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Dat Wasser vun KölleIm Rhein schwimmen Tausende „unbekannte“ Stoffe

8 min
Der Rhein mit der Skyline von Köln

Der Rhein ist wichtige Lebensader und soll demnächst Wasser für eine Seenlandschaft im Tagebaugebiet abgeben.   

Wie sauber ist das Wasser im Rhein? Das Landesumweltamt vermutet, dass rund 30 000 Chemikalien in Deutschlands größtem Fluss schlummern.

Ein grausiger Fund am Rhein gibt Rätsel auf: Eine junge Aktivistin wird tot ans Ufer gespült. Zwei Kommissare nehmen die Mordermittlungen auf und geraten in ein Netz aus Umweltverschmutzung, Online-Drohungen und verschlüsselten Firmendaten, bis sie schließlich brisante Informationen über einen großen regionalen Chemiekonzern an die Oberfläche bringen. Das ist der Plot für das Stück „Dat Wasser vun Kölle es jot“ des Schauspiels Köln, das heute Abend Premiere feiert und das sich an in dieser Woche veröffentlichte Rechercheergebnisse des Rechercheportals Correctiv anlehnt, wonach der Rhein mit Hunderten unbekannten Substanzen verunreinigt ist. Vor allem im Rheinischen Reviers horchte man angesichts der mutmaßlichen Bedrohung auf, da dort im ehemaligen Tagebaugebiet eine große Seenlandschaft entstehen soll – die mit Rheinwasser geflutet wird.

Was wurde im Rhein untersucht und gefunden?

Laut Correctiv sollen im Rhein Tausende unbekannte Chemikalien aus Haushalts- und Industrieabwässern schwimmen, von denen niemand wisse, wie gesundheitsschädlich sie seien. Correctiv hatte Wasserproben an drei Stellen im Rhein entnommen und untersuchen lassen. Eine davon in Höhe Dormagens, dort wo künftig eine Pipeline das Rheinwasser in den Tagebau Hambach und Garzweiler pumpen soll. Der Baustart soll Mitte März erfolgen. Milliarden Kubikmeter Rheinwasser sollen dann über 40 Jahre sukzessive dorthin geleitet werden.

Was sind unbekannte Stoffe und welches Risiko bergen sie?

Die Proben seien, so räumt das Rechercheportal ein, nicht repräsentativ, aber sie zeigten: „In einem Glas Rheinwasser finden sich an einem beliebigen Tag Hunderte Stoffe unbekannter Herkunft.“ Nach groben Schätzungen des Landesamtes für Natur, Umwelt und Klima (LANUK) treiben etwa 30.000 Chemikalien im Rhein. Nur bei einem Bruchteil kennen Forscher die Wirkung auf Mensch und Umwelt. Die Behörden registrierten zwischen 2020 und 2025, so die Correctiv-Analyse, 65-mal auffällige Stoffe im gesamten Rhein, die sie aufwendig prüften. Am Ende, so der Recherchebericht, konnten nur 44 dieser Substanzen eindeutig oder wahrscheinlich bestimmt werden. Nicht alle seien potenziell gefährlich; manche entfalteten ihre schädliche Wirkung erst ab hohen Konzentrationen. Unter den identifizierten Stoffen fänden sich auch solche, die nicht routinemäßig überwacht werden, darunter ein vermutlich krebserregender.

Lassen sich unbekannte Stoffe überhaupt beurteilen?

Das LANUK hatte die Recherchen mit Klaus Furtmann, dem LANUK-Abteilungsleiter für die Labor-Analytik im Wasserbereich, sehr eng begleitet. Der sagt: „Wir prüfen täglich auf bekannte Stoffe, um potenziell für Mensch und Natur schädliche Stoffe zu ermitteln. Bei unbekannten Stoffen können wir naturgemäß nicht beurteilen, ob sie schädlich sind – sie entziehen sich weitgehend unserer Kontrolle.“

Und wie werden unbekannte Stoffe identifizierbar?

Die Experten wenden bei Proben mit unbekannten Stoffen die so genannte Non-Target-Analytik an. Sie dient dazu, auch Signale oder Spuren zu erkennen, die nicht zu den routinemäßig zielgerichtet überwachten Stofflisten gehören. Dies kann, so heißt es auf der Website des LANUK, durch Abgleich mit bekannten Datenbanken, durch Anwendung von Algorithmen zur Strukturaufklärung oder durch manuelle Interpretation der Massenspektren erfolgen. Für eine eindeutige Identifizierung muss die verdächtige Substanz als Reinsubstanz vorliegen, um sie anhand verschiedener Kriterien (Masse, Isotopie, Fragmentspektrum und Retentionszeit) verifizieren zu können.

