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Interview

Kölner Perückenverkäuferin
„Haare sind enorm wichtig für unser Selbstwertgefühl“

7 min
Der Friseursalon Klasen -- Clarissa Klasen

Mehr als Tausend Perücken sind imKölner Salon von Clarissa Klasen vorrätig. 

Clarissa Klasen verkauft im Kölner Familienbetrieb Perücken aus Echthaar Bernd Imgrund sprach mit ihr über Frisurentrends, Haarausfall und Chemotherapie.

Welche Frisur hatten Sie als Kind?

Einen Rundschnitt mit Pony. Da hat mich niemand nach gefragt.

Als ich klein war, wollte ich die Haare wie Michael Holm haben.

Ich wie Madonna. Die fand ich toll. Ihre Frisur, das Outfit, der ganze Style und natürlich die Musik.

Hätten Sie gerne im Barockzeitalter gearbeitet?

Sie meinen die damaligen Hochsteckfrisuren? Hätte ich sehr gerne gemacht.

Ludwig XIV. hat nach einer Typhuserkrankung alle Haare verloren. Im Schloss von Versailles soll es arg gezogen haben, da war die Perücke zugleich eine wärmende Mütze.

Das stimmt, Haare haben allgemein auch eine Wärmefunktion. Die Perücken des 17. Jahrhunderts waren pompös. Man wusch sich selten, auch die Haare wurden vernachlässigt. In manche dieser Perücken waren sogar Floh- und Läusefallen integriert.

Stichwort „Hygiene“: Kann man Ihre Perücken einfach in die Waschmaschine schmeißen.

Danach wären sie sehr klein. (lacht) Aber man kann sie mit der Hand waschen. Perückenhaare haben keine Talgdrüsen, weshalb sie auch nicht fettig werden. Es reicht deshalb, sie alle zwei, drei Wochen mit einem pflegenden Shampoo und Haarkur zu reinigen. Manche Kundinnen bringen ihre Perücke aber auch zu uns zum Waschen.

Wann haben Sie erstmals bewusst über Haare nachgedacht?

Spannend fand ich schon sehr früh die Vorher-Nachher-Aufnahmen, wenn jemand eine Perücke bekam. Ich bin damit aufgewachsen, dass Frauen wie Männer ihre Haare an- und ausziehen können. Menschen können sich eine Frisur wünschen, die mit den eigenen Haaren nicht möglich wäre, und danach ganz anders aussehen.

Gibt es in der Hinsicht Parallelen zwischen Perückenmachern und Karnevalsläden?

Ich sehe ich keine Parallelen. Unsere Perücken sind hauptsächlich darauf ausgerichtet, alltagstauglich zu sein. Die müssen halten, mit denen muss man Sport machen, sogar schwimmen gehen können. Eine Karnevalsverkleidung soll auffallen, unsere Perücken sollen genau das nicht.

Was ist für Sie das Faszinierende an Haaren?

Dass man Menschen damit glücklich machen kann. Haare sind enorm wichtig für unser Selbstwertgefühl. Mit einer Glatze, zum Beispiel nach einer Krankheit, wird man häufig mitleidig angesehen, und man muss unangenehme Fragen beantworten. Das erspart einem die Perücke. Wir haben auch junge Männer hier, die mit Mitte 20 schon die Haare verloren haben und sehr darunter leiden.

Fliegen die nicht heutzutage eher in die Türkei und lassen sich Echthaar einsetzen?

Das geht nur bedingt. Mit diesen Haartransplantationen kann man nur begrenzte Flächen auffüllen — etwa Geheimratsecken kaschieren. Dafür entnimmt man häufig die Haarwurzeln im Nacken und transplantiert sie auf den Oberkopf. Dafür sind meistens mehrere Sitzungen nötig.

Gibt es Wünsche, die kaum zu erfüllen sind?

An zu dünnes, zum Beispiel zu oft blondiertes Haar sollte man keine Extensions anbringen. Es gibt auch Frauen, die mehr Haare als ich haben und sich trotzdem unwohl fühlen, weil die Haare in ihrer Jugend eben dicker waren. Das ist ein subjektives Empfinden. Aber wenn die Kundin leidet, muss man darauf eingehen und Abhilfe schaffen. Andererseits haben wir viele Kunden, die von kreisrundem Haarausfall betroffen sind, auch Kinder. Wir möchten ihnen mit unseren Perücken zu mehr Selbstbewusstsein verhelfen.

