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Interview

Kölner Geigenbauer
„Musik ist etwas Wunderbares und ich helfe mit, sie zum Klingen zu bringen“

7 min
Musik bedeutet Claus Derenbach sehr viel – nicht nur in der Instrumenten-Herstellung.

Musik bedeutet Claus Derenbach sehr viel – nicht nur in der Instrumenten-Herstellung.

Claus Derenbach ist Instrumentenbauer von höchstem Anspruch. Bernd Imgrund sprach mit ihm über Besonderheiten und Berühmtheiten, das musikalische Erbe und den Brüsseler Platz.

Sie betreiben Iyengar-Yoga. Wodurch zeichnet sich das aus?

Der Name geht auf den indischen Yogalehrer Iyengar zurück. Es handelt sich um einen sehr präzisen Hatha Yoga-Stil. Übungen für Körper, Geist und Atem, daraus haben sich fast alle anderen Stile abgeleitet. Einer seiner berühmtesten Besucher war der Geigenvirtuose Yehudi Menuhin, der ihn mal wegen Schulterproblemen aufsuchte und ein langjähriger Schüler von Iyengar wurde.

Sie haben als Schüler Cello gelernt. Freiwillig?

Ich hatte zuerst Gitarren-Unterricht. Das Cello unter dem Schreibtisch eines Freundes weckte mein Interesse. Wir haben es zusammen repariert, und ich bin damit zur Jugendmusikschule, so mit 17, 18 Jahren.

Also begann mit diesem Cello auch der Instrumentenbau?

Ich hatte noch keine Werkstatt und war auf den Keller meines Freundes angewiesen. Mit den Werkzeugen zurechtzukommen, zu sägen, zu schnitzen, zu spalten und schließlich ein Instrument zu bauen, Saiten aufzuziehen und dann sogar darauf zu spielen, war überaus faszinierend für mich. Schließlich besuchte ich einen Bonner Geigenbauer und sagte, ich bin der Klaus und möchte hier eine Lehre machen. Ich tue alles, was man von mir verlangt. Letztendlich war ich bei 70 verschiedenen Werkstätten, bevor ich einen Ausbildungsplatz bekam.

Ihre Hölzer stammen aus Bayern, Frankreich und der Schweiz. Was zeichnet diese Regionen holzmäßig aus?

Streichinstrumente sind Derenbachs Leidenschaft.

Streichinstrumente sind Derenbachs Leidenschaft.

Die Vorderseiten von Streichinstrumenten werden aus Fichtenholz gemacht. Das muss in einer bestimmten Höhe wachsen, damit die Jahresringe schön eng liegen. Eine Fichte, die in der Ebene wächst, ist nicht so flexibel und steif zugleich, wie wir das brauchen. Deshalb nimmt man Hölzer, die in einer Höhe von etwa tausend Meter wachsen. Kurze Sommer und harte Winter sind ideal.

Für den Boden hingegen verwendet man zumeist Ahorn, ein Hartholz.

Ahorn ist hart und stabil, hat aber nicht diese Flexibilität und diese Resonanzfähigkeit. Das Fichtenholz kommt immer schnell in die Ursprungsposition zurück. Man nimmt auch Fichte für die Blattfedern. Manchmal kommen aber auch Pappel und Buche oder exotische Hölzer wie Ebenholz und Palisander zum Einsatz.

Der Laie verbindet Geigenbau mit Südeuropa, mit Italien.

Aber gleichzeitig entstand eine weitere Geigenbautradition im Südschwarzwald, die alemannische Schule. Übrigens haben auch die italienischen Geigenbauer ihren Ahorn mit Vorliebe aus Bosnien, von der Adria bezogen. Feinstes Holz, aber mittlerweile leider fast gänzlich abgeholzt für den Schiffbau.

Sehen Sie einem Instrument an, wie es klingt, bevor jemand darauf spielt?

Man kann den Klang erahnen, wenn man das Instrument in die Hand nimmt. Wenn der Deckel schwer und nicht flexibel ist, wird das Instrument sehr obertonreich klingen, da werden dann mehr hohe Frequenzen angeregt als tiefe. Bassfrequenzen brauchen vergleichsweise mehr Schwingungsfähigkeit.

Würden Sie eine Stradivari aus anderen Geigen heraushören?

