Vernachlässigung, körperliche, sexuelle oder pychische Gewalt gegen Kinder nehmen zu. Die Stadt will systematisch gegensteuern.
Übergriffe und VernachlässigungSo will Köln die Kinder besser schützen

Ein Mann hält ein Kind fest am Arm (gestellte Szene)
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Die Stadt Köln hat erstmals einen Kinderschutzentwicklungsplan (KSEP) aufgesetzt. „Sein Ziel ist es, „den Kinderschutz in Köln weiter zu stärken“, betonte Jugenddezernent Robert Voigtsberger. Er bezeichnete den Plan als „einen Meilenstein“ und „ein Vorreiterprojekt“, das für mehr Sicherheit und Qualität sorgen soll.
Wie und warum wurde der Plan erstellt?
Auf der Basis von rund 22 000 Daten hat die Stiftung Sozialpädagogisches Institut Berlin (SPI) im Auftrag der Stadt Köln ermittelt, wie es in Köln um den Schutz des Kindeswohls bestellt ist. Projektverantwortlich bei der Erstellung war die Stabstelle Kinderschutz. Um die verschiedenen Herausforderungen zu ermitteln und Lösungsansätze zu finden, wurden rund 700 Akteure aus verschiedenen Bereichen – von Erziehern über Sozialarbeiter bis hin zu Polizeibeamten – einbezogen.
Ziel des KSEP: Es sollen die Bedarfe von Kindern, Jugendlichen und Familien festgestellt werden, damit der Kinderschutz weiterentwickelt werden kann. Die Stiftung SPI bescheinigte dabei der Stadt Köln, dass die Stadt beim Kinderschutz „gut aufgestellt“ sei.
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Was ist Kindeswohlgefährdung?
Vernachlässigung, sexuelle, psychische oder körperliche Gewalt gefährden das Wohl und die Entwicklung eines Kindes. Wenn dem Jugendamt der Verdacht auf eine Gefährdung gemeldet wird, prüft es den entsprechenden Fall. Dazu ist es gesetzlich verpflichtet. Sollte es sich herausstellen, dass das Kind beispielsweise in seiner Familie einer großen Gefahr ausgesetzt ist, kommt es in Obhut in einer Pflegestelle oder einem Heim. Grundsätzlich ist die Herausnahme aus der Familie das letzte Mittel, mit Beratung oder Hilfen zur Erziehung wird nach einer Lösung gesucht, um beispielsweise Vernachlässigung entgegenzuwirken. Durch eine erhebliche personelle Aufstockung von 66,5 Stellen in den Bezirksjugendämtern stuft Jugendamtsleiterin Dagmar Niederlein die Personalsituation dort inzwischen als gut ein.
Wie viele Meldungen gibt es?
Die Zahl der Verdachtsfälle auf eine Kindeswohlgefährdung nimmt in Köln seit Jahren zu. Im Jahr 2025 gab es in Köln 5298 Verdachtsfälle, die von Mitarbeitenden des Jugendamtes überprüft wurden. In 800 Fällen wurde eine Kindeswohlgefährdung festgestellt.
Zum Vergleich: Im Jahr 2021 lag die Zahl der Meldungen noch bei 3995. In 428 Fällen wurde eine Kindeswohlgefährdung festgestellt. Köln gehört damit im Vergleich mit anderen Städten über 400 000 Einwohnern zu den Kommunen, die vergleichsweise viele Meldungen erhalten. Dies könne, so Voigtsberger, auch auf eine Sensibilisierung gerade im Nachklang auf so spektakuläre Fälle wie den auf dem Campingplatz in Lügde zurückzuführen sein. Anfang 2019 war bekannt geworden, dass drei Männer in Lügde über viele Jahre mehr als 30 Kinder missbraucht und kinderpornografisches Material hergestellt hatten.
Wer meldet in Köln die Verdachtsfälle?
Die weitaus höchste Zahl von Meldungen zu möglicher Kindeswohlgefährdung kommt über die Polizei. Sie lieferte im Jahr 2023, dessen Daten dem KSEP zugrunde liegen, 38,6 Prozent der Meldungen. „Die Polizisten sind diejenigen, die nach Hause kommen, beispielsweise wenn sie wegen häuslicher Gewalt gerufen werden“, erklärte Christoph Scharrenbach, Leiter der Stabstelle Kinderschutz.
17,5 Prozent der Verdachtsmeldungen kamen über die Schulen. Anonyme Meldungen standen an dritter Stelle – und machten rund acht Prozent der Gesamtzahl aus. Minderjährige selbst meldeten sich in rund zwei Prozent aller Fälle. Über Beratungsstellen kamen mit 0,8 Prozent aller Verdachtsfälle die wenigsten Meldungen.