Was muss man über die Konzentration der Stoffe wissen?

In welcher Konzentration muss man sich unbekannte Stoffe eigentlich anschauen oder überwachen? Es gibt laut LANUK keine pauschale Konzentrationsgrenze für „unbekannte Stoffe“. Unbekannte Signale werden zunächst anhand ihrer Auffälligkeit gegenüber dem Normalzustand bewertet. Dazu gehören beispielsweise ungewöhnliche Peaks, wiederkehrende Muster oder räumliche Häufung. Ob und wie weiter untersucht wird, hängt vom Einzelfall ab. Für bekannte Stoffe existieren rechtliche Vorgaben.

Überschreitet ein neu entdeckter Stoff den allgemeinen Vorsorgewert von 0,1 µg/L (Mikrogramm/Liter), wird die Gewässerrelevanz geprüft, heißt es auf der Website das LANUK: Je nach Stoffeigenschaft und Konzentration im Gewässer erfolgt das weitere Vorgehen, zum Beispiel durch Aufnahme in die Regelüberwachung oder ins Echo-Messprogramm (Schnelle Ermittlung der Relevanz neuer Spurenstoffe für die Gewässer in NRW).

Welches Gesundheitsrisiko geht von den Stoffen aus?

Der Ökotoxikologe Werner Brack vom Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung ist laut Correctiv überzeugt, „der Chemiecocktail im Flusswasser kann unsere Gesundheit massiv beeinflussen“. Correctiv kommt laut eigener Analyse zu dem Schluss: „Wie schädlich diese Stoffe sind, bleibt unklar. Um das herauszufinden, wären Tests nötig, die Monate oder sogar Jahre dauern könnten.“ Das LANUK kann für einen „unbekannten Stoff“ kein pauschales Gesundheitsrisiko angeben, erklärt ein Sprecher auf Rundschau-Anfrage. „Ein analytisches Signal allein ist noch keine Risikoaussage. Erst wenn eine Substanz eindeutig identifiziert wurde oder sich aus Konzentration, zeitlicher Dynamik und räumlicher Ausbreitung konkrete Hinweise auf eine mögliche Betroffenheit ergeben, entsteht Relevanz. In diesem Fall werden die zuständigen Stellen informiert und weitere Schritte eingeleitet.“

Schlummern im Rhein seit Jahren unbekannte Stoffe?

Das bejaht der LANUK-Sprecher, grundsätzlich, denn es gebe immer Stoffe, die (noch) nicht Teil routinemäßiger Zielstoff-Listen seien oder für die Referenzdaten fehlten. „Genau deshalb nutzen wir die Non-Target-Analytik: um Auffälligkeiten zusätzlich zum Routine-Monitoring sichtbar zu machen und bei Bedarf vertiefend nachzugehen.“ Unbekannt bedeute dabei allerdings nicht automatisch gefährlich.

In den letzten Jahren haben Wissenschaftler und Gesundheitsexperten auch wiederholt auf die Gefahren so genannter Ewigkeitschemilkalien (PFAS) hingewiesen, die in unzähligen Verbindungen existieren, in der Produktion unzähliger Konsumgüter eingesetzt werden und als gesundheitsgefährdend für Menschen und andere Lebewesen, teilweise auch als krebserregend gelten. Aus dem Trinkwasser würden diese inzwischen durch Aktivkohlefilter herausgefiltert, betont ein Sprecher des Kölner Versorgers Rheinenergie: „Die Rheinenergie hält heute bereits verschärfte Grenzwerte dafür sicher ein, obwohl diese Grenzwerte teils erst ab 2028 in Kraft treten werden.“

Wie werden Einleitungen grundsätzlich überwacht?

Bezogen auf kommunale oder industriellen Kläranlagen, erfolgen die Einleitungen laut LANUK auf Grundlage wasserrechtlicher Erlaubnisse mit festgelegten Anforderungen und Grenzwerten. Die Überwachung erfolge grundsätzlich durch eine Kombination aus Betreiberpflichten. Dazu gehörten die Eigenkontrolle sowie Dokumentationen und die behördliche Kontrolle in Form von Überwachungen durch Probenahmen und Auswertungen durch die jeweils zuständigen Vollzugsbehörden. Zusätzlich liefere die Gewässerüberwachung des Landes Hinweise auf Belastungsentwicklungen im Gewässer selbst. Grundsätzlich sei auch eine Verursachersuche möglich, in der Praxis sei diese jedoch deutlich komplexer als die Vorgehensweise „Stoff gefunden – Einleiter identifiziert“, so das LANUK weiter. Gerade bei unbekannten und mehrdeutigen Signalen fehle zunächst die belastbare Zuordnung zur Einzelsubstanz. Hinzu kämen Verdünnung, Abbau- und Umwandlungsprozesse, Mischungen sowie die zeitliche Dynamik in einem Oberflächengewässer. Entsprechend sei die Verursachersuche ein mehrstufiges Verfahren.