Nein. Diese alten italienischen Instrumente sind sehr begehrte Sammler-Objekte und werden dadurch immer wertvoller. Es gibt Wettbewerbe, bei denen hinter dem Vorhang gespielt wird, Stradivaris, Guarneris, aber auch neue Instrumente von zeitgenössischen Geigenbauern. Und siehe da, oft werden die neuen Geigen als besser klingend empfunden als die Klassiker.

Erinnert mich an Blindverkostungen von Whisky. Da gibt es aber durchaus Experten, die erkennen, aus welcher Region der Tropfen stammt.

Bei Geigen ist das anders. Man könnte einen Klavier-Interpreten heraushören, also etwa am Anschlag erraten, dass das Glenn Gould ist. Ich könnte mir auch vorstellen, dass man einen Steinway-Flügel mit verbundenen Augen erkennt. Aber eine Stradivari? Glaube ich nicht.

In vergangenen Jahrhunderten gab es in jedem zweiten Haushalt eine Fiedel. Was war das für ein Instrument im Vergleich zu einer hochwertigen Geige, wie Sie sie bauen?

Der Geigenbau hat sich aus dem amateurhaften Fiedelbau der Spielleute entwickelt. Daraus entstanden dann familiäre Kleinstbetriebe: Im Sommer machte man Heu, im Winter wurde man zum Herrgottsschnitzer. Da hat man vielleicht eine Woche für den Korpus geopfert, schnell lackiert, Saiten drauf und los ging's. Für hochwertige Instrumente braucht es allerdings eine ganz andere Akribie, ein gutes Gehör und den intensiven Austausch mit den Musikern.

Bögen werden gern mit mongolischen Pferdeschweifen bespannt. Warum tut es kein ostwestfälischer Kaltblüter?

Der ostwestfälische Kaltblüterschweif täte es im Prinzip auch. Die Schweifhaare der mongolischen Steppenpferde sind allerdings zugleich sehr robust und sehr fein. Für Profis bespanne ich die Bögen oft zweimal Mal im Jahr neu.

Neben dem hellhaarigen Zopf sehe ich in Ihrer Werkstatt auch einen dunklen hängen.

Manche Kontrabassisten bevorzugen schwarze Haare vom Hengst. Weil sie gröber und fester sind. Beim Streichen über die dicken Kontrabasssaiten können weiße Haare schnell mal reißen. Ich habe vor geraumer Zeit auch angefangen, Bass zu spielen. Seit einem halben Jahr bin ich beim Rodenkirchener Kammerorchester, ein sehr schönes Liebhaberorchester.

Einen Kontrabass haben Sie auch gerade im Bau.

Ja, und außerdem eine Violine, ein Cello und eine Viola da Gamba, also eine Gambe. Stradivari hat auch Mandolinen und Harfen gebaut, das wissen viele nicht. Ich mag die herausfordernde Vielfalt der Streichinstrumente. Mein erster Kontrabass ist damals beim Gürzenich Orchester gelandet, der wurde vorgestern Abend noch gespielt. Von einem spanischen Kontrabassisten. Die haben dort sieben Nationalitäten in der Bassgruppe Musik ist pure Völkerverständigung.

Mussten Sie schonmal etwas wegwerfen?

Vor zwei Jahren hatte ich eine Schnecke fertig und wollte in den Wirbelkasten ein paar Löcher bohren. Ich mache eine falsche Bewegung, die Schnecke verlässt meine Hand, fliegt durch die Luft und bricht bei der Landung oben ab. Vier Tage Arbeit umsonst. Wollte ich dann auch nicht mehr reparieren, das hätte mich gestört.

Probieren Sie beim Bauen Neues aus oder orientieren Sie sich an klassischen Vorgaben?

Ich orientiere mich am Material, an der Proportion und an meiner Erfahrung. Ein Cello zum Beispiel ist idealerweise genau so groß wie seit 300 Jahren. Es gibt Unterschiede von drei, vier Zentimetern, innerhalb derer kann man sich austoben und auch beweisen.

Wo landen Ihre Instrumente?

Da fallen mir etliche Länder ein: Italien, die Schweiz, Frankreich, England, Japan, die USA, auch nach Russland ging eine Bassgeige von mir. In Russland ist es sehr schwierig, barocke Musik zu machen. Trotzdem schaffen es Studenten von dort, hier zu studieren und mit der Musik ihren weiteren Lebensweg zu bestreiten.

Sie reparieren auch. Was macht dabei Spaß?

Das Instrument muss von der Substanz her so sein, dass es mich anspricht. Das heißt, ich muss die Arbeit des Erbauers ästhetisch und handwerklich wertschätzen können. Am Ende ist eine gute Reparatur eine, die man gar nicht sieht.

