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Interview

Kölner Grünen-Chefs
„Die Gleueler Wiese muss unangetastet bleiben“

6 min
Die Parteivorsitzenden der Kölner Grünen, Kirsten Jahn und Cyrill Ibn Salem.

Die Parteivorsitzenden der Kölner Grünen, Kirsten Jahn und Cyrill Ibn Salem, beim Besuch in der Rundschau-Redaktion.

Mehr Trainingsplätze für den 1. FC Köln im Grüngürtel wird es mit den Grünen nicht geben, betonen die Parteichefs Kirsten Jahn (49) und Cyrill Ibn Salem (33). Im Rundschau-Interview sprechen sie  auch über Verkehrsversuche, das Verhältnis zur CDU und Olympia.

Wie teilen Sie sich die Arbeit als Doppelspitze der Grünen auf?

Ibn Salem: Ich denke, dass wir uns von Anfang an sehr gut ergänzt haben. Wir haben keine klassische Aufteilung nach Themen, sondern setzen immer wieder neue Schwerpunkte. 2025 waren wir direkt gefordert durch den OB- und Kommunalwahlkampf. Das war eine unglaublich intensive Zeit, die wir als Vorstandsteam gemeistert haben.

Frau Jahn, mit nur 51 Prozent Zustimmung wären Sie vor elf Monaten bei Ihrer Wahl zur Parteivorsitzenden beinahe gescheitert. Wie viel Rückhalt haben Sie heute bei den Kölner Grünen?

Jahn: Nach der Wahl haben alle das Ergebnis akzeptiert, und es war klar: Es geht nach vorne. Diesen Rückhalt spüre ich täglich. Ich habe zu allen Gliederungen der Partei gute Kontakte, und die Zusammenarbeit macht sehr viel Spaß.

Seit der Kommunalwahl sind die Grünen weiterhin stärkste Fraktion im Stadtrat, aber in keinem festen Bündnis mehr. Die Stadt steht vor der Haushaltssicherung, die Stimmung hat sich geändert. Wie wollen Sie sich mit Ihren grünen Themen behaupten?

Jahn: Unsere grünen Themen werden auch in Zukunft wichtig sein. Klimaschutz, Mobilitätswende, Zusammenhalt – diese drei klassischen grünen Themen sind weiterhin aktuell. Wir wären bereit gewesen, in ein festes Bündnis zu gehen, und bedauern, dass die SPD diese Chance für stabile Verhältnisse ausgeschlagen hat. Der Rat muss seine Verantwortung für die Stadt wahrnehmen. Es wird sich zeigen, wie Politik mit wechselnden Mehrheiten funktioniert. Die Grünen sind bereit, diese Verantwortung wahrzunehmen und zu guten Lösungen beizutragen.

Nehmen wir das Beispiel Mülheimer Brücke. Die Sanierung hat eine halbe Milliarde Euro gekostet. Es gibt viel Gegenwind für den Verkehrsdezernenten, der dort Autospuren für den Radverkehr umwidmen will. Finden Sie die Kritik ungerechtfertigt?

Jahn: Der Autoverkehr kann auch in Zukunft über die Mülheimer Brücke fließen. Aber wir müssen die Gegebenheiten an die sich wandelnden Verkehrsbedarfe anpassen. Eine vernünftige Spur für Fahrräder ist dort jedoch räumlich gar nicht möglich, wenn man keine Autospur umwandelt. Der Radverkehr nimmt zu in Köln, und wenn wir ihn attraktiver machen wollen, brauchen wir die Radspur.

Ibn Salem: Wir bekommen viele Rückmeldungen von Fußgängern und Radfahrern, dass die Situation dort nicht tragbar ist. Die aktuelle Lösung ist ein Problem für die Sicherheit. Es ist unsere Aufgabe, solche Themen weiterhin voranzutreiben.

Haben die Grünen es bei der Verkehrspolitik zum Teil übertrieben – Stichwort: Trankgasse, Deutzer Freiheit oder Venloer Straße?

Ibn Salem: Wenn es Veränderungen gibt, muss man die immer sehr gut kommunizieren und die Menschen vor Ort einbeziehen. Das ist sicherlich nicht in jedem Einzelfall optimal gelungen. Aber es gibt positive Beispiele wie die Venloer Straße, wo es am Anfang sehr viele Beschwerden gab und man jetzt sieht: Die gefährlichste Straße Kölns ist sicherer geworden. Es gibt eine klare Regelung, der Fußverkehr profitiert, und die Sorgen des Einzelhandels haben sich nicht bestätigt.