Nach Einschätzung von Niederlein besteht bei Medizinern und anderen Berufsgruppen teilweise immer noch die Sorge, die Schweigepflicht zu verletzen, wenn sie einen Verdacht melden. Sie stellte deshalb klar: „Der Datenschutz tritt nicht vor den Kinderschutz. Wir dürfen miteinander sprechen, wenn es darum geht, ein Kind zu schützen.“ Ziel des KSEP ist auch, in diesem Punkt für mehr Aufklärung zu sorgen.
Woher kommen die meisten Meldungen?
Im Jahr 2023 war die Anzahl der festgestellten Fälle von Kindeswohlgefährdung in den verschiedenen Stadtteilen von Köln sehr unterschiedlich verteilt. Besonders hohe Fallzahlen gab es in Höhenhaus (19 Fälle pro 1000 Kinder), Buchheim (17 Fälle pro 1000) und Buchforst (14 Fälle pro 1000). Auch in Holweide (12 Fälle pro 1000), Kalk und Lind (jeweils 11 Fälle pro 1000) sowie Vingst und Mülheim (10 Fälle pro 1000) liegen die Werte deutlich über dem durchschnittlichen städtischen Wert. Der durchschnittliche Wert für ganz Köln beträgt fünf Fälle pro 1000 Kinder. „Es gibt keine Stadtteile ohne Kindeswohlgefährdung“, stellte Niederlein klar.
Wann sind Kinder besonders gefährdet?
Armut, schlechter Zugang zum Bildungs- und Gesundheitssystem, beengte Wohnverhältnisse, die Anzahl der Kinder in einer Familie und die Tatsache, dass nur ein Elternteil erzieht, sind Risikofaktoren dafür, dass das Kindeswohl verletzt wird. „Das ist allerdings kein Automatismus“, bekräftigte Jugendamtsleiterin Niederlein. In Chorweiler beispielsweise geben es viele Risikofaktoren, aber eine niedrige Quote an Kindeswohlgefährdung. Den Grund dafür sieht Niederlein darin, dass es in Chorweiler eine Vielzahl an Hilfs- und Unterstützungsangeboten gibt.
Welche Schlüsse lassen sich aus dem Plan ziehen?
Der Ausbau früher Hilfen und damit die Prävention von Gefährdungen von Kindern ist das oberste Ziel des KSEP. Dazu sollen in Köln die Kooperationen zwischen den verschiedenen Trägern der Jugendhilfe systematisiert und ausgebaut werden. „Verbindlichere und klarere Wege“ sowie eine verbessere „Zielschärfe“ sieht Voigtsberger als den Weg zu mehr Kinderschutz.
Grundsätzlich sollen auch die Kinder und Eltern möglichst miteinbezogen werden.
Welche Maßnahmen werden empfohlen?
Als eine konkrete Maßnahme bei der Verbesserung des Kinderschutzes gilt auch eine Vereinheitlichung der Meldebögen. Derzeit gebe es eine Vielzahl unterschiedlicher Meldungsbögen, sagte Voigtsberger. Grund dafür ist, dass sie zu unterschiedlichen Zeiten von unterschiedlichen Akteuren entwickelt wurden. Dies erschwere es den Mitarbeitenden in den Bezirksjugendämtern, sich schnell einen Überblick zu verschaffen. „Die Meldungen sollen noch differenzierter beurteilt werden können“, sagte Voigtsberger.
Wie geht es nun mit dem KSEP weiter?
Der KSEP wird jetzt im Jugendhilfeausschuss vorgestellt. Er soll kontinuierlich weiterentwickelt werden. „Es ist ein lebendiges Konstrukt, das niemals fertig wird“, sagte Dezernent Voigtsberger.
„Die mehr als 173.000 Kinder und Jugendlichen, die in Köln leben, sollen sicher und geborgen aufwachsen können“, ist das langfristige, von der Stadt Köln formulierte, Ziel. Um dieses Ziel zu erreichen, sollen bis zum Jahr 2028 die „frühen Hilfen“ für Kinder bis zu drei Jahren weiterentwickelt werden. Zu den Angeboten der „frühen Hilfen“ gehören unter anderem die Willkommensbesuche bei Eltern von Neugeborenen, Eltern-Kind-Gruppen, Familien- und Erziehungsberatungen und Angebote des Gesundheitsamtes für junge Schwangere .
Der Gefährdungsmeldungs-Sofort-Dienst der Stadt ist rund um die Uhr unter der Kölner Telefonnummer 221-97999 erreichbar.
