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Demo gegen digitale GewaltRund 5000 Teilnehmende zeigen in Köln Solidarität mit Collien Fernandes

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Die Vorwürfe von Collien Fernandes gegenüber ihrem Ex-Partner lösten eine breite Diskussion über digitale Gewalt an Frauen aus.

Die Vorwürfe von Collien Fernandes gegenüber ihrem Ex-Partner lösten eine breite Diskussion über digitale Gewalt an Frauen aus.

Männer und Frauen demonstrierten Seite an Seite und zogen gemeinsam durch die Innenstadt. 

Bunte Schilder tanzen am Samstagmittag über einem Meer aus Regenschirmen. Ein fast trotzig wirkender Kontrast zum grauen Himmel über Köln. Die Triebfeder für den Protestmarsch unter dem Motto „Gegen digitale und sexuelle Gewalt“ ist mehr als Solidarität mit der Moderatorin und Schauspielerin Collien Fernandes. Es ist die Fortsetzung einer Demonstrationswelle, die nach Berlin und Hamburg mit tausenden Demonstrierenden jetzt auch die Domstadt erreicht hat. Trotz des schlechten Wetters haben sich anstatt der ursprünglich angekündigten 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer laut Polizei über 5000 Menschen am Rudolfplatz versammelt.

Fernandes entfachte Mitte März eine Debatte über digitale Gewalt an Frauen, indem sie schwere Vorwürfe gegen ihren Ex-Partner Christian Ulmen erhob. Mithilfe von Fake-Profilen soll dieser gefälschte Nacktfotos und -videos von der 44-Jährigen verbreitet haben. Fernandes bezeichnete diese Form des Identitätsmissbrauchs als „virtuelle Vergewaltigung“. Neben einer neuen Dimension von geschlechtsspezifischer Gewalt im digitalen Raum mache der Fall auch Gesetzeslücken sowie unzureichenden Opferschutz sichtbar.

Die Demonstrierenden machten auf alle Formen von Gewalt gegen Frauen aufmerksam.

Die Demonstrierenden machten auf alle Formen von Gewalt gegen Frauen aufmerksam.

Viele Protestierende in Köln betrachten den Fall Fernandes als Symptom eines Problems, dessen Wurzeln bis tief in das gesellschaftliche Denken reichen. So greift das Organisationsteam des Aktionsbündnisses „widersetzen“ bei seiner Kundgebung zu Beginn nicht nur digitale Gewalt auf, sondern auch Faktoren, die diese bedingen. Es geht um strukturelle Ungleichheit zwischen den Geschlechtern sowie zahlreiche Erscheinungsformen von Gewalt, denen viele Frauen im Laufe ihres Lebens ausgesetzt sein können. Gewalt, die sich nicht nur körperlich oder digital zeigt, sondern auch psychisch oder verbal.

Nach der Kundgebung ziehen die Demonstrierenden friedlich in vier Blöcken über die Ringe zum Zülpicher Platz und über die Roonstraße. Begleitet von Parolen wie „Raise Your Voice. My Body, My Choice“ („Erhebt Eure Stimmen. Mein Körper, meine Entscheidung“) tanzen Seifenblasen und Songs der Rapperin Ikkimel durch die energiegeladene Luft. Regen, Sonne und Hagel in wechselnder Abfolge spiegeln das Wechselbad der Gefühle wider: Viele Demonstrierende befinden sich zwischen Wut, Euphorie, Stolz und Hoffnung.

„Frauenrechte mussten immer hart erkämpft werden. Ich sehe sie bedroht durch Politik und vielerlei Formen von Gewalt“, sagt Demonstrantin Margo Semrau. „Wir müssen uns auf den Demos sehen, sensibilisieren und vernetzen.“ Die Lösung des Problems sei kein Sprint, sondern ein Marathon. „Trotzdem sollten wir uns nicht spalten oder entmutigen lassen. Jedes einzelne Gespräch miteinander scheint wie ein Wassertropfen, aber wird in der Masse zu einem unaufhaltsamen Strom der Veränderung.“ Sie verschwindet in der Masse, die sich Richtung Aachener Weiher bewegt. Dort kommen die Teilnehmenden zur Abschlusskundgebung vor dem Lautsprecherwagen zusammen.

Carmen Amendt demonstrierte gemeinsam mit ihrem Ehemann.

Carmen Amendt demonstrierte gemeinsam mit ihrem Ehemann.

Demonstrantin Carmen Amendt (30) hört den Rednerinnen gebannt zu. Ihr ein Meter großes Pappschild ziert ein Zitat der feministischen Autorin Tara-Louise Wittwer: „Im Namen der Mutter, der Tochter und der heiligen Wut“. Für Amendt sei es wichtig, Präsenz zu zeigen. „Was Collien Fernandes passiert ist, hat extrem viel an negativen Erfahrungen in mir hochgeholt.“ Bei Gewaltvorwürfen würde man Frauen eher unterstellen, zu lügen, als davon auszugehen, dass sie die Wahrheit sagen. Die Demonstrantin wünsche sich für alle Frauen, dass man deren Probleme ernster nimmt.

„Mit all den Leuten durch Köln zu laufen, hat mir ein richtig gutes Gefühl gegeben und auch etwas in mir geheilt. Unabhängig davon, wie aussichtslos es manchmal erscheint, dürfen wir nicht die Hoffnung verlieren.“ Ihr Mann Niklas Amendt (33) stimmt ihr zu. „Ich finde es wichtig, hier zu sein, auch wenn ich mich als sehr bewusst der Thematik gegenüber einschätze. Aber egal, wie reflektiert man als Mann ist, man darf sich nicht darauf ausruhen.“ Er sieht sich selbst auch als Teil des Problems. „Eigentlich müssten alle Männer mitgehen und mit wütend werden, viele auch auf sich selbst.“