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Interview

Domdechant schlägt Alarm
„Die Reinigung des Kölner Doms wird immer teurer“

8 min
Künftig soll die Besichtigung des Kölner Doms Eintritt kosten.

Künftig soll die Besichtigung des Kölner Doms Eintritt kosten.

Monsignore Robert Kleine (59) ist Dom- und Stadtdechant von Köln. Im Interview spricht er über den künftigen Eintritt in die Kathedrale, Probleme im Domumfeld und die Zusammenlegung von Gemeinden in Köln.

Der Dom soll ab der zweiten Jahreshälfte für Touristen Eintritt kosten. Welcher Betrag wäre aus Ihrer Sicht angemessen? Fünf Euro, zehn Euro oder mehr?

Darüber diskutieren wir zurzeit noch im Domkapitel. Wir müssen das genau abwägen. Wenn man Eintritt nimmt, gibt es auch einen ermäßigten Eintritt und einen freien Eintritt. Dieses Gefüge müssen wir uns genau anschauen. Ich denke, die Maßgabe bei der Kalkulation muss sein: Wie können wir durch den Eintritt die Mittel einnehmen, die wir für den Erhalt des Doms brauchen? Uns rennen die Kosten davon. Die bisherigen Schritte reichen nicht.

Welche Maßnahmen sind das?

Wir haben versucht, durch die Erhöhung des Eintritts für die Turmbesteigung und die Schatzkammer die Einnahmen zu erhöhen. Wir haben im Dom ein schönes Spendengefäß aus Plexiglas aufgestellt und deutlich gemacht: Der Erhalt der Kathedrale kostet 44.000 Euro am Tag. Hätte jeder Besucher einen Euro reingetan, hätten wir im Jahr sechs Millionen Euro zur Verfügung. Aber manchmal waren am Ende eines Tages mit rund 20.000 Besuchern da nur 700 Euro drin.

Warum sind die Kosten für den Erhalt des Doms so sehr gestiegen?

Ich nenne Ihnen ein Beispiel. Der Dombaumeister hat vor kurzem dargelegt, dass das Strebewerk auf der Südseite des Domes in den nächsten Jahrzehnten saniert werden muss. Hier muss ein erheblicher Steinaustausch erfolgen aufgrund der Umweltbelastungen der letzten Jahrzehnte. Wenn ich alleine diese Baumaßnahme betrachte, ist offensichtlich, dass man das mit Kerzengeld, wofür am Tag viele Besucher 50 Cent einwerfen, nicht finanzieren kann. Das Baumaterial wird teurer, die Personalkosten für unsere rund 85 Mitarbeitenden in der Dombauhütte steigen. Insgesamt arbeiten sogar 170 Menschen an unserem Dom. Wir haben das Thema Besichtigungsgebühr lange im Domkapitel beraten und schließlich einen einstimmigen Beschluss gefasst.

Aber wieso kommt die Finanznot so plötzlich? War das nicht früher absehbar?

Durch die Krisen der vergangenen Jahre wie Corona und Ukrainekrieg samt der damit verbundenen Belastungen waren wir gezwungen, Geld aus den Rücklagen zu nehmen. Aber die sind endlich. Und nun kommt eines zum anderen. Im Bereich Sicherheit und Energie müssen wir mit steigenden Kosten rechnen. Auch die Reinigung des Doms wird immer teurer.

Warum ist das so?

Wir machen leider die Erfahrung, dass manche Besucher im Dom ein Verhalten an den Tag legen, das uns zwingt, den gesamten Boden alle zwei Nächte feucht zu reinigen. Zwei Arbeitskräfte mit speziellen Nassreinigungsmaschinen sind damit mehrere Stunden beschäftigt. Wenn Sie sehen, wie viel Kaugummi im Dom-Inneren liegt, auch auf dem Mosaik von 1880 am Dreikönigsschrein, dann frage ich mich: Wer kommt auf die Idee, hier im Dom im Gehen sein Kaugummi auszuspucken? Man glaubt ja nicht, was sich hier alles abspielt im Dom.

Monsignore Robert Kleine, Dom- und Stadtdechant von Köln.

Monsignore Robert Kleine, Dom- und Stadtdechant von Köln.

Ich weiß noch, als ich 1993 zum Priester geweiht wurde, standen am Portal nur zwei Domschweizer mit einem Kästchen, in das man Geld einwerfen konnte. Man brauchte damals viel weniger Personal. Heute ist das anders. Bei manchen Besuchern fehlt jeder Respekt. Wenn Domschweizer erklären, dass man nicht mit einem Hund in den Dom darf oder mit einer Cola in der Hand, stoßen sie immer wieder auf Unverständnis. Und mancher Besucher wird sogar handgreiflich.

