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Wilder Streik 1973Als vor 50 Jahren das Ford-Werk in Köln-Niehl besetzt wurde

Lesezeit 4 Minuten
Mehrere Personen stehen in einem Pulk zusammen.

Der Streik bei Ford in Köln war der erste größere Arbeitskampf in der Bundesrepublik Deutschland, der vor allem von Arbeitsmigranten getragen wurde.

Im August 1973 kam es in den Kölner Ford-Werken zu einem spektakulären Streik, an dem vor allem zugewanderte Arbeitnehmer teilnahmen. 50 Jahre danach erinnerte der Betriebsrat mit Zeitzeugen an die Werksbesetzung.

Wilde Streiks waren in der Bundesrepublik im Sommer 1973 an der Tagesordnung. Angesichts hoher Inflation legten zahllose Beschäftigte der Metallindustrie unter Missachtung der Friedenspflicht die Arbeit nieder, um für mehr Lohn und bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen. Doch keiner dieser Streiks erregte so viel Aufmerksamkeit wie die Besetzung der Kölner Ford-Werke vor 50 Jahren, die damals als „Türkenstreik“ in die Geschichte einging.

Seinen Anfang nimmt der siebentägige Streik am Freitag, 24. August 1973. Die Spätschicht in der Endmontage (Y-Halle) weigert sich zu arbeiten – aus Solidarität mit 300 türkischen Kollegen, die Personalvorstand Horst Bergemann entlassen hat, weil sie verspätet aus dem Urlaub in der Heimat zurückgekehrt sind. Zuvor war das von Ford geduldet worden, verpasste Schichten konnten nachgeholt werden. Doch jetzt statuiert die Geschäftsleitung ein Exempel.

Gegenüber Presse und Öffentlichkeit wird die Arbeitsniederlegung als spontan dargestellt. Doch wie Kölns DGB-Vorsitzender Witich Roßmann in einer neuen Analyse offengelegt hat, erklärt der damalige IG-Metall-Bezirksleiter Karl-Heinz Bräuer schon kurz danach intern: „Die Auseinandersetzung in Niehl ist von unseren Vertrauensleuten ausgelöst worden. Zielsetzung war, den Betriebsrat zu unterstützen in Bandarbeit und 13. Monatseinkommen.“

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Eine Gruppe junger Betriebsräte und Vertrauensleute um den damaligen Vertrauenskörperleiter Wilfried Kuckelkorn (später Ford-Gesamtbetriebsratschef) habe die spontane Arbeitsniederlegung hinter dem Rücken des Betriebsratschefs Ernst Lück organisiert, so Roßmann.

Die Gewerkschafter wollen mehr Geld und Erleichterungen bei der harten Fließband-Maloche. „Das Tempo am Fließband bei Ford war damals das höchste in Deutschland, die eingesetzte Technik rückständig“, sagt Roßmann. Am Mittwoch blickte er bei einer Veranstaltung des Betriebsrats in den Ford-Werken gemeinsam mit Wilfried Kuckelkorn und dem Zeitzeugen Süleyman Cözmez auf die Ereignisse zurück.

Es war eine von uns geplante Arbeitsniederlegung. Am Montag ist uns die Lage entglitten.
Wilfried Kuckelkorn, damals Ford-Betriebsrat

Die hohe Belastung am Band trifft vor allem türkische Arbeitnehmer, die in der Endmontage die überwiegende Mehrheit der Beschäftigten stellen. Auch Italiener, Jugoslawen und andere ausländische Kräfte sind bei der harten Fließbandarbeit überproportional vertreten. Hinzu kommen oft prekäre Lebensbedingungen: Rund die Hälfte der so genannten Gastarbeiter, meist junge Männer, wohnen in werkseigenen Wohnheimen mit Vierbettzimmern.