Jahn: Wir haben sehr lange dafür gekämpft, dass die Ehrenstraße autofrei wird. Auch dort gab es Kritik von Geschäftsleuten. Jetzt erfährt die Straße einen starken Zuwachs. Man flaniert dort gerne, die Aufenthaltsqualität ist gestiegen, und davon profitieren auch die Geschäfte. Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass grüne Verkehrspolitik auch ein Erfolgsmodell ist.

Bei der Kommunalwahl ist der Traum von der ersten grünen Oberbürgermeisterin Kölns geplatzt. Woran lag es?

Ibn Salem: In Zeiten, wo Klimaschutz, Vielfalt und Fortschritt immer stärker angegriffen werden, ist es ein echter Erfolg, dass wir als Grüne in Köln mit großem Abstand wieder stärkste Kraft geworden sind. Berivan Aymaz hat mit über 46 Prozent ein starkes Ergebnis geholt. Am Ende haben sicherlich auch wahltaktische Manöver von CDU und AfD bei der OB-Wahl eine Rolle gespielt.

Werden die Grünen 2030 wieder einen eigenen Bewerber ins Rennen um das Oberbürgermeisteramt schicken?

Ibn Salem: Wir haben die OB-Wahl nur knapp verloren. Das zeigt, dass wir als Grüne den Anspruch haben sollten, auch 2030 wieder eine OB-Kandidatin oder einen Kandidaten aufzustellen.

Im November haben Sie als Parteichefs ein Bündnis mit der CDU ausgeschlossen – nach zehn Jahren gemeinsamer Politik. Ist das Tischtuch in dieser Wahlperiode endgültig zerschnitten?

Ibn Salem: Wir waren lange im Bündnis mit der CDU und haben sehr gut und konstruktiv zusammengearbeitet. Zwischenzeitlich hatte man das Gefühl, die Gemeinsamkeiten sind ein Stück weit aufgebraucht, auch inhaltlich. Hinzu kam, dass die Kölner CDU in Teilen eine Entwicklung nimmt, was die Bekämpfung von Rechtsextremismus angeht, die uns Sorgen bereitet.

Jahn: Der Ausstieg der CDU aus dem Fairnessabkommen des Runden Tischs für Integration und aus dem Abkommen gegen rechts von „Köln stellt sich quer“ war für uns ein Signal, aus dem wir Konsequenzen gezogen haben. Das hat dazu geführt, dass wir gesagt haben: Ein festes Bündnis können wir mit der CDU in der aktuellen Situation nicht eingehen.

Ibn Salem: Es macht einen Unterschied, ob man punktuell zusammenarbeitet oder ob man versucht, ein festes Ratsbündnis über fünf Jahre zu schmieden. Dafür braucht es Vertrauen und eine gemeinsame Vision.

Was wäre Ihr Wunschbündnis im Stadtrat gewesen?

Jahn: Nachdem die SPD ein Bündnis mit der Linkspartei ausgeschlossen hatte, haben wir bei Grünen mit SPD und Volt die größten Schnittmengen gesehen. Diese Konstellation hätte eine Mehrheit gehabt. Zugegebenermaßen nur eine Stimme Mehrheit. Ein so knappes Bündnis verlangt viel Disziplin, aber das ist bei wechselnden Mehrheiten auch so.

Wie erleben Sie den neuen OB Torsten Burmester?

Ibn Salem: Was ich gut finde, ist, dass er proaktiv nach vorne geht und Verantwortung übernimmt, wenn ihm etwas wichtig ist. Das bedeutet aber auch, dass er sich am Ende an den Ergebnissen wird messen lassen müssen. Und dass er immer wieder Mehrheiten finden muss, damit er nicht allein dasteht. Ich denke, er wird noch stärker die Leute mitnehmen müssen, die ihn nicht gewählt haben.

Jahn: Ich erlebe ihn als anpackend, und er entscheidet schnell. Aber er muss erst noch beweisen, dass sein Wunschmodell der wechselnden Mehrheiten dauerhaft tragfähig ist. Die Konstituierung des Rates hat gut funktioniert, aber es gab erst wenige Sitzungen.