Erwarten Sie, dass sich die Situation nach Einführung eines Eintrittsgeldes verbessert?

Vor allem benötigen wir die Besichtigungsgebühr, damit der Dom auch folgenden Generationen erhalten bleibt. Und als Nebeneffekt können wir wahrscheinlich die Reinigungsfrequenz verringern. Wenn Menschen Eintritt für ihre Besichtigung bezahlen, wird ihnen auch verdeutlicht: Sie betreten jetzt einen besonderen Ort. Ich glaube, dass die Zugangsregelung zum Gebet und zur Besichtigung dem Dom insgesamt guttun wird.

Touristen sollen künftig bezahlen, Beten im Dom soll aber kostenlos bleiben. Wie wollen Sie das regeln? Planen Sie eine Art Glaubenskontrolle am Eingang?

Natürlich nicht. Sehen Sie: Es gibt schon heute eine Öffnungszeit und eine Besuchszeit. Von sechs bis zehn Uhr öffnen wir schon heute nur das Nordportal, dann kommen Sie in den Dom hinein, insbesondere zum Gebet und Gottesdienst, aber nur in einen Teilbereich. Sie können nicht den ganzen Dom besichtigen und durch das Langhaus bis zum Westportal gehen. Von zehn Uhr an bis zirka 18 Uhr wird der gesamte Dom für Besucher und Beter geöffnet. Dann kommen auch die Touristengruppen. Und abends sagen wir: Jetzt ist keine Besuchszeit mehr, jetzt finden Gottesdienste statt.

Die künftige Eintrittsgebühr für Touristen wird es in der Zeit geben, wenn der gesamte Dom geöffnet ist. Wir werden keine Gottesdienste streichen oder verlegen. All das, was jetzt an Gottesdiensten stattfindet, wird auch weiterhin stattfinden. Das gilt auch für die Beichtgelegenheiten.

Kommen wir zur Zusammenlegung der Gemeinden. Aus ehemals 36 Seelsorgebereichen in Köln sind zehn pastorale Einheiten geworden, die immer größere Gebiete abdecken. Vertrautes bricht weg. Der Katholikenausschuss spricht von Unmut an der Basis. Wie erleben Sie das?

Als katholische Kirche machen wir diesen Prozess nicht, weil wir es wollen, sondern, weil wir es müssen. Die personellen und finanziellen Ressourcen des Erzbistums werden geringer. Das Kirchenrecht sieht vor, dass eine Kirchengemeinde von einem Priester geleitet wird. Auf dem Gebiet der Stadt Köln haben wir demnächst noch zehn pastorale Einheiten mit zehn leitenden Pfarrern: Damit ist klar, dass diese Einheiten groß sind mit zirka 30.000 Katholiken. Diese Gläubigen sind nun eingeladen und haben die Möglichkeit, den Prozess des Zusammenwachsens und damit die zukünftige inhaltliche Arbeit ihrer Gemeinden mitzugestalten. Ein (Kirch-)Ort ist und bleibt solange lebendig, wie ihn Menschen lebendig halten.

Wenn zum Beispiel ein Team von engagierten Gemeindemitgliedern sagt: Wir öffnen unsere Kirche und wir laden morgens zu einer Andacht ein; wenn sich die Frauengemeinschaft trifft und alleinlebende Menschen aus dem Veedel einlädt, wenn sich Jugendliche verabreden, um zu essen oder Musik zu hören und dabei über ihren Glauben, Gott und die Welt zu sprechen oder wenn es einen aktiven Kirchenchor gibt, eine Kita, die das Kirchenjahr mitlebt, dann entsteht Leben in der Gemeinde. Bei allem, was die Zusammenlegungen an Verlust bedeuten, sehe ich eine Chance darin. Es kann nicht mehr wie früher alles der Pfarrer machen. Die Gläubigen können selbst die Gemeinde vor Ort mitgestalten.

Aber es gibt Gläubige, die sagen: Wenn in meiner Kirche um die Ecke keine Messe mehr ist, gehe ich gar nicht mehr in die Kirche.

