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„Mache mir meine eigene Perspektive“Kölner Illustrator Andreas Ganther über seine Wimmelbilder

6 min
Andreas Ganther hat seinen eignen Blick auf die Welt. Dabei liebt er vor allem den Blick von Poll aufs Linksrheinische.

Andreas Ganther hat seinen eignen Blick auf die Welt. Dabei liebt er vor allem den Blick von Poll aufs Linksrheinische. 

Der Illustrator Andreas Ganther ist „Mr. Wimmel“. Bernd Imgrund sprach mit ihm über Karnevalswagen, Weinflaschenetiketten und Porz.

Sucht man sich für ein Wimmelbild einen Fluchtpunkt, wie man das in der Schule lernt?

Ich mache mir meine eigene Perspektive. Wichtig ist, etwa neben einem großen Gebäude auch die Personen erkennen zu können. Meine Gesichter sind keine Kleckse, sondern haben eine eigene Mimik. Die Proportionen stimmen nicht, aber die Kunst besteht darin, sie so wirken zu lassen, dass es scheinbar doch hinkommt.

Steinmetze müssen den Figuren, die oben an Säulen angebracht sind, immer Riesenköpfe hauen, damit das von unten perspektivisch richtig wirkt.

Genau. Für mein Kölner Dom-Buch durfte ich Schatzkammer und Dombauhütte besuchen, also die heiligen Hallen. Tolle Erfahrung! Die Jobs in der Werkstatt sind so begehrt, dass sie vererbt werden.

Ist es ein weiter Weg von Moers am Niederrhein nach Köln?

Es ist ein Katzensprung, knapp 100 Kilometer entfernt. Bevor ich 1999 nach Köln zog, kannte ich nichts außer Saturn, wegen der Schallplatten, und den Dom. Als ich ihn dann sah, von der A57 aus, wusste ich, dass ich angekommen bin – es war eine Punktlandung.

Sie haben zunächst nahe dem Rudolfplatz gewohnt.

Engelbertstraße, vierter Stock, 70 Quadratmeter für 700 Mark. Damals ein Schnäppchen.

War Moers schnell vergessen?

Moers ist immer präsent, es verfolgt mich. Im Dom ist Erzbischof Dietrich von Moers (reg. 1414–1463) begraben. Mein Nachbar in Poll heißt „Mörs“ mit Nachnamen. Und in meiner ersten Woche in Köln saß im Café neben mir...

... Walter Moers?

Hanns Dieter Hüsch, gebürtiger Moerser, das „Schwarze Schaf vom Niederrhein“.

In der Innenstadt gibt es eine Mörsergasse, vielleicht sollten Sie da mal hin. Ist aber recht weit von Poll aus, wo Sie seit 2014 wohnen.

Poll ist toll! Es liegt vor den Toren Kölns, aber ich sage immer: Pollywood. Wir blicken von den Poller Wiesen auf die Kranhäuser. Da zahlen die Leute Millionen für ihre Wohnung und haben keine Sonne. Wir in Poll aber schon, den ganzen Tag lang.

Sind Sie Maler oder Zeichner?

Maler, Zeichner und Illustrator! Und ich bin gelernter Technischer Zeichner.

Sie haben eine abgeschlossene Lehre hinter sich.

Mein Vater war Installateur. Der konnte mit meinen Sachen nichts anfangen und meinte: Werde Technischer Zeichner, da malst du auch. Habe ich dann gemacht, bei Mannesmann. Das war mir aber zu unkreativ. Um danach mein Grafikdesign-Studium zu finanzieren, habe ich unter anderem alte Meister nachgemalt.

Und Toulouse Lautrec druntergeschrieben?

Nee, nee, meinen eigenen Namen. Mein erstes Bild war ein Dalí. Schwieriger geht es nicht. Ich habe das bei meinen Eltern im Keller mit Ölfarben gemalt. Der kleine Raum stank so giftig, dass ich in den Garten flüchten musste.

