Sie leben noch, Herr Borowka. Darf man Sie dazu beglückwünschen?
Aus heutiger Sicht würde ich sagen: Ja. Ich war dem Tod sehr nahe, nicht nur einmal.
Sie sind mit 1,5 Promille Alkohol im Blut mit Ihrem Porsche gegen einen Baum gerast und haben einen Selbstmordversuch hinter sich. Jetzt haben Sie Ihr Leben wieder im Griff. Seit über zwölf Jahren sind sie trocken.
Das war ein anstrengender Weg. Ich musste ja erstmal einsehen, dass ich Alkoholiker bin. Meine Leberwerte waren immer im grünen Bereich. Und wenn ich gesehen habe, wie andere Leute sich ein paar Bier gekippt haben, dachte ich immer: Das sind Alkoholiker. Aber ich doch nicht!
Ein klassisches Muster.
So sieht´s aus. Und wenn mir Christian Hochstätter und Herr Jacobs (Borowkas ehemaliger Mitspieler bei Borussia Mönchengladbach und der Vereinspräsident/d.Red.) mir hinter meinem Rücken nicht einen Platz in der Entzugsklinik in Bad Fredeburg besorgt hätten, wäre ich noch ein paar Monate vor mich hinvegetiert - und dann wäre die Sache erledigt gewesen. In der Klinik wurde mir aber schnell klar, dass ich was ändern muss.
Am Abend vor Bundesliga-Spielen tranken Sie mit Kollegen Energie-Cocktails aus Rotwein, Traubenzucker und Eigelb. Der Alkoholkonsum war oder ist also weit verbreitet im deutschen Fußball?
Alkoholkonsum ist nicht nur im deutschen Fußball verbreitet, es ist ein allgemeines gesellschaftliches Problem. Das mit dem Cocktail war eine alte Tradition bei Borussia Mönchengladbach und hatte eher was mit Aberglauben zu tun. Wäre es allerdings dort Tradition gewesen, in eine Zitrone zu beißen, hätten wir das gemacht.
Trotzdem: Hat der Bundesligafußball heute ein Suchtproblem oder konkret ein Alkoholproblem?
Ich habe viele Zuschriften von Profis bekommen, seitdem mein Buch erschienen ist. Zahlen nenne ich jetzt keine. Aber es haben viele Spieler ein Suchtproblem, und ich meine nicht nur Alkohol. Dass sie sich bei mir melden, ist schon mal ein Riesenschritt in die richtige Richtung.
Sie planen eine Anlaufstelle für alkoholkranke Profifußballer. Unterschätzen der Deutsche Fußball-Bund und die Vereine das Problem Alkoholismus?
Das Problem ist, dass viele gar nicht erst über ihre Sucht sprechen aus Angst vor dem Arbeitgeber, Fans, Freunden und den Medien. Ich habe das damals ja auch nicht getan. Deshalb kann ich nicht sagen, ob der DFB dies unterschätzt oder ignoriert.
Aber es gibt doch Zeichen dafür, dass jemand Alkoholiker ist. Bei Ihnen fiel es auch irgendwann auf.
Natürlich. Aber viele Leute wissen nicht, wie sie kranken Menschen gegenüber reagieren sollen. Da muss noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden. Das Thema Alkoholismus mit all seinen Problemen und Folgen muss in die Öffentlichkeit, und ich denke, ich kann dazu beitragen.
Wie haben Sie es hinbekommen, trotz Ihres Alkoholismus Spitzenleistungen zu bringen?
Mein Körper brauchte Alkohol, um Leistung zu bringen. Das ist kein Widerspruch. Er hat nach Alkohol verlangt, und ich habe ihm Alkohol gegeben. Ich hatte Glück mit den Genen: Mein Körper hat Alkohol nachweislich schneller abgebaut als bei anderen Menschen. Ich hatte nie Kopfschmerzen nach einer durchzechten Nacht - obwohl das im Nachhinein vielleicht ganz gut gewesen wäre.
Standen Sie betrunken auf dem Platz?
Nein, das wäre schlecht gegangen. Aber es gab ein paar Spiele, die ich mit Restalkohol vom Vorabend bestritten habe. Das waren auch immer ordentliche Spiele. Die Pässe kamen an, und es stand auch nicht in der Zeitung: Der Borowka war besoffen. In der Saison 1994/95 habe ich gegen Schalke zwei Riesenfehler gemacht, die uns die Meisterschaft gekostet haben. Das war eins meiner schlechtesten Spiele. Da war ich aber stocknüchtern.
Ihr Kampfname lautete: Die Axt. Auf dem Platz haben Sie Gegenspielern gedroht, ihnen die Beine zu brechen. Hat diese Raubeinigkeit Ihren Alkoholismus befeuert?
Ja, das war bei mir so. Ich habe es genossen, der härteste Abwehrspieler der Bundesliga zu sein. Ich bin wie mit einer Ritterrüstung durch alles durchmarschiert. Und diese Rüstung konnte ich im Privatleben nicht ablegen. Ich habe mich entsprechend schlecht verhalten, immer den Macho raushängen lassen. Die Gefühle anderer waren mir egal, und über meine Gefühle konnte ich nicht sprechen. Der härteste Abwehrspieler der Liga spricht nicht über Gefühle.
Sind Profifußballer anfälliger für Süchte als andere Berufsgruppen?
Ich denke, man kann hier sowohl von Spitzensportlern als auch im Allgemeinen von Menschen sprechen, die unter massivem Druck und in der Öffentlichkeit stehen. Man steht immer im Blick der Zuschauer und der Medien. Wenn ein Spieler am Wochenende den entscheidenden Fehler macht, steht hinterher in der Zeitung: Der Junge hat das Spiel alleine verloren. Wer nicht so gut mit dem Druck umgehen kann, flüchtet sich möglicherweise in eine Sucht.
Der Spitzensport bietet aber auch viele Annehmlichkeiten: Ruhm und Reichtum in jungen Jahren.
Das gehört dazu, na klar. Es gibt viele Faktoren, die eine Sucht begünstigen. Ich habe es auch genossen, in der Altstadt angesprochen zu werden. Und wenn es dann hieß: Trink doch einen mit uns, dann habe ich getrunken. Ich habe alles mitgenommen, was der Profifußball geboten hat. Allerdings machen Ruhm und Reichtum nicht glücklicher.
Jetzt geben Sie an, mit sich im Reinen zu sein. Woran erinnern Sie sich heute, wenn Sie auf Ihre Zeit als Profi-Fußballer zurückblicken: An Meisterschaften und Pokalsiege? Oder an Ihren Alkoholismus?
Die Erfolge gehören zu mir, darauf bin ich wahnsinnig stolz. Aber eins ist ja wohl klar: Dass ich seit über zwölf Jahren trocken bin, schätze ich hundertmal höher ein als alle meine Titel.