Was sagen die Umweltschützer?

Der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) in NRW vermutet gerade bei den industriellen Einleitungen eine hohe Dunkelziffer. „Die Industrie weiß mehr, als sie zugibt“, sagt Wasserexperte Paul Kröfges. „Wir fordern schon seit Jahren das ‚gläserne Abwasserrohr‘. Vor allem die chemische Industrie am Rhein müsse endlich offenlegen, was sie alles in den Rhein pumpe. Außerdem weist der Wasserexperte darauf hin, dass es ja nicht um eine isolierte Chemikalie gehe. „Die möglichen Wechselwirkungen der Stoffe stellen ein weiteres Problem für Gesundheit und Umwelt dar.“

Wie steht es mit dem Rheinwasser im Tagebau?

Dass unbekannte Stoffe im Rhein durch die Rheinwassertransportleitung in den Tagebau gelangen können, ist für Körfges offensichtlich: „Natürlich!“ Wenn sich das Rheinwasser dort bei der Einleitung mit dem Grundwasser mische, würde das zur Verschlechterung der Wasser- und auch der Trinkwasserqualität führen. Der BUND fordert deshalb: Das Rheinwasser muss vorher aufbereitet werden! Auch das Wasserbündnis Rheinisches Revier befürchtet, mit dem Rheinwasser, das RWE in den künftigen Hambacher und Garzweiler See pumpen will, könnten auch Schadstoffe in die Region gelangen. „Durchschnittlich circa 340 Millionen Kubikmeter belastetes Rheinwasser pro Jahr dürften durch die geplante Rheinwassertransportleitung ungereinigt in die Gruben gepumpt werden“, heißt es vom Wasserbündnis. Die Schadstoffe könnten dann in die entleerten Grundwasserleiter einsickern. Die unbekannten Stoffe bereiten dem Bündnis Sorge: „Oft kann nur die Existenz eines unbekannten Stoffes nachgewiesen werden, nicht aber seine Herkunft, seine genaue chemische Struktur und Wirksamkeit. Dies stellt eine noch größere Gefahr für das Grundwasser und nachfolgend für unser Trinkwasser dar.“ RWE sieht das anders. Das Unternehmen verwies zuletzt in der Rundschau auf Voruntersuchungen und erklärte, die Qualität des Rheins sei für die Befüllung der Seen ausreichend. „Vielerorts wird ufernah gewonnenes Brunnenwasser aus dem Rhein für die Trinkwasserversorgung verwendet.“ Es gebe umfassende Beprobungen und fundierte Monitorings, die auch während der Seebefüllung fortgeführt würden.

Wie sehr ist aktuell unser Trinkwasser gefährdet?

Bei der Rheinenergie wird man auf Rundschau-Anfrage sehr deutlich: „Kein deutsches Wasserwerk entnimmt Flusswasser aus dem Rhein.“ Die Correctiv- Recherche hinterlasse bewusst den Eindruck, als versorgten sich die deutschen Wasserwerke aus der fließenden Welle des Rheins beziehungsweise man tue so, als seien die Grundwasserbrunnen, die sich in wenigen Hundert Metern Entfernung vom Rheinufer befinden, direkt mit Rheinwasser geflutet.

Wie wird denn für sauberes Trinkwasser Sorge getragen?

Der Rheinenergie nennt auf Rundschau-Anfrage mehrere seit Jahrzehnten „sehr wirksame, teils natürliche, teils in den Wasserwerken des Rheingebiets befindliche Schutzmechanismen gegen unerwünschte Fremdstoffe im Wasser – bekannte wie unbekannte: Dazu gehöre etwa die Bodenpassage des Wassers, das wochenlang brauche, um aus dem Untergrund des Rheinbettes in den Grundwasserbrunnen anzukommen. Dabei werde es durch die Bodenschichten, Sand und Kies sowie Mikroorganismen mehrfach gereinigt. Die Wasserwerke am Rhein, auch die Rheinenergie, forschten zudem auch zu unbekannten Stoffen und Stoffgruppen, tauschen sich mit Behörden und Forschungseinrichtungen aus und bewerteten es ständig neu aus Sicht der Trinkwasserversorgung.