Angesichts der Umstände verwundert es nicht, dass sich der Streik rasch verselbstständigt. Die Ford-Chefs sagen die Schichten ab und machen vorerst keine Angebote. Am Montag, 27. August, schließen sich 12.000 Arbeiter der Frühschicht dem Ausstand an, ziehen in Demonstrationen durchs Werk. Bald kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen Streikenden und arbeitswilligen Kollegen. Akteure aus dem Umfeld der KPD mischen im Konflikt mit, vor den Werkstoren parodiert ein Agitprop-Theater Bundeskanzler Willy Brandt, der junge Klaus der Geiger spielt auf.

Während der Betriebsrat in der Hoffnung auf schnelle Verhandlungserfolge zur Rückkehr an die Arbeit mahnt, wächst unter den Streikenden, die das Werk faktisch besetzt halten, die Ungeduld. An den Werkstoren übernehmen türkische Arbeiter die Einlasskontrollen. Ford schließt das Werk und schaltet die Polizei ein.

Die wild Streikenden gründen eine eigene Streikleitung. Neben der Wiedereinstellung der entlassenen Kollegen fordern sie die Erhöhung der Stundenlöhne um eine D-Mark und sechs statt vier Wochen bezahlten Urlaub. Angeführt werden sie von Bahan Targün, der nach dem Streik verhaftet wird und kurz darauf die Titelseite des „Spiegel“ ziert.

Nach dem Streik bei Ford erkannte man, dass die Arbeitssituation der Migranten so nicht bleiben konnte.
Witich Roßmann, DGB-Vorsitzender Köln

Doch die Ford-Chefs lehnen Gespräche mit dem Streikkomitee ab. Mit der Aussperrung isolieren sie die wild Streikenden vom Großteil der 33.423 Beschäftigten, am Mittwoch bieten sie eine Teuerungszulage von 280 Mark an. Am Donnerstag organisieren sie eine Gegendemonstration unter dem Motto „Wir wollen wieder arbeiten“, an der laut Roßmann leitende Angestellte, Meister, Werkschutz und andere teilnehmen müssen. Als diese auf die Streikenden trifft, kommt es zu Schlägereien. „Das war eine gezielte Provokation“, so Roßmann. „Sie lieferte den Vorwand, um die bereitstehenden Hundertschaften einzusetzen.“ Die Polizei beendet den wilden Streik, verhaftet die Anführer.

Roßmann: „Es war ein Desaster, aber die Folgen des Ford-Streiks waren positiv. Die Gesellschaft erkannte, dass die Arbeitssituation der Migranten so nicht bleiben konnte.“ Der Streik habe das Selbstbewusstsein der Arbeitsmigranten enorm gesteigert.

Kuckelkorn betonte, das Bild vom reinen „Türkenstreik“ sei eine Legende. „Es war eine von uns geplante Arbeitsniederlegung, entstanden zwischen türkischen, deutschen und italienischen Vertrauensleuten.“ Man habe aber Fehler gemacht. „Am Montag ist uns die Lage entglitten.“ Dass der Streik zu einer Spaltung der Belegschaft führte, habe man nicht erwartet. 30 Jahre lange habe er über die Hintergründe geschwiegen, sagte Kuckelkorn. Grund: Ford hatte mit Schadenersatzklagen in Millionenhöhe gedroht. Erst als nach 30 Jahren die Verjährungsfrist abgelaufen war, räumte Kuckelkorn öffentlich ein, dass die Arbeitsniederlegung am 24. August 1973 nicht spontan war, sondern von den Vertrauensleuten ohne Wissen des Gesamtbetriebsratschefs organisiert.

Süleyman Cözmez, ehemals Vertrauensmann, lebte jahrelang in einem Wohnheim von Ford. „Das war keine gute Zeit“, sagte er am Mittwoch vor den rund 100 Fordlern in der A-Halle. „15 Männer mussten sich eine Toilette und eine Küche teilen. Wenn man nach Hause kam, schliefen dort die Kollegen, man musste leise sein.“

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