Diese Haltung kenne ich, muss aber dagegenhalten. Es geht ja bei „Kirche“ nicht um ein liebgewordenes Gebäude, sondern um Gemeinschaft und Begegnung. In erster Linie mit Gott, in der Eucharistie mit Jesus und der versammelten Gemeinde. In Skandinavien, aber auch im Norden und Osten Deutschlands, wo Katholiken in der Diaspora leben, habe ich erlebt, dass Gläubige hundert(e) Kilometer weit fahren, um sonntags gemeinsam Gottesdienst zu feiern und Zeit miteinander zu verbringen. Die Gläubigen nehmen Entfernung und Zeit auf sich, um in der Eucharistie durch das Evangelium und erlebte Gemeinschaft für den Alltag gestärkt zu werden. Ich wünschte mir, dass diese Sichtweise auch bei uns zunimmt, wo ich den nächsten Gottesdienst meistens schon in einigen Kilometern Entfernung mitfeiern kann.

Der Katholikenausschuss fordert eine stärkere ökumenische Zusammenarbeit, um möglichst in jedem Veedel die kirchliche Struktur zu erhalten. Wie stehen Sie dazu?

Das sehe ich genauso. Da ziehen wir an einem Strang. Das Stadtdekanat hat mit dem Katholikenausschuss und dem evangelischen Stadtkirchenverband einen Stadtplan entwickelt, in dem alle evangelischen und katholischen kirchlichen Versammlungsorte aufgeführt sind. Das betrifft Kirchen und Pfarrheime oder Jugendheime. Wenn überlegt wird, ein Pfarrheim aufzugeben, sollen sich alle Beteiligten vorher darüber unterhalten, welche Möglichkeiten der ökumenischen Zusammenarbeit es gibt und wie man vermeiden kann, dass mehrere Einrichtungen in einer Nachbarschaft schließen und es dann im Veedel gar keinen Versammlungsort mehr gibt.

Müssen weitere Kirchen geschlossen werden?

Das war bisher nur vereinzelt der Fall. Die aktuelle Konsolidierung soll bis 2030 abgeschlossen sein. Danach werden wir weitersehen.

Wie geht es nach dem Aus für die Historische Mitte mit dem Kurienhaus am Roncalliplatz weiter?

Das Kurienhaus ist weiterhin die Heimat der Dombauverwaltung und des wichtigen Dombauarchives sowie der Personal- und Finanzverwaltung des Domes. Das Domkapitel ist in Beratungen dazu, wie es um die Zukunft des Hauses bestellt ist. Es gibt die Möglichkeit der Generalsanierung oder eines Neubaus an dieser Stelle. Darüber ist noch keine Entscheidung getroffen. Viele Menschen sagen: Warum wollt ihr es überhaupt abreißen? Weil es ein sehr schönes Gebäude von außen ist. Aber es hat als Gebäude aus den 1960er-Jahren erheblichen Sanierungsbedarf. Wir sind dazu mit Architekten im Gespräch, und ich bin zuversichtlich, dass wir im Laufe dieses Jahres wissen, wie es weitergeht.

Wie blicken Sie aktuell auf die Lage im Domumfeld? Stichwort: Sauberkeit, Straßenmusik, Straßenmaler und so weiter.

Es hat sich ein wenig gebessert, aber ich mache keinen Hehl aus meiner Ansicht, dass die Situation am Dom immer noch suboptimal ist. Ich würde mir wünschen, dass die Stadt Köln sich mal ein Beispiel nimmt an anderen Städten.

Was meinen Sie konkret?

Wenn ich am Dom in Mailand oder in Venedig bin, dann sehe ich da keine Straßenmusiker oder Menschen, die sich als Micky Maus verkleidet für ein Foto bezahlen lassen. Sondern das sind Plätze, wo man steht und staunt. Das würde ich mir auch für Köln wünschen. Ich finde es gut, dass die Trankgasse verkehrsberuhigt wurde. Ich würde mir aber wünschen, dass man einen großen Wurf macht und den gesamten Bereich rings um die Kathedrale so beruhigt, wie es der Würde des Doms angemessen wäre. Die Stadt sollte härter durchgreifen, wenn zum Beispiel E-Scooter auf den Gehwegen herumstehen. Ich verstehe auch nicht, warum so häufig Demonstrationen zu allen möglichen Themen auf dem Roncalliplatz vor der Kulisse des Doms stattfinden müssen.

Auch Sauberkeit bleibt ein großes Thema. Die AWB tut, was sie kann, und gibt sich viel Mühe, aber es gibt einfach sehr viele Menschen, die ständig irgendwo ihren Müll fallen lassen. Da bin ich ein Stück weit ratlos. Wie ich den neuen Oberbürgermeister einschätze, will er diese Themen anpacken. Das finde ich sehr gut. Und da, wo wir können, sind wir natürlich gerne Partner und überlegen, wie das gut gelingen kann.