Sie stammen aus dem Westerwald und wurden in Lübeck ausgebildet. Warum sind Sie 1990 nach Köln gezogen, um Ihre eigene Werkstatt zu eröffnen?

Nach sieben Jahren bei meinem Meister Hedlef Uilderks hat er gesagt: So, jetzt hast du deine Meisterprüfung, jetzt musst du mal weiterziehen. In Frage kamen Bremen und Köln. Und Köln war für mich die große Stadt, mit einer eigenen Musikhochschule und einem starken Musikleben.

Gehen Sie noch immer jede Woche in ein Konzert der Philharmonie?

Mitunter sogar zweimal. Musik bedeutet mir sehr viel. Ich baue Instrumente für Musiker, die Musik von Komponisten spielen. Und dann wird die als Konzert aufgeführt, da sitzen Zuhörer, alles kommt zusammen. Es freut mich einfach, dass ich ein Teil davon bin, jemand, der mit daran arbeitet, dass so etwas entsteht. Musik ist etwas Wunderbares, kaum zu fassen, und ich helfe mit, sie zum Klingen zu bringen.

Sie wohnen direkt am Brüsseler Platz. Da hört man an Wochenenden, speziell im Sommer, auch viel Musik und sonstige Geräusche. Wie beurteilen Sie als Anwohner die Situation hier?

Auch an Wochenenden muss hier ein ruhiges Leben möglich sein. Die Leute dürfen nicht um den Schlaf gebracht werden. Deshalb muss irgendeine Regelung her für alle Beteiligten.

Wie sähe die aus, wenn Sie Chef des Ordnungsamts wären?

Ich kann nicht alle Facetten beurteilen. Aber ich finde es zum Beispiel unmöglich, dass man hier inzwischen sogar Führungen veranstaltet und sagt, ,this is the place to be'. Dadurch kommen obendrein noch Touristen daherspaziert und trinken hier ihr Bier.

Wie sieht Ihr Hauseingang an einem Sonntagmorgen aus?

Sagen wir: oft ziemlich überraschend.

Auch Geigen sind ziemlich laut, dafür, dass sie eher klein sind.

Das liegt an den hohen Frequenzen, denken Sie an ein schreiendes Kind. Hohe Töne wirken sehr laut, sind aber nicht besonders tragfähig. Deshalb braucht man im Orchester zwölf Geigen, aber nur zwei Kontrabässe. Die tiefen Frequenzen gehen durch Mark und Bein und erschüttern alles, wie ein Donnergrollen.

Warum ist ein Anfänger an der Geige als Nachbar schlimmer als jeder andere Musikschüler?

(lacht) Das sehe ich völlig anders. Ich habe viel mit Kindern zu tun und freue mich, wenn sie Geige lernen. Auch wenn die Tonfindung erstmal nur bei 35 Prozent liegt. Es geht nicht um richtige oder falsche Töne, sondern um die Herangehensweise, um die Liebe zum Instrument.

Geigen kratzen gern.

Dann kratzen sie halt! Dann lernt man, weniger zu drücken und den Bogen so zu ziehen, dass es nicht mehr kratzt. Andererseits: In der Neuen Musik ist oft genau das erwünscht. Oder wenn man sich etwa gute Interpretationen von Vivaldis ,Der Winter' anhört: Da ist kein Schönklang, sondern klirrender Frost. Das klingt geräuschhaft, und Musik ist eben auch Konfrontation.

Gibt es viele junge Geigenschüler oder stirbt das langsam weg?

Das stirbt auf keinen Fall aus, dazu ist das Geigenspiel, die klassische Musik kulturell zu stark verankert in Deutschland. Hier kommen Studenten aus Osteuropa und Asien an die Musikhochschulen, um sich ausbilden zu lassen. Dieses Erbe von Bach und Mozart und Beethoven, das kriegt man nicht klein.

Sie bewundern Bach. Warum sollten wir ihn noch immer hören?

Wo auch immer auf der Welt Menschen Klavier oder Geige spielen, ist die Musik von Bach dabei. Selbst wenn sie nicht für das jeweilige Instrument geschrieben wurde. Bachs Musik berührt unser Gemüt auf eine Art, die auf der ganzen Welt gleich ist. Musiker fliegen aus Afrika nach Leipzig, um bei einer Bachkantate mitzuwirken. Bach löst in uns eine Empathie aus, die offenbar natürlicherweise in uns allen steckt.