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Emils OdysseeKölner Eltern von behindertem Sohn kämpfen um Betreuung

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Die Eltern kämpfen um eine gute Betreuungslösung für Emil, der seine Aggressionen auch am Boxsack  abreagierte.

  1. Emil ist 17, geistig behindert, Epileptiker und neigt zu aggressivem Verhalten.
  2. Eine jahrelange Herausforderung.
  3. Anette Essam und Stefan Baumert fordern in einer Petition das Recht auf eine angemessene Unterbringung für ihn ein.

Köln – „Wir sind daran gewöhnt, der Punchingball zu sein“, sagt Anette Essam. Sie blickt nachdenklich auf den Boxsack im Zimmer ihres Sohnes Emil, der nicht nur beim Training daran seine Wutausbrüche abreagiert. „Für uns gehört sein Verhalten zum Alltag, es war normal, damit umzugehen“, formuliert es der Vater Stefan Baumert. Emil ist 17, geistig behindert, Epileptiker und neigt zu aggressivem Verhalten. Eine jahrelange Herausforderung.Das Architektenpaar schuf in seinem Haus in Lövenich einen idyllischen Rückzugsort für die ganze Familie, mit vielen Kinderbildern und Landschaftsfotos an den Wänden. Aber jetzt ist Emils Zimmer unbewohnt. Er lebt bis auf weiteres in einer Gruppe des Jugendamts der Stadt, in Obhutnahme.

Gefahr der Verletzung

Anette Essam und Stefan Baumert sorgen sich um Emil, das mittlere ihrer drei Kinder (26, 17, 15), und fordern in einer Petition das Recht auf eine angemessene Unterbringung für ihn ein. Sie haben Angst, dass er sich oder auch andere noch öfter verletzen könnte. „Es besteht die Gefahr.“ Die Eltern sind seit rund einem halben Jahr verzweifelt auf der Suche nach einem geeigneten Betreuungsplatz in einer psychiatrischen Einrichtung oder in einem individuellen 1:1-Angebot bei einem freien Träger.Zum Landschaftsverband Rheinland (LVR) nahmen die engagierten Eltern schon im Februar Kontakt auf, es habe bisher ausschließlich telefonische Gespräche gegeben.

Recht auf angemessene Unterbringung: Statements vom LVR und Jugendamt

Der Landschaftsverband Rheinland (LVR) bestätigt auf Anfrage der Rundschau, das ihm seit Februar 2020 der „Hilfefall“ bekannt ist. Es sei trotz bundesweiter Suche bisher nicht gelungen, einen geeigneten freien Platz für Emil in einer Wohneinrichtung zu finden. Doch gebe es aktuell einen freien Jugendhilfeträger, der für ihn eine individualpädagogische Maßnahme schaffen möchte. Vor einer Fallübernahme fehlt dem Träger aber ein Gespräch beim LVR mit allen Beteiligten. Es solle nun „so schnell wie möglich“ ein Termin vereinbart werden, sagt Abteilungsleiter Thomas Peters im Fachbereich Eingliederungshilfe. Hätte es nicht schon viel früher ein Angebot für eine angemessene Unterbringung von Emil durch den LVR geben müssen? Bevor die Lage eskalierte?! LVR-Fachbereichsleiter Dr. Dieter Schartmann bedauert die langwierige Suche. „Die Dringlichkeit ist uns bewusst“, sagt er. „Aber gerade bei solch schwierigen komplexen Fällen dauert es eine gewisse Zeit, bis eine nachhaltige, individuelle Lösung gefunden wird.“ Man könne „nicht für jeden Fall ein passgenaues Angebot vorhalten“. Im Bereich des LVR gebe es rund zwölf bis 15 Kinder und Jugendliche, die ähnliche Fälle darstellen wie Emil. Die Kosten einer Individualmaßnahme würden „in den fünfstelligen Bereich gehen. Da werden wir uns mit dem Träger einig werden“, so Schartmann.Das Jugendamt der Stadt Köln betont gegenüber der Rundschau, dass die Zuständigkeit mit Blick auf eine Lösung für Emil beim LVR liege. „Zu unserem Bedauern machen wir wiederholt die Erfahrung, dass sehr lange auf geeignete Plätze gewartet werden muss, bis wir Kinder aus der Inobhutnahme nehmen können“, sagt Klaus-Peter Völlmecke, stellvertretender Jugendamtsleiter. Aus Sicht der Stadt habe man den Eindruck, „dass es mehr stationäre Plätze braucht“. Es gibt wenige so schwierige Fälle. Die Plätze sind rar und teuer. In der Kinder- und Jugendpsychiatrie ist der Belegungsdruck hoch, so Experten. Ein „Kompetenz-Wirrwarr“ der Zuständigkeiten ist seit Jahren in der Kritik. Eine Gesetzesinitiative fordert, Fälle einheitlich nur durchs Jugendamt zu bearbeiten. (MW)

