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„Marsch für das Leben“Gegendemonstranten stoppen Anti-Abtreibungsdemo in Köln

Lesezeit 4 Minuten
Hunderte Menschen demonstrieren auf dem Heumarkt.

Eine Polizeikette trennt Gegendemonstranten am Heumarkt von den Teilnehmern des „Marsches für das Leben“.

Auf dem Kölner Heumarkt haben am Samstag hunderte Menschen gegen Abtreibung und Sterbehilfe demonstriert. Gegendemonstranten verhinderten mit Straßenblockaden einen geplanten Marsch durch die Innenstadt.

Zum ersten Mal hatte der „Bundesverband Lebensrecht e.V.“ (BVL) in Köln zu einer Demo gegen Abtreibung, Sterbehilfe und Pläne zur Abschaffung des Paragraphen 218 aufgerufen. Im Vorfeld hatte es viel Kritik an der Demo gegeben. Zeitgleich veranstaltete der Verband seinen so genannten „Marsch für das Leben“ am Brandenburger Tor in Berlin, hier bereits zum 19. Mal.

In Köln meldete der BVL 1000 Teilnehmer bei der Polizei an. Ihre tatsächliche Zahl fällt am Samstagnachmittag geringer aus. Mit Luftballons und Plakaten, auf denen Slogans wie „No children - no future“ und „Verantwortung statt Abtreibung“ zu lesen sind, stehen sie vor der Bühne am südlichen Platzende des Heumarkts.

Auf der Nordseite hat sich eine große Zahl von Gegendemonstranten versammelt, um gegen die Abtreibungsgegner zu protestieren. Auf ihren Transparenten stehen Botschaften wie „Mein Körper - meine Wahl“ oder „Paragraph 218 abschaffen“. Mit Trillerpfeifen, Sambatrommeln und Sprechchören veranstalteten sie einen ohrenbetäubenden Lärm, gegen den die Redner auf der Bühne nur schwer ankommen. Eine Gruppe junger Leute skandiert lautstark: „Haut ab, haut ab“. Aus den Reihen der Lebensschützer antwortet eine Frau mit „Frieden, Frieden“. Wenige Meter dahinter schaut ein Gastwirt auf seiner Außenterrasse dem Treiben zu und seufzt: „Das ist doch geschäftsschädigend.“ Die meisten seiner Tische sind leer, bei schönstem Wetter sind kaum Gäste da.

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Ein Thema, das niemanden kalt lässt 

Die Polizei ist mit mehreren Hundertschaften im Einsatz, um die beiden Lager zu trennen. Beamte aus Aachen, Duisburg und Hamburg in voller Schutzausrüstung stehen teils in Dreifachreihen zwischen Abtreibungsgegnern und -befürwortern. Weil sich die Stimmung zunehmend aufheizt, beginnt die Polizei, Einsatzfahrzeuge auf den Heumarkt zwischen beide Gruppen zu fahren, um sie stärker auseinander zu halten. Rechts neben der Bühne steht eine Polizeikette vor einem Stand mit Infomaterial. Hier liegen unter anderem kleine Embryonen aus Plastik aus, daran steht „Kein Spielzeug“. Auf einem Plakat heißt es: „9 von 10 Kindern mit vorgeburtlich diagnostiziertem Down-Syndrom werden vorsätzlich abgetrieben.“

Emilia (20) ist aus dem Siegerland nach Köln gekommen, um für den Schutz des ungeborenen Lebens zu demonstrieren. „Ich glaube an Gott. Leben ist ein Geschenk Gottes“, sagt die angehende Kinderkrankenschwester. Wer schwanger werde, solle Verantwortung übernehmen, findet sie. Dem Argument „Mein Körper - meine Wahl“ hält sie entgegen: „Da ist noch ein zweiter Körper, der Embryo. Welche Wahl hat der denn?“ Von dem heftigen Protest sind Emilia und ihre Freundin Madita (19) nicht überrascht. „Damit haben wir gerechnet.“

Ein junger Mann (28) aus Bochum begründet seine Teilnahme an der Demo so: „Der Tierschutz soll ins Strafgesetzbuch rein, aber den Schutz des ungeborenen Lebens will man aus dem Strafrecht rausnehmen. Das ist doch absurd.“ Olga (40) aus Köln widerspricht. „Ich bin selbst Mutter und trete für die völlige Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen ein. Paragraph 218 muss komplett gestrichen werden“, fordert sie. Das sieht auch Doro (52) aus Köln so. „Ich bin Mutter und ich habe schon mal abgetrieben“, sagt sie. „Das macht keine Frau einfach so. Meine Entscheidung geht niemanden etwas an.“ Das Recht auf Selbstbestimmtheit sei ihr extrem wichtig. „Paragraph 218 muss weg, unbedingt.“

Es ist ein Thema, das niemanden kalt lässt, die Emotionen schlagen hoch, die Stimmung wird teils aggressiv. Als die Abtreibungsgegner gegen 14.30 Uhr zu ihrem Marsch durch die Innenstadt aufbrechen wollen, blockieren Dutzende Gegendemonstranten die Pipinstraße vor Klein St. Martin. Die Polizei fordert sie auf zu gehen, droht mit Räumung. Es kommt zu Rangeleien zwischen Polizeikräften und Gegendemonstranten. Schließlich wird entschieden, die Demo auf eine alternative Route umzuleiten, durch den Tunnel unter dem Maritim in Richtung Bäche.

Polizei fordert weitere Hundertschaft an

Doch vor der Malzmühle stockt der Zug erneut, weil Gegendemonstranten jetzt auch diesen Weg blockieren. Um die unübersichtliche Lage im Griff zu behalten, fordert die Einsatzleitung der Polizei eine weitere Hundertschaft der Landeseinsatzbereitschaft an. Stundenlang stehen sich nun Abtreibungsgegner und -befürworter hier direkt gegenüber, der geplante Marsch zum Neumarkt, am Dom vorbei und wieder zum Heumarkt zurück fällt aus. Bis auf verbale Ausfälle bleibt alles friedlich. Die Abtreibungsgegner haben einen Lautsprecherwagen dabei, tanzen auf der Straße zu „Viva Colonia“. Für Autofahrer ist rund um die Deutzer Brücke kein Durchkommen.

Gegen 17 Uhr verkündet der BVL die Auflösung der Demo. Die Teilnehmer, viele sind von auswärts, machen sich auf den Heimweg. Vor der Bühne auf dem Heumarkt feiern jetzt die Abtreibungsbefürworter. „Wir haben gewonnen und ihr nicht!“, ruft ein Mann triumphierend ins Megafon. Als die Polizisten, die zuvor den Abbau der Infostände bewacht haben, sich zurückziehen, beginnt die johlende Menge, die zwei übriggebliebenen Vertreter aus dem Lager der Abtreibungsgegner zu umkreisen und ihre Plakate zu zerreißen. Es kommt zu Handgreiflichkeiten, der Stand kracht zusammen. Die Polizei muss zurückkehren, um die Lage zu beruhigen. Verletzte habe es bei der Demo bis zum Abend keine gegeben, bilanziert später ein Polizeisprecher. 

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