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Männerwallfahrt in Köln-KalkSchweigend bis zur Pietà in St. Marien

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Traditionelle Männerwallfahrt zur Pietà in St. Marien in Kalk.

Traditionelle Männerwallfahrt zur Pietà in St. Marien in Kalk.

Über 500 Teilnehmer nahmen an der Männerwallfahrt in Kalk zur Pietà in St. Marien teil. Auch die Kölner Legende, Krätzchensänger und Komponist Ludwig Sebus kann Anekdoten zur Wallfahrt erzählen.

„Miteinander beginnt nicht mit dem anderen, sondern mit mir.“ Diesen Perspektivwechsel stellte Stadtdechant Robert Kleine in den Mittelpunkt seiner Predigt zum Abschluss der traditionellen Männerwallfahrt. „Es kommt erst auf meine Haltung an“, betonte der Geistliche vor weit über 500 Männern im Dom und fragte: „Wie gehe ich dann auf den anderen zu?“ Entscheidend sei die Bereitschaft, einen Schritt auf die Person gegenüber zu machen und sich trotz Unterschiedlichkeit mit Respekt zu begegnen. Wer hatte da nicht die aktuelle gesellschaftliche und politische Lage vor Augen? Kleine wörtlich: „Wenn jeder bei sich selbst mit einem kleinen Schritt beginnt, kann etwas Größeres entstehen.“

Spür- und sichtbar war das in den Stunden zuvor. Wie jedes Jahr am Samstagabend vor Palmsonntag zogen die pilgernden Männer schweigend nach einem schlichten und eindringlichen Wortgottesdienst, der sogenannten Statio, von verschiedenen Kirchen im Stadtgebiet aus zum Gnadenbild der Schmerzhaften Muttergottes nach Kalk. Die zutiefst anrührende Skulptur war vor der Kapelle aufgebaut worden. Inmitten des geschäftigen Treibens und Verkehrs auf der Kalker Hauptstraße beteten und sangen die Männer in einem großen Halbkreis vor der Pietà aus dem frühen 15. Jahrhundert. Davor ragte eine gut einen Meter hohe Kerze mit dem darauf aufgetragenen diesjährigen Motto hervor: „Miteinander beginnt mit mir. Männerwallfahrt 2026.“ Anschließend wurde die Wallfahrt bis in den Dom fortgesetzt.

Die Pietà in St. Marien in Kalk.

Die Pietà in St. Marien in Kalk.

Angesichts des Kriegs im Osten Europas sowie im Nahen Osten mögen manche Gläubige in Gedanken und Gebeten daran gedacht haben, dass das Kalker Gnadenbild im Zweiten Weltkrieg gleich zweimal unter den Trümmern zerbombter Kirchen verschüttet und beide Male nahezu unversehrt geborgen wurde. Die religiöse Tradition des Bußgangs gibt es in Köln seit Anfang der 1930er Jahre. Bis zum Beginn des Kriegs nahm die Zahl der Teilnehmer auf über 20.000 zu. Die Prozession wurde damals stillschweigend zur Demonstration gegen die nationalsozialistischen Machthaber.

Ludwig Sebus: Noch mit 90 Jahren nahm er an der Wallfahrt teil

„Mein Vater ist immer mitgegangen, er war mir ein Vorbild für meine Teilnahme am Bußgang“, berichtet die lebende Kölner Legende Ludwig Sebus. Im Gespräch mit der KR sagt der 100 Jahre alte Krätzchensänger und Komponist mit belegter Stimme, wie sehr ihn das diesjährige Motto vor allem an seine Teilnahme im Jahr 1950 erinnert: „Damals begann das Miteinander in besonderer Weise bei mir, denn wenige Wochen vor dem Schweigegang war ich aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt und nahm nun voller Dankbarkeit und Demut an der Wallfahrt durch ming Heimat teil.“

Noch mit weit über 90 Jahren hat Ludwig Sebus dieses Glaubensbekenntnis auf den Kölner Straßen zu beiden Seiten des Rheins begleitet. Nun nimmt er zutiefst bewegt im Gebet teil und rät nicht nur Christen, dabei zu sein sowie dieses Gefühl der Dankbarkeit und Geborgenheit zu erfahren und zu teilen. Augenzwinkernd fügt er mit Blick auf den jüngst veröffentlichten Weltglücksbericht hinzu: „Wenn die Finnen die glücklichsten Menschen der Welt sind, dann sin m`r Kölsche mindestens die glücklichsten in Deutschland.“