Welchen Kölner Wimmelbild-Auftrag hätten Sie gern?

Im Rosenmontagszug gab es schon mal einen ganzen Wimmelwagen von mir. Den Dom habe ich auch gemacht. Das war es dann eigentlich, oder? New York fände ich toll, aber für ein Wimmelbild muss man dort zumindest eine Zeit lang leben.

Wieso?

Zuletzt war ich drei Wochen in Klagenfurt. Wunderschöne Stadt, ich war eingeladen. Eigentlich sollte mein Bild in der Zeit fertig werden, aber das war unmöglich. Ich muss tiefer eintauchen in so eine Atmosphäre. Ich muss die Stadt viel besser kennenlernen, die Menschen, die Orte - wie die Stadt tickt.

Als Vater der Wimmelbücher gilt Ali Mitgutsch. Haben Sie ihn mal kennengelernt?

Über zwei Ecken kannte ich jemanden am Ammersee, wo auch Ali Mitgutsch seine Sommer verbrachte. Ich wollte den Godfather immer mal besuchen, aber dann riss meine Verbindung zum Ammersee. Und Mitgutsch starb 2022, ohne dass wir uns je getroffen haben.

Haben Sie Erinnerungen an Ihr erstes Wimmelbild? ?

Als kindlicher Leser war das in einer Arztpraxis. Als Illustrator bekam ich irgendwann einen Anruf des Bachem Verlags. Letztlich habe ich dort viele Bücher gemacht.

Worin liegt der zeichnerische Reiz bei einem Wimmelbuch?

Das ist vor allem eine schöne Arbeit. Ich denke mir Geschichten aus, ohne Text, ohne Erklärungen. Die Fantasie des Betrachters wird allein durch die Bilder angeregt. Er kann sich auch seine eigenen Geschichten ausdenken und sich zum Beispiel fragen, warum das Krokodil jetzt unter dem Bus im Flughafen lauert.

Müssen Wimmelbilder immer bunt und lustig sein?

Ich bin völlig unpolitisch. Meine Bilder sollen einfach Freude machen.

Wäre es möglich, ein Wimmelbild über die Schlacht von Stalingrad zu zeichnen?

Natürlich. Aber ich würde es nicht machen. Weil ich halt ein sonniger Mensch bin. Ich bin glücklich.

Was zeichnen Sie bei schlechter Laune?

Gar nichts. Dann gehe ich in die Badewanne.

Gab es vor Ali Mitgutsch nicht schon Hieronymus Bosch?

Absolut! Diese Gemälde sind eindeutig Wimmelbilder, man denke nur an den Garten der Lüste. Da fliegen Raumschiffe durch den Himmel, der Bosch muss ganz seltsames Obst gegessen haben. (lacht)

Ein paar Fragen zu schrägen Auftragsarbeiten: Wie schmeckt der EFFZEH Gin, dessen Label Sie gestaltet haben?

Obwohl er in Düsseldorf abgefüllt wird, ist er wirklich gut. Wird auch immer noch gut verkauft, wahrscheinlich wegen des Etikettes. (lacht) Übrigens habe ich in einem Einkaufszentrum in Remscheid mal einen 2,50 Meter langen einen Löwen angemalt.

Wie kommt das kölsche Grundgesetz auf eine portugiesische Weinflasche?

Auch wieder eine Kölner Geschichte. In der Weinabteilung meines Vertrauens bei Rewe habe ich deren Chef kennengelernt. Torsten Kiss, total netter Kerl, ehemaliger Grafiker. Irgendwann meinte er: „Du machst doch Wimmelbilder, willst du nicht mal ein Etikett gestalten?“ 2011 war dann der portugiesische Douro an der Reihe. Auch 15 Jahre später wird er noch verkauft - mit dem gezeichneten kölschen Grundgesetz drauf.

Und schließlich: Wie kamen Sie zum Porträt des kolumbianischen Präsidentschaftskandidaten Gustavo Petro?