Mein Oberkopf ist auch kahl. Was empfehlen Sie mir?

So kahl ist er doch gar nicht. Für solche kleinen Stellen eignet sich eine Transplantation oder auch eine Maßanfertigung von uns. Viele Kunden wünschen sich die Haare ihrer Jugend zurück. Oft haben sie ein altes Foto dabei, wenn sie hier hinkommen.

Aber was sagen Sie denen? Das wird doch nichts.

Mit Maßanfertigung kann man das durchaus umsetzen. Mit einem Haarteil wird man nicht wieder 25, aber man sieht schon anders, auch jünger aus. Haare tragen einiges bei zu einem Gesicht.

Finden Sie es auch ungerecht, dass Haarausfall vor allem Männer betrifft?

Das denkt man immer. Nach jahrzehntelanger Erfahrung weiß ich, dass Frauen fast genauso häufig betroffen sind.

Warum laufen dann viel mehr männliche Glatzköpfe durch die Gegend?

Frauen mit Haarausfall fallen auf der Straße nicht auf, weil sie zum Beispiel Extensions und Haarteile tragen. Es gibt sehr viele verschiedene Arten von Haarverdichtungen. Wenn sie gut gemacht sind, erkennt man sie nicht. Mein Vater hat das Geschäft hier 1971 eröffnet, damals waren 90 Prozent der Kunden Männer, die ein Haarteil wollten. Ich bin jetzt auch schon 32 Jahre dabei und kann Ihnen sagen, dass sich das Verhältnis komplett ins Gegenteil verkehrt hat.

Haarausfall kann erblich und hormonell bedingt sein.

Wenn Frauen zu viele männliche Hormone aufweisen, schwinden bei ihnen wie bei Männern die Oberkopfhaare. Man sieht die Kopfheit durchscheinen, während die Seiten und der Nacken weiter dicht sind. Ich habe Kundinnen, die durch Verbrennungen die Haare verloren oder nach einer OP Narben am Kopf haben. Auf den betroffenen Stellen wächst nie wieder ein Haar, solche Menschen brauchen also für den Rest ihres Lebens eine Perücke oder ein Haarteil.

Was kostet eine Perücke aus Kunsthaar gegenüber einer Echthaarperücke?

Wir haben über tausend Perücken vorrätig, die man sofort anprobieren kann. Kunsthaare kosten ab 500 Euro und können direkt mitgenommen werden. Echthaarperücken lassen wir ab 1000 Euro auf Maß anfertigen. Da wird als erstes immer ein Gipsabdruck gemacht. Die Kundin oder der Kunde kann sich die Haarfarbe aussuchen, wir können Strähnen reinmachen und so weiter. Als wäre man noch einmal langhaarig und könnte beim Friseur alle Wünsche äußern.

Könnten Sie eine Perücke noch selber herstellen?

Für meine Meisterprüfung musste ich ein Haarteil selber knüpfen. Mein Vater musste noch eine ganze Perücke herstellen. Das ist ein wahnsinniger Zeitaufwand — mit vier bis fünf Monaten muss man rechnen. Wir lassen in Indonesien knüpfen. Zum einen wegen unserer jahrzehntelangen, freundschaftlichen Geschäftsbeziehungen, zum anderen wegen des Kostenpunkts. In Deutschland wäre die Produktion drei bis vier Mal so teuer.

Waren lange Echthaare auch ursprünglich lang, oder werden dafür kurze Haare verdrillt?

Echthaar stammt immer von gespendeten, abgeschnittenen Zöpfen. Auch in einem langen Zopf finden sich kurze Haare, die gerade erst gewachsen sind. Die werden alle nach Länge sortiert. Aber man kann natürlich auch aus einer Langhaarperücke irgendwann eine Kurzhaarfrisur machen, wenn die Kundin das möchte.

Butter wird billiger, Kaffee ist immer noch teuer. Wie sieht es auf dem Weltmarkt der Naturhaare aus?

Qualität wird immer rarer und teurer. Während Corona haben viele Produktionsstätten geschlossen und seitdem nicht wieder aufgemacht. Es liegt aber auch an diesem wahnsinnigen Hype um Extensions. Auf der einen Seite gibt es die Modetrends, auf der anderen sehr viele Frauen, die krankheitsbedingt eine Perücke brauchen. Gott sei Dank sind wir noch immer in der Lage, ihnen zu helfen. Aber es ist eben deutlich schwieriger geworden, vor allem, an blonde Haare zu kommen. Die Blondinen sterben aus.

