Mitten in Köln ist die Not zum Greifen nah: Der Neumarkt gilt als Drogenbrennpunkt. Nun gibt es dort ein neues Hilfsangebot der Kirche.
Aposteln-AulaDirekt am Neumarkt gibt es ein neues Hilfsangebot für Bedürftige

Stefan Burtscher (l.) und Alexander Temming haben das neue Hilfsangebot am Neumarkt auf die Beine gestellt.
Copyright: Nabil Hanano
Gucci, Rolex, Jaguar: Die Embleme der Luxusmarken prangen auf Tellern. Dargestellt sind diese auf einem Gemälde, das in der Aula der Innenstadtkirche St. Aposteln hängt. Vor dem Hintergrund des Letzen Abendmahls will der Künstler dazu anregen, über Wohlstand nachzudenken. Und es wirkt fast so, als hätte er dabei im Blick gehabt, dass in Front des Gemäldes Menschen zusammenkommen, für die es schon ein Luxus ist, dass ihnen ein Teller mit einem belegten Brot gereicht wird. Dazu eine Tasse Kaffee. Und einfach mal zwei Stunden, in denen sie beides genießen können, in denen sie nicht ums Überleben kämpfen müssen, nicht Sorge haben müsse, belkaut oder bedroht zu werden. Seit vergangenen Mai gibt es ein neues Angebot in der Aposteln-Aula für hilfsbedürftige Menschen.
Helfen, wo die Menschen sind
Die Intention: Die Hilfe dort hinbringen, wo sie in Köln mit am dringendsten gebraucht wird: an den Brennpunkt Neumarkt. Ja, es habe ein wenig Diskussionen gegeben, als in der Gemeinde über das Hilfsangebot in der Aposteln-Aula diskutiert wurde, bestätigt Stefan Burtscher. Er ist Pastoralreferent in St. Aposteln, seit rund fünf Jahren engagiert er sich in der Obdachlosenhilfe, unter anderem in der Obdachlosen-Seelsorge Gubbio. Vor diesem Hintergrund wusste er, dass es für die Armen, Obdachlosen und Drogensüchtigen vom Neumarkt und seinem Umfeld eine hohe Hürde darstellt, in die Südstadt zum Gubbio in der Ulrichgasse zukommen. „Darum wollten wir dort ein neues Angebot schaffen, wo die Menschen sind“, sagt Burtscher. Doch auf der Szene vom Neumarkt lastet ein besonders schweres Kreuz. Der zentrale Platz in der Innenstadt ist Dreh- und Angelpunkt für Crack-Süchtige. Die Droge lässt die Abhängigen in beängstigender Geschwindigkeit verelenden. Oftmals geht die Sucht mit Psychosen einher. Wie sollen Ehrenamtler dem begegnen, sich vor möglicher Gewalt schützen? „Wir konnten den meisten Bedenken begegnen“, beruhigt Burtscher.
Alexander Temming ist einer aus dem rund zehnköpfigen Helfer-Team in der Aposteln-Aula. Offen sagt der 63 Jährige: „Für mich war die Obdachlosenhilfe Neuland. Ich war damals eher skeptisch.“ Doch seine Sorgen haben sich schnell verflüchtigt. Nicht zuletzt auch deshalb, weil der harte Kern der Drogenszene am Neumarkt nicht den Weg zur Aposteln-Aula findet. Crack erzeugt einen schnellen Rausch, dem das Verlangen nach Mehr auf dem Fuße folgt. Der Suchtdruck ist bei dieser Droge so groß, dass die Schwerstabhängigen permanent um den nächsten Kick kämpfen. „Es ist ihnen kaum möglich, ein festes Angebot jeden Donnerstag zwischen 14 und 16 Uhr wahrzunehmen“, erklärt Burtscher. Und was dann schließlich Temmings letzte Bedenken vom Tisch wischte: „Schon am ersten Öffnungstag im Mai kamen direkt 20 Bedürftige. Über Mundpropaganda gibt mittlerweile einen festen Kundenstamm von rund 40 Gästen“, berichtet er. Burtscher ergänzt: „Wir haben hier ein Bedürfnis getroffen.“
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Dieses Gemälde fordert in der Aposteln-Aula dazu auf, über Wohlstand nachzudenken.
