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„Das war keine Aufarbeitung“Betroffene beziehen auf der Domplatte Stellung

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Kundgebung am Dom

Den nächsten Schritt fest ins Auge gefasst hat Matthias Katsch. Ein unabhängige Institution soll mit Hilfe der Politik eine Aufarbeitung leisten. 

Köln – „Der Kardinal hat einen Freispruch bestellt, und er hat ihn bekommen. Chapeau.“ Matthias Katsch, Vertreter des Opferverbandes Eckiger Tisch, ist abgeklärt, was das Missbrauchsgutachten angeht. Zumindest scheint es so. „Wir haben uns davon nicht viel erwartet. Und der Anwalt hat als Strafverteidiger einen ausgezeichneten Job gemacht. Nur das dass der Kirche und den Menschen, die als Kinder von Geistlichen missbraucht wurden, nicht weiterhilft.“

Vor dem Dom-Hauptportal haben von Missbrauch Betroffene aus ganz Deutschland die Übergabe des Gutachtens an Kardinal Rainer Maria Woelki auf einem Laptop verfolgt. Sie sitzen dabei auch auf einer 20 Meter langen schmalen Bank. Die ist symbolisch gemeint. „Sie steht für die Hinhaltetaktik und die Vertuschung, wie sie durch Verantwortliche in den Bistumsleitungen seit Jahrzehnten praktiziert wird“, sagt Jutta Lehnert.

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Die 65-Jährige ist Pastoralreferentin in Koblenz und Moderatorin von MissBIT, einem Verein, der sich um Missbrauchsopfer im Bistum Trier kümmert. Sie ist maßlos enttäuscht vom Ergebnis des Gutachtens. „Statt eines juristischen Herangehens haben wir auf eine echte Übernahme von Verantwortung gehofft.“

Protest am Dom

Hängematte statt  Selbstkritik:  Mit einer Skulptur  machen Betroffene ihre Einschätzung deutlich.

Bei Menschen, die als Kinder von Geistlichen missbraucht wurden, dauere es oft sehr lange, bis sie sich öffnen können. „Wenn sie dann noch nicht einmal gehört werden, werden sie noch ein weiteres Mal traumatisiert“, sagt Lehnert. Deshalb ist Anne S. (Name geändert) dankbar, dass es MissBIT gibt und sie mit dem Erlebten nicht mehr alleine ist. „Ich wurde vom Küster unserer Dorfkirche missbraucht, bis ich sieben war. Das hat mein Leben geprägt“, sagt die 56-Jährige, die an starken psychischen Beeinträchtigungen leidet.

Jutta Lehnert

Jutta Lehnert, Pastoralreferentin: „Ich glaube, die Kirche in dieser Form ist nicht mehr zu retten. Was wir brauchen, ist ein absoluter Neuanfang“

Und: „Geglaubt hätte mir das damals niemand.“ So ging es auch Agnes W.. Sie ist Mitglied einer Betroffenengruppe aus München und ganz früh am Morgen in den Zug gestiegen, um die Veröffentlichung des Gutachtens in Köln zu verfolgen. W. kämpft seit Jahren mit einem Expertenkreis um eine angemessene Entschädigung der Opfer. Und für die Übernahme von Verantwortung durch die Täter. Bislang vergebens.

„Das war keine Aufarbeitung“

„Vielleicht werden wir die Erkenntnisse des Gutachtens nutzen, um in Einzelfällen zu klagen“, sagt Katsch. Allerdings dauere der Klageweg erfahrungsgemäß zehn Jahre. Zu lang für die Opfer. Zudem gebe es im deutschen Recht keinen Straftatbestand, der Vertuschung von sexuellem Missbrauch durch Vorgesetzte ahnde. „Das war keine Aufarbeitung“, so Katsch. Die muss jetzt eine unabhängige Institution leisten, die sich auch zutraut, moralische Urteile zu fällen. Bald, bevor noch mehr Verantwortliche sterben.“ Und: „Die Politik hat zehn Jahre zugeguckt, wie wir versucht haben, aufzuklären.“ Jetzt müsse die Aufklärung endlich auf Landes- oder Bundesebene durch die Politik erfolgen. „Wir werden weiter Fragen stellen. Und hoffen, dass nicht alle austreten, die eine andere Kirche wollen.“

Reaktionen

Stadtdechant Robert Kleine: Nur durch Gerechtigkeit für die von Missbrauch Betroffenen kann kirchlicherseits Vertrauen zurückgewonnen werden. Maßstab allen Handelns und der nächste Schritt muss es daher sein, dass die Kirche von Köln die Opfer stärker als bisher in den Blick nimmt. Es ist für mich nur folgerichtig, dass bereits am heutigen Tage persönliche Konsequenzen gezogen werden, auch wenn ich mir diese bereits zu einem früheren Zeitpunkt des Aufklärungsprozesses gewünscht hätte.

Katharina Dröge und Sven Lehmann, MdB, Grüne: Der Erzbischof muss sich überlegen, ob er noch das nötige Vertrauen genießt, den weiteren Weg zu gehen. Kardinal Woelki muss erklären, wer die Verantwortung für die gravierenden Vorfälle und eklatanten Missstände übernimmt.

Die Initiative Maria 2.0 veranstaltet am heutigen Freitag ab 17 Uhr auf dem Roncalliplatz eine Solidaritätskundgebung unter dem Motto: „An eurer Seite für Gerechtigkeit“.

Einfach nur fassungslos ist Esther Kilian, die mit ihrem Vater, einem Betroffenen, auf die Domplatte gekommen ist. „Wie kann man mit Überforderung oder fehlenden Fortbildungen begründen, dass nicht gegen Missbrauch vorgegangen wurde? Das ist doch ein so klares Unrecht. Und so eindeutig nicht mit christlichem Handeln zu vereinbaren.“ „Missbrauch und Vertuschung, für mich fühlt sich das an wie im Mittelalter. Auch heute wieder “, sagt Julia F.. Vor kurzem ist sie aus der Kirche ausgetreten. Was die Initiative Maria 2.0. tue, verfolge sie aber mit Interesse, so die 24-jährige angehende Erzieherin. „Da bewegt sich etwas.“

Für Veränderung setzt sich auch Pastoralreferentin Lehnert ein. „Ich glaube, die Kirche in dieser Form ist nicht mehr zu retten. Was wir brauchen, ist ein absoluter Neuanfang.“ Und womöglich die Antwort auf eine Frage, die Matthias Katsch sich auf der Domplatte stellt. „Wie kann jemand über Jahrzehnte in einer Führungsposition Verantwortung haben, ohne für irgendetwas verantwortlich zu sein?“