilig aufgerissene Straßen konnten die Söldner nicht stoppen. Unbestätigten Berichten zufolge gab es auch Tote: Etwa ein Dutzend Piloten sollen beim Versuch, Prigoschins Kolonne zu attackieren, ums Leben gekommen sein. Die Wagner-Leute sollen mehrere Hubschrauber und ein Flugzeug abgeschossen haben. Letztlich überwogen bei Prigoschin aber wohl die Zweifel, dass der Marsch auf Moskau tatsächlich Erfolg haben kann.

War der Aufstand der Anfang vom Ende des Systems Putin?

Der Kremlchef verfügt nach Einschätzung der meisten Beobachter weiter über immense Ressourcen für seinen Machterhalt – trotz inzwischen zahlreicher Niederlagen im Krieg gegen die Ukraine. Einigkeit herrscht aber auch darüber, dass der 70-Jährige nach bald einem Vierteljahrhundert an der Macht jetzt deutlich geschwächt ist. Auch die jüngsten Angriffe von ukrainischer Seite auf russisches Staatsgebiet hätten den „Mythos der Unbesiegbarkeit von Putins Militär“ zerstört, meint der Politologe Abbas Galljamow. Der Machtapparat des Kreml verliere durch nichts so sehr an Rückhalt wie durch die Unfähigkeit, die Menschen zu schützen.

Trotzdem zeigte das alte System bei der Wagner-Revolte am Wochenende keine Risse. Die Elite hielt Putin die Treue. Niemand schlug sich öffentlich auf die Seite Prigoschins, der keine eigene Machtbasis in Russland hat. Putin gilt weiter als gesetzt für die Präsidentenwahl im März 2024. Die meisten Russen trauen ihm noch immer zu, dass er die Rohstoff- und Atommacht aus der Krise führt – auch unter dem wachsenden wirtschaftlichen Druck westlicher Sanktionen. Das könnte auch daran liegen, dass es an Alternativen zu Putin fehlt.

Welche Rolle spielte Belarus’ Machthaber Lukaschenko?

Offenbar fand sich in Russland niemand, der mit Prigoschin hätte verhandeln können. Deshalb bot sich Alexander Lukaschenko als Vermittler an. Der „letzte Diktator Europas“, wie ihn viele nennen, kennt den Geschäftsmann nach Angaben des Kremls bereits seit 20 Jahren persönlich. Er brachte ihn schließlich auch zum Aufgeben. Was dafür alles vereinbart wurde, ist nicht bekannt. Jedenfalls muss Prigoschin raus aus Russland – nach Belarus. Manche Experten vermuten aber bereits, dass er trotz aller Zusagen dort keinesfalls sicher sein wird. (dpa)


Selenskyj: Putin stürzen

Angesichts der Vorgänge in Russland hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj zum Sturz von Präsident Wladimir Putin aufgerufen. „Je länger dieser Mensch im Kreml ist, desto größer wird die Katastrophe“, sagte Selenskyj am Samstag in seiner täglichen Videobotschaft auf Russisch und an die Russen gerichtet. Je länger die Truppen des Kreml in der Ukraine seien, desto mehr Verwüstung würden sie später nach Russland zurückbringen. „Jeder, der den Weg des Bösen wählt, zerstört sich selbst.“ Der bewaffnete Aufstand sei ein klares Zeichen für Putins Schwäche, schrieb Selenskyj bei Twitter. Der Sieg der Ukraine sei „gewiss“. Den Westen forderte Selenskyj auf, jetzt F-16-Kampfjets und Raketen mit größerer Reichweite zu liefern. Sein Land schütze Europa vor dem „russischen Chaos“. (dpa)