Copyright: Nabil Hanano
Um dennoch auch mit den Menschen in Kontakt zu kommen, die nur von der Sucht nach Crack getrieben sind, geht Burtscher immer wieder mal mit einer Kanne Kaffee auf den Neumarkt. Wer kommt dann aber in die Aposteln Aula? „Einige von unseren Gästen würden sie nicht ansehen, dass sie Not leiden“, erklärt Temming. Da gebe es Rentner, bei den das Geld vor allem am Monatsende einfach nicht mehr reiche. Oder einst gut Verdienende, erfolgreich im Berufsleben standen und durch Krankheit in die Arbeitsunfähigkeit rutschten. „Es ist erschreckend, wie schnell das heute geht“, sagt Temming. Die Armut komme immer mehr in der Mitte der Gesellschaft an und damit auch in der Mitte von Köln. Was ihn dabei nicht weniger erschreckt, sei die soziale Kälte, die sich mehr und mehr in der Gesellschaft und den Behörden ausbreite. So sehr er dafür Verständnis habe, dass Menschen in die Schranken verwiesen werden müssen, die den Sozialstaat ausnutzen, so sehr kritisiert er, dass auch die unter Druck gesetzt würden, die unverschuldet in die Armut geraten.
„Wir sind eine bunte Truppe“
Zu den Rentnern, den Kranken gesellen sich Menschen, die in Obdachlosigkeit leben oder denen einfach – wie es einst der Franziskaner Bruder Markus von der Obdachloseseelsorge ausdrückte – das Leben zu groß geworden ist. „Wir sind hier eine bunte Truppe“Mit ihnen und dem Helfer-Team kämen so Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen in der Aposteln-Aula zusammen und ins Gespräch, berichtet Temming über einen Aspekt, der ihn besonders an dem neuen Angebot begeistert. „Wir sind eine bunte Truppe, vom Studierenden bis zum Rentner, das ist sehr schön so, daraus entsteht Kraft. Wir sind froh und dankbar für die ganz unterschiedlichen Menschen, die sich und ihre Zeit und Fähigkeiten einbringen, oder uns durch Spenden unterstützen“ Keiner der Gäste müsse sich erklären, keiner sich rechtfertigen. „Zur Begrüßung stellen wir nur eine Frage: Kaffee oder Tee“, sagt Burtscher. Und in den anschließenden Gesprächen könnte dann ausgelotet werden, was die Gäste über das warme Getränk hinaus noch benötigen: Ein paar Schuhe, Hilfe bei einem Amtsgang oder beim Ausfüllen eines Formulars? „Wir haben hier gleichzeitig auch eine Sozialsprechstunde, das unterstützt uns eine Kollegin vom Caritas Lotsenpunkt kompetent und unkompliziert“, so Burtscher.
Platz für Unterbringung gesucht
Seit Mai gibt es also das neue Hilfsangebot am Neumarkt in der Aposteln Aula. Von Anfang an wurde es gut angenommen. Und wie soll es sich weiterentwickeln? „Wir lassen das laufen, wir haben ein offenes Ohr für die Wünsche und Ideen unserer Gäste und so entwickelt sich unser Angebot organisch weiter.“, benennt Burtscher die Perspektive. Es gehe nicht darum sich selbst und die egenenIdeen zu verwirklichen. Triebfeder sei alleine die jesuanische Frage: „Was willst du, dass ich dir tue.“ Temming wird ein wenig konkreter: „Wir könnten auf jeden Fall Platz für die Unterbringung von Obdachlosen. Toll wäre auch, wenn wir ehrenamtliche Ärzte gewinnen könnten.“ Seine anfängliche Skepsis ist vollständig dem Tatendrang gewichen. Wer sich dem Team engagieren möchte kann eine Mail schreiben an: stefan.burtscher@katholisch-in-koeln.de