Burmester will einen Tunnel auf der Ost-West-Achse und den FC-Ausbau im Grüngürtel durch den Rat bringen. Beißt er damit bei den Grünen auf Granit oder können Sie sich auch Kompromisse vorstellen?

Jahn: Beim Grüngürtel sind wir ja schon Kompromisse eingegangen. Wir Grüne haben dem Bau eines Leistungszentrums am Geißbockheim zugestimmt. Dafür müssen die Gleueler Wiese und der übrige Grüngürtel unangetastet bleiben. Der Grüngürtel ist tabu. Wir haben dem FC Marsdorf angeboten. Das wollte er nicht.

Seit zwölf Jahren wird in Köln darüber diskutiert, ob drei Kunstrasenplätze im Grüngürtel gebaut werden, der ja reichlich Wiesenflächen bietet. Der FC als eines der Aushängeschilder der Stadt ist dort beheimatet. Da fassen sich viele Leute an den Kopf.

Ibn Salem: Wir erleben tatsächlich, dass wir auch sehr viel Zuspruch für unsere konsequente Haltung erhalten. Der Grüngürtel ist für alle da und muss es auch bleiben.

Köln steht knapp vor der Haushaltssicherung. Kann sich die Stadt die gewaltigen Investitionen für das Ziel Klimaneutralität 2035 noch leisten?

Ibn Salem: Klimaschutz hat nichts an Relevanz verloren, sondern die Lage spitzt sich sogar zu. Deshalb müssen wir das Ziel der Klimaneutralität stetig verfolgen. Dafür wird es auch weiterhin Finanzmittel brauchen, sowie die Unterstützung von Land und Bund.

Jahn: Alle müssen mehr für den Klimaschutz tun. Städte wie Paris und Barcelona haben sich auf den Weg gemacht. Köln kann sich da nicht wegducken. Das hat auch immer etwas mit Zukunftssicherheit zu tun. Auch die Industrie braucht jetzt keine Verunsicherung, sondern Verlässlichkeit. Die bieten wir weiterhin.

Das neue Suchthilfezentrum entsteht im Pantaleonsviertel, einer grünen Hochburg. Der Widerstand unter den Anwohnern ist groß. Unterstützen die Grünen die Pläne uneingeschränkt?

Ibn Salem: Ja, wir sind konsequent. Es gibt keine Menschen zweiter Klasse, ob sie ein Drogenproblem haben oder nicht. Suchtkranke brauchen Hilfe, und dafür braucht es effektive Angebote, die leicht für die Betroffenen zu erreichen sind. Wir stehen hinter dem Zürcher Modell mit Aufenthalts- und Beratungsangeboten für Drogenkranke.

Zum Züricher Modell gehört aber auch, dass Auswärtige, die nicht aus Zürich kommen, in ihre Heimatkommunen zurückkehren sollen. Wie sehen Sie das in Köln?

Jahn: Bei mir steht erst mal der Mensch im Mittelpunkt. Ob jemand aus Düsseldorf, aus Köln oder von ganz woanders herkommt, steht für uns nicht im Vordergrund. Es geht um schwerstabhängige Menschen, die Hilfe brauchen, die Räume brauchen, wo sie sich aufhalten können. Und damit entlasten wir auch den Neumarkt.

Kommen wir zur Olympia-Bewerbung. Warum sind so viele Grüne gegen Spiele in Köln?

Ibn Salem: Bei uns sind auch viele für Olympia in Köln. Wir haben ein sehr gemischtes Bild in der Partei und spiegeln damit sicherlich auch ein Stück weit unsere Stadt wider. Wir wollen die Chancen und Risiken genau abwägen und die Menschen vor dem Bürgerentscheid am 19. April transparent informieren. Die Informationslage ist momentan ja noch sehr dünn, was die konkreten Auswirkungen dieser Bewerbung für Köln betrifft, was die Kosten angeht und den Klimaschutz.

Jahn: Wir stellen beim Thema Olympia die Bürgerinnen und Bürger ins Zentrum. Wir wollen die Menschen bestmöglich informieren, damit sie eine vernünftige Entscheidung treffen können. Der Oberbürgermeister betont ständig, dass er für die Bewerbung ist, aber wenn man eine Entscheidung bewusst in die Hände der Bürgerinnen und Bürger legt, sollte man sie sie auch ohne Einflussnahme treffen lassen. Wir finden, die Kölner haben das Recht, ausgewogen informiert zu werden.