4000 Menschen haben eine Petition gegen den geplanten Standort im Wohngebiet unterschrieben: Der ist laut Stadt der einzig mögliche für das dringend benötigte Hilfsangebot.
„Problem verlagert, nicht gelöst“Kritik an Kölner Suchthilfezentrum in Wohngebiet

In Containerbauweise soll das Suchthilfezentrum zwischen Wohnbebauung und der Straße Perlengraben entstehen.
Copyright: Thomas Banneyer
Der Ton ist rauer, die Kritik dezidierter geworden: Erste Proteste gegen das geplante Suchthilfezentrum an der Wilhelm-Hoßdorf-Straße in der südlichen Innenstadt hatte es sofort nach Bekanntgabe des Standortes am 19. Dezember gegeben. Seit dem 21. Dezember haben 4000 Menschen eine Online-Petition gegen den Standort unterschrieben. In einer Pressemitteilung kritisierte die neu gegründete IG Pantaleonsviertel jetzt auch die Kommunikation der Stadt. „Ein überwiegend von Wohnbebauung und Schulen geprägtes Viertel ist als Standort ungeeignet“, so Andreas Zittlau, Vorstandsvorsitzender der IG. „Besonders kritisch sehen wir, dass Anwohner in diese Entscheidung nicht einbezogen wurden.“ Der Zeitpunkt der Bekanntgabe kurz vor Weihnachten sei eine Katastrophe gewesen, die für 20. Januar geplante reine Infoveranstaltung „keine Beteiligung der Anwohner und viel zu spät“. Die IG plant kurzfristig eine Anwohnerversammlung, Ort und Zeit stehen noch nicht fest.
Die Grünfläche zwischen Wilhelm-Hoßdorf-Straße und Perlengraben war von der Verwaltung als Platz für ein Suchthilfezentrum vorgeschlagen worden und bei großen Ratsfraktionen auf Zustimmung gestoßen. Beschlossen werden soll der Standort vom Rat am 5. Februar, den Betrieb aufnehmen soll das für gut 180 Menschen ausgelegte Zentrum in diesem Jahr. Die Konsumräume am Neumarkt werden dann geschlossen.
Besonders kritisch sehen wir, dass Anwohner in diese Entscheidung nicht einbezogen wurden.
„Die städtische Machbarkeitsprüfung für die Fläche basiert auf der Annahme, dass keine Schulen in der Nähe liegen. Tatsächlich befinden sich die Berufsschule Perlengraben, das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium und die Kaiserin-Augusta-Schule in unmittelbarer Nähe“, kritisiert eine Petentin im Online Forum „Change.org“. In rund 500 Metern Entfernung vom Standort liegen außerdem das Riemerschmid-Berufskolleg und der hintere Eingang des Humboldt-Gymnasiums. Ebenso wie die Berufsschüler nutzen die Kinder und Jugendlichen dieser Schulen den Gehweg zwischen der Haltestelle Severinstraße und der Ankerstraße/Wilhelm-Hoßdorf-Straße. Er führt durch einen Teil der Fläche, auf der das Zentrum entstehen soll. „Ein Suchthilfezentrum erhöht das Risiko einer direkten Kontaktaufnahme mit der offenen Drogenszene erheblich und ist deshalb aus jugendschutzrechtlicher, präventiver und pädagogischer Sicht nicht vertretbar“, so ein Petent.
Alles zum Thema Demonstration Köln
- „Problem verlagert, nicht gelöst“ Kritik an Kölner Suchthilfezentrum in Wohngebiet
- Bürgermeisterin von Bülow „Verständnis wecken für das, was im Rathaus passiert“
- Jahresrückblick Der Fußball, der Zufall und die KI
- Herbert Reul „Kölner Silvesternacht war eindeutig eine Zäsur“
- Bilz-Preis Warum die Initiative des Kölner Gymnasiums Neue Sandkaul ausgezeichnet wurde
In der Nähe des geplanten Zentrums befänden sich fünf Kindertagespflegeeinrichtungen, so Zittlau, der im Pantaleonsviertel lebt und Geschäftsführer einer am Waidmarkt ansässigen Vermögensverwaltung ist. „Das Viertel ist ein reines Wohnquartier, hier gibt es viele Erdgeschosswohnungen und Hinterhöfe. Vor allem ältere Anwohnende haben Angst vor Übergriffen von suchtkranken Menschen, die dringend Geld benötigen.“ „Viele Anwohner haben den Eindruck, dass ein seit Jahrzehnten bekanntes städtisches Problem nicht gelöst, sondern lediglich verlagert wird – aus wirtschaftlichen oder stadtpolitischen Interessen heraus und auf Kosten eines Wohnviertels“, kritisiert ein Petent.
Eine Einschätzung, auf die die Stadt auf ihrer am 19. Dezember freigeschalteten Internet-Bürgerinfo eingeht. Nach intensiver Suche und eingehenden Prüfungen habe sich der Standort als geeignet erwiesen. Er stelle „die einzige und somit alternativlose Lösung für ein Suchthilfezentrum in dieser Lage dar. Bei der benötigten Innenstadtlage ist unvermeidbar, dass es Wohnbebauung in der Nähe gibt“. Um die Belastung geringer zu halten, werde der Zugang für Konsumierende vom Perlengraben aus erfolgen. Anwohnende könnten sich jederzeit an das Suchthilfezentrum wenden. Es werde dort ein Umfeldmanagement geben, damit Anwohnende nicht oder so wenig wie möglich beeinträchtigt werden. Gegen Drogenhandel im Umfeld werde die Polizei entschieden vorgehen.
Suchtkranke Menschen sollen möglichst lange auf dem Areal bleiben
Ziel des Zentrums ist, dass suchtkranke Menschen möglichst lange auf dem sichtgeschützten Areal bleiben, weil es hier Ruhemöglichkeiten, die Gelegenheit zum Duschen und Wäschewaschen, ein Beratungsangebot sowie warmes Essen und Getränke gibt. Die Ausgestaltung orientiert sich am Zürcher Modell mit vier Anlaufstellen.
Ob dieses Modell in Köln umgesetzt werden kann, stellen manche infrage. „So schnell wird es keine weiteren Zentren geben“, fürchtet Zittlau, auch mit Blick auf den 2018 vom Rat beschlossenen Drogenkonsumraum in Kalk. „Der ist endlich umgesetzt, seit Monaten fertig, kann aber immer noch nicht genutzt werden.“
In Zürich gibt es drei Anlaufstellen für Menschen, die in Zürich gemeldet sind, zwei davon in der Innenstadt, eine 30 Minuten mit der Bahn entfernt. Vor kurzem hat die Stadt ein viertes Zentrum für auswärtige Suchtkranke eröffnet; das Ziel ist hier die Rückverweisung in ihre Ursprungskommune. Die Zentren haben alternierend vor- und nachmittags geöffnet, sodass die suchtkranken Menschen sich nicht stetig in einem Quartier aufhalten. Abends um 20.30 Uhr schließen sie, dann öffnen Notschlafstellen, in denen – anders als in Köln – Drogenkonsum erlaubt ist. Auch in Köln sollen drei Zentren entstehen. Als Standorte stehen ein Areal nahe dem Hauptbahnhof und zwei Flächen in Kalk in Rede. Konkrete Pläne für deren Umsetzung oder Finanzierung gibt es noch nicht.