Nun scheint ein geeigneter Platz bei einem freien Träger  in Sicht (siehe  Infotext).  „Uns war vom LVR gesagt worden, wir sollten selbst einen stationären Betreuungsplatz  suchen. Wenn man rumtelefoniert stellt man fest, dass es im Rheinland eigentlich gar keinen Platz für Jugendliche mit diesem Krankheitsbild gibt.“ Emil leidet  unter dem Frontalhirnsyndrom mit Intelligenzminderung und herausforderndem Verhalten. Das Paar holte sich deshalb jahrelang Expertenrat und Unterstützung. Nun sind beide mit ihrem Rat am Ende. „Wir fühlen uns hilflos und allein gelassen.“ Sie berichten  von einer „schlimmen Odyssee“ durch  Ämter, zu Kliniken, Psychiatrien, Polizei.

Ein Hilferuf und seine Vorgeschichte

Emil besuchte eine Förderschule bis zum Alter von 16 Jahren, „das Team war sehr engagiert. Aber man beschloss vor einem knappen Jahr einvernehmlich, die Reißleine zu ziehen, da der Schüler  zu aggressiv wurde. „Da wir der familiären Situation nicht mehr gewachsen waren, haben wir Emil am 22. Juli beim Jugendamt der Stadt in Obhut gegeben“, sagen die Eltern. Sie zeigten ihn wegen häuslicher Gewalt selbst  an, damit die Inobhutnahme tätig werde. Experten hatten ihnen zu dem schweren Schritt geraten.

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Emils Zimmer ist mit Bildern und Fotos  wohnlich eingerichtet. Er spielte mit viel Spaß in seiner Behinderten-Fußballmannschaft.

Abgeholt wurde der Junge dann von Polizei und Sanitätern,  im Rettungswagen ging es in die Uni-Klinik. „Dort wurde akute Fremdgefährdung negiert.“ Daraufhin kam Emil in die  städtische Einrichtung. Er lebt bis auf weiteres  in der Wohngruppe. In dieser Zeit  wurde der 17-Jährige erstmals straffällig. Die Delikte reichen von Drogenmissbrauch und Körperverletzung bis Vandalismus. Er verübte Ladendiebstähle, beschädigte vor kurzem in einer Nacht in Ehrenfeld mehrere Autos.

Möglichkeiten für Emil seien sehr begrenzt

In Eigeninitiative fanden die Eltern zwar einen Wohnplatz in einer Intensiv-Gruppe in Warburg. Da man der Aufgabe auch dort nicht gewachsen war, wurde Emil am 24. August nach dreiwöchigem Probewohnen entlassen. Seitdem befindet sich der 17-Jährige wieder in der städtischen Stelle. Bis zur Inobhutnahme sei der sportliche gut aussehende Junge, der auf Fotos  so nett lächelt, nicht straffällig, in der Hinsicht „völlig unbescholten“ gewesen, betonen Essam-Baumert.

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Sie schätzen das Engagement der Mitarbeiter, doch seien die Möglichkeiten für Emil sehr begrenzt: „Auf Grund der aktuellen Gesetzeslage kann man  dort nicht angemessen reagieren. Diese Betreuungsform  macht ihn zu einem Verbrecher, er wird dort gefährlicher, als er vorher war“, fürchten die Eltern und fragen sich: „Wo soll Emils Weg hinführen? Die Forensik scheint unausweichlich.“ Das wollen sie verhindern.

Bemühung um geschlossene Unterbringung

„Die Mitarbeiter der Wohngruppe sind Gold wert, aber dort gilt grundsätzlich das Prinzip Offene Tür“, sagt Anette Essam. Das nutze ihr pubertierender Sohn gerne aus. Häufig rufen Betreuer an, wenn der 17-Jährige aus dem Haus gegangen ist. Er stromert nach Mitternacht durch die Stadt, geht zu Treffs in Parks.

Die Eltern machen sich öfter auf die Suche, manchmal spüren sie ihn auf. Sie bemühen sich nun um eine geschlossene Unterbringung. Dafür ist ein ärztliches Gutachten erforderlich. Es ist noch in Arbeit. Bei einem Termin in der Klinik zur Begutachtung habe ihr Sohn im Gespräch mit einem Stuhl nach der Ärztin geworfen und sie verletzt. „Trotz seiner akuten Fremdgefährdung wurde er wieder in seine Wohngruppe entlassen.“Es gebe im ganzen Bundesland bisher keine geeignete Wohneinrichtung für Emil, „die Kinder- und Jugendpsychiatrien Viersen und Köln des LVR lehnen die Aufnahme ab“, klagen die Eltern – im Bewusstsein, dass sich ihr behinderter Sohn manchmal „in eine kleine Waffe“ verwandele. Was ist, wenn er wieder randaliert? „Eigentlich ist er ein charmanter Junge, der auch sehr fürsorglich sein kann und gerne lacht. Aber wenn er sich ohnmächtig fühlt“, sagt Stefan Baumert, „sieht das anders aus.“