- Die Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB) haben es lange abgelehnt, ein Abbiegeassistenzsystem an ihren Bussen anzuschaffen.
- Doch nach tödlichen Unfällen hat ein Umdenken stattgefunden.
- Die Rundschau machte in den engen Straßen Kölns den Praxistest.
Köln – Es war ein Moment, nachdem vieles nicht mehr so sein sollte, wie es vorher war. Als im Mai 2018 der siebenjährige Maurice unter den Rädern eines Müllautos in Widdersdorf starb, zerbrach etwas für immer in seinen Eltern. Das Leben des Fahrers geriet aus den Fugen. Für die Abfallwirtschaftsbetriebe (AWB) stand mehr als je zuvor fest, für die Müllwagen braucht es ein Assistenzsystem, das den Fahrern mehr Übersicht gibt. Das System musste maßgeschneidert werden. Jetzt sind alle 117 Müll-Lkw der AWB damit ausgerüstet. Die Rundschau machte in den engen Straßen Kölns den Praxistest.
Wer auf dem Bock des 14-Tonners (Leergewicht) sitzt, thront über der Stadt. Gemütlich ist der Job deshalb noch lange nicht. Der Kopf von Danko Kirchberg – seit rund 20 Jahren bei der AWB, erst als Fahrer, nun als Disponent – steht nicht still. Unaufhörlich schweift sein Blick von den Spiegeln auf der Fahrer- zu denen auf der Beifahrerseite. Und auf dem Weg dazwischen sitzt nun ein Bildschirm in der Größe handelsüblicher Navigationssysteme. Darauf zu sehen: Das Müllauto aus der Vogelperspektive und sein Umfeld in einem Radius von mindestens drei Metern.
Alle Passierenden werden dargestellt
Maurice war mit seinem Rad auf dem Bürgersteig hinter parkenden Autos unterwegs. Für wenige Sekunden hätte der Müllwagenfahrer ihn beim Abbiegen in seinem Spiegel sehen können, bevor er im Toten Winkel verschwand. Wie der Teufel es wollte, schaute er in dem Moment woanders hin. Hätte es damals das für die AWB geschaffene Assistenzsystem schon gegeben, er hätte den Jungen viel früher und viel länger auf dem Schirm gehabt. „Vier Kameras, jeweils eine pro Fahrzeugseite, liefern die Bilder, aus denen ein Computer das Bild aus der Vogelperspektive errechnet“, sagt Dr. Bert Schröder, Abteilungsleiter Fahrzeugtechnik.

Das Müllauto aus der Vogelperspektive und sein Umfeld in einem Radius von mindestens drei Metern.
Copyright: Meike Böschemeyer
Der Effekt: Nichts auf dem Bildschirm lässt erahnen, dass es sich nur um eine Simulation handelt. Es wirkt, als flöge eine Drohne über dem mächtigen Wagen und liefere Luftaufnahmen. Kirchberg setzt den Blinker nach rechts, um in eine enge Wohnstraße abzubiegen. „Im Grunde ist das die Situation, wie sie sich damals in Widdersdorf darstellte.“ Die Vogelperspektive auf dem Bildschirm vor ihm verschiebt sich. Der Blick rückt nun weiter in den Bereich hinein, in den er einfahren möchte. Alle passierenden Autos und Fußgänger werden dargestellt.
AWB ist Pionier im Stadtwerkekonzern
Die Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB) haben es lange abgelehnt, ein Abbiegeassistenzsystem an ihren Bussen anzuschaffen. Das sei nicht praktikabel und die Spiegel böten ausreichend Überblick, hieß auch noch nach tödlichen Unfällen. Doch es hat ein Umdenken stattgefunden. Seit einigen Monaten testet der Verkehrs-Betrieb drei Systeme. Die Tests laufen noch.
Die Rheinenergie sieht in ihrem Bereich keine Notwendigkeit für ein solches Sicherheitssystem. Der Energie- und Frischwasseranbieter hat kaum Wagen von der Größenordnung eines Müll-Lkw in Betrieb. Bei uns bewegt sich das im Transit-Format“, so ein Sprecher.
Die Stadtentwässerungsbetriebe haben nach dem Unfall der AWB umgehend reagiert. Es wurde entschieden, bei Neuanschaffung von Großfahrzeugen ein Abbiegeassistenzsystem zur Voraussetzung zu machen.
Die Stadtverwaltung selbst hat kaum Großfahrzeuge. Aber beispielsweise die Pritschenwagen im Grünflächenamt erhalten auch Assistenten. Bei Neuausschreibungen werden solche Systeme ab sofort zur Pflicht gemacht. (ngo)
Was allerdings nicht passiert: Dass ein Warnsignal ertönt, wenn dem Müllwagen etwas zu nah kommt. „Wir haben verschiedenste Systeme in der Praxis ausprobiert“, sagt Schröder. „Bei den großen Wagen und in den engen Wohngebieten schlagen die Piepser permanent aus. Die Erfahrung zeigt, nach dem zehnten unnötigen Alarmsignal reagieren die Fahrer nicht mehr darauf. Das System wird wirkungslos.“ Dafür wurde der Bildschirm mittig auf dem Armaturenbrett installiert, auf halbem Wege des permanenten Blickwechsels der Fahrer.

Jetzt sind alle 117 Müll-Lkw der AWB damit ausgerüstet.
Copyright: Meike Böschemeyer
Kirchberg hat nicht Augen und Ohren genug. Langsam muss er in eine Seitenstraße zirkeln. Zwischen dem Müll-Lkw und den parkenden Autos passt keine Zeitung mehr. Fußgänger schlängeln sich hinter dem 14-Tonner durch. Ein unter Zeitdruck stehender Lieferant im Sprinter hupt. Kirchberg muss den Rückwärtsgang einlegen, zurücksetzen, um die Kurve zu kriegen. „Immer die Ruhe bewahren“, kommentiert er das Hupen und legt den Blick auf den Bildschirm.

Die Rundschau machte in den engen Straßen Kölns den Praxistest.
Copyright: Meike Böschemeyer
Das Wagenumfeld stellt sich weiterhin dar, aber nun mit vergrößertem Blickfeld im Heckbereich. Mehr noch: Der Lkw wird transparent wiedergegeben. Kirchberg kann von oben zwischen die Reifen der hinteren Doppelachse schauen. „Würde sich während des Rangierens ein Kind zwischen die Reifen verirren, ich könnte es jetzt sehen.“
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Alle Lkw-Fahrer der AWB wurden in das neue System eingewiesen. Wie reagieren sie darauf? „Grundlegend begrüßen sie das zusätzliche Maß an Sicherheit. Aber sie fragen sich auch sorgenvoll: Was passiert jetzt mit mir, wenn es dennoch zu einem Unfall kommt?“ Kirchberg beruhigt: „Es gibt keine 100-prozentige Sicherheit. Wir können Gefahren minimieren, aber nicht ausschalten.“