Meine größte Angst wäre, dass das Haarteil fliegen geht. Wie garantiert man festen Sitz?

Was auf Maß angefertigt ist, passt schon mal zur Kopfform. Bei Kunsthaaren gibt es ein Klettbändchen, das den Sitz garantiert. Wir arbeiten je nach dem auch mit einem atmungsaktiven beidseitigen Klebeband, das direkt auf der Haut sitzt. Dann ist die Perücke so fest, dass man problemlos den engen Pullover über den Kopf ziehen kann.

In einer Fernseh-Dokumentation sah ich jemanden, der sich vier Druckknöpfe in die Hirnschale hatte schrauben lassen.

(lacht) Habe ich auch gesehen. Zum Glück hat sich diese Technik nicht durchgesetzt.

Kann man mit einer Perücke übernachten, oder legt man die wie dritte Zähne auf den Nachttisch?

Es gibt durchaus Frauen, die ihre Perücke auch im Bett aufbehalten. Obwohl es vielleicht sogar dem Partner nichts ausmacht, fühlen sie sich selbst nicht wohl mit dem kahlen Kopf.

Wie viele Frauen kommen zu Ihnen im Zusammenhang mit einer Chemotherapie?

Drei bis vier am Tag. In der Regel haben sie für ihre Perücke ein Rezept von der Krankenkasse.

Wenn nach erfolgreicher Behandlung die eigenen Haare wieder wachsen, sehen die oft anders aus als zuvor.

Es sind zunächst lockigere Haare als vorher. Das liegt daran, dass eine Chemo die Haarwurzeln schädigt. Bei den meisten Frauen ist es aber so, dass sie sich regenerieren und die Haare wieder die alten werden. Während der Chemo jedoch, also vielleicht sechs bis acht Monate lang, tragen die meisten Betroffenen eine Perücke.

Was übernehmen die Krankenkassen?

In der Regel gibt es alle sechs Monate einen Zuschuss für Kunsthaar, alle zwölf Monate für Echthaar. Kunsthaare sind nicht so widerstandsfähig wie Echthaarperücken.

Wie erleben Sie diese Kundengespräche?

Ich habe selbst vor ein paar Jahren eine Chemotherapie gemacht. Mir sind die Haare nach und nach ausgefallen, zum Schluss habe ich sie rasiert und eine Perücke getragen. Wenn man das alles selber erlebt hat, kann man besser nachfühlen, was ein Mensch, eine ganze Familie dadurch mitmacht. Nicht zuletzt deswegen liebe ich meine Arbeit hier. Ich merke, dass ich etwas gebe und etwas zurückbekomme.

Wie war es für Sie, als die ersten Haare wiederkamen?

Einfach toll! Dieses Gefühl, dass da wieder etwas wächst, ist unbeschreiblich. Wie der Wind da durchgeht, wie man unter der Dusche da durchstreicht — ich fühlte mich mit einem Zentimeter Haaren schon, als hätte ich eine ganze Mähne.

Haben Sie auch prominente Kunden?

Ja, aber Namen nenne ich natürlich nicht. Wenn solche Leute Perücke oder ein Haarteil tragen, wollen sie das oft wegen ihrem Image geheimhalten. Manche Schauspieler brauchen auch für bestimmte Rollen eine neue Frisur. Aber auch unter den Prominenten gibt es viele, die wegen einer Chemotherapie kommen. Die meisten von ihnen gehen ja eher damit an die Öffentlichkeit, wenn die Erkrankung überstanden ist. Für uns unterliegt im übrigen jeder Kunde dem Betriebsgeheimnis, weil man ja nie weiß, ob er/sie über die Perücke mit den Nachbarn spricht oder das für sich behalten will.

Ist Ihre Haarfarbe echt?

Ich bin von Natur aus blond, aber wie bei jeder Frau werden die Haare dunkler mit der Zeit. Grau bin ich noch nicht, aber ich mache blonde Strähnchen rein.

Hätten Sie gern mal einen Afro oder einen Vokuhila? Oder diese lila-weiße Dauerwelle unserer Omas?

Könnte ich mit unseren Möglichkeiten hier alles mal ausprobieren. Aber ich mag meine Haare. Seit meiner Chemotherapie weiß ich sie noch mehr zu schätzen. Ich glaube, man wird zufriedener mit sich, wenn man sieht, wo andere Menschen gerade durchmüssen.