Durch meinen kolumbianischen Freund, der ein kubanisches Restaurant in Köln hatte. Er ist ein Bekannter von Gustavo Petro, der während des kolumbianischen Wahlkampfs eine Veranstaltung in Deutschland machte. Mein Portrait wurde verlost, als Hauptpreis des Präsidentschaftskandidaten. Sehr cool. Und er wurde dann ja auch gewählt.

Sie haben zudem acht Jahre lang Motive für Karnevalswagen gestaltet.

Der Knaller war der Mottowagen mit Klitschko, der Putin festhält. Das war noch vor dem Krieg, aber nach der Besetzung der Krim. Putin als Terminator, der Leute platt tritt, habe ich auch gemacht. Und die Ex-Schauspielchefin Karin Beier als Jeanne d'Arc, die sich gegen die Stadtoberen stellt.

Wurden Sie gefeuert, oder haben Sie freiwillig damit aufgehört?

Acht Jahre sind eine lange Zeit, und es hat echt Spaß gemacht – toll, dass ich dabei sein durfte. Ich gestalte immer noch Karnevalsorden, Bühnenbilder und Ähnliches.

Wie viel Spaß macht es Ihnen, über KI zu reden?

Ah! Ja. Also, KI ist natürlich der Tod für viele Illustratoren. Und er macht die Preise total kaputt. Warum soll ich dir 500 Euro für ein Bild geben, wenn ich das selber für lau hinbekomme?

Nutzen Sie selbst KI für Ihre Bilder?

Kann ich nicht, weil ich mich damit noch nicht beschäftigt habe. Aber ich will das lernen und dann auch einsetzen. Warum nicht? Aber noch funktioniert das nicht. Ich habe mal mit einem Bekannten versucht, ein Wimmelbild zu generieren. Auf den ersten Blick denkst du, wow, super! Aber dann siehst du, die eine Figur hat sieben Finger, der anderen stehen die Füße nach hinten. Aber gut, man könnte so etwas als Vorlage nehmen, und die Programme werden ja auch immer besser.

Haben Sie Angst um Ihre Zukunft?

Ich bin noch guter Dinge. Ich denke, das Persönliche, der Charakter, der individuelle Strich bleibt.

Könnten Sie der heutigen jüngeren Generation erklären, was Sie mit Charakter und dem individuellen Strich meinen?

Stimmt, das wird schwierig. Viele fangen heute jung an zu zeichnen und wollen direkt Millionär werden. Aber da muss man eben auch etwas für tun. Es braucht Erfahrung, Künstler werden ist ein Prozess. Ich denke, in Zukunft wird es schwierig.

Für Künstler?

Auf dem Markt. Für das Leben. Ich bin halt oldschool, ich mache weiter. Aber ich werde mir die neuen Sachen ansehen.

Was würden Sie werden wollen, wenn Sie morgen früh als Zehnjähriger aufwachten?

Boah, sehr hypothetisch! Wieder Maler/Illustrator. Aber mir fällt dabei ein, wie ich als Kind immer draußen mit Freunden im Matsch gespielt habe. Aber mach dich nicht dreckig, meinte meine Mutter. Darauf ich: Na, dann brauch’ ich gar nicht erst rausgehen…

Gab es in Moers damals noch keine asphaltierten Straßen?

(lacht) Den heutigen Jugendlichen ist das Handy an der Hand angewachsen. Letztens fuhr ich per Rad an einem Kinderspielplatz auf den Poller Wiesen vorbei. Kinder spielten da nicht, aber auf dieser metallenen Kletterkugel saß ein Junge. Etwa zehn Jahre alt, allein, die Sonne schien, und er starrte auf sein Handy. Für mich war das ein sehr trauriges Bild. Kinder sollten Kinder sein und auch wieder mehr malen mit Papier und Bleistift - ganz altmodisch! Genau hinschauen und die Natur beobachten, das Drumherum, die Kleinigkeiten. Selbst kreieren, nicht KI alles machen lassen. Let´s get ready to Wimmel!