Das Klavierduo von Katia und Marielle Labèque sorgt in der Philharmonie für Andrang wie bei einem Rockkonzert.
Klavier-DuoKatia und Marielle Labèque füllen die Philharmonie

Katia und Marielle Labèque, Klavierduo
Copyright: Umberto Nicoletti
Das erwartbare Chaos blieb aus. Eigens hatte die Kölner Philharmonie auf ihrer Homepage darauf hingewiesen, dass der Hauptbahnhof aufgrund von Bauarbeiten für den Fern- und Regionalverkehr weitgehend gesperrt ist. „Wir empfehlen, für die An- und Abreise mehr Zeit einzuplanen und die Verbindung vorab zu prüfen.“ Doch beim gestrigen Abokonzert des Gürzenich-Orchesters gab es keine bösen Überraschungen. Offenbar kamen fast alle. Und so voll erlebt man den Konzertsaal bei einem klassischen Programm selten.
Im zauberhaften Garten
Stehplatzkarten? Gab es keine. Alle Reihen, wie auch die Balkone der Empore waren gut besetzt. Ein Andrang wie bei einem Rockkonzert. Auf dem Podium des gerade einmal 22-minütigen Konzerts für zwei Klaviere und Orchester von Francis Poulenc saßen die Schwestern Katia und Marielle Labèque und machten ihre Fans glücklich.
Fotos, gar Filme, die ältere Herrschaften zu machen offenbar wild entschlossen waren, wurden umgehend untersagt. Als Zugabe gab es „Le jardin féerique“ aus Maurice Ravels „Ma Mère l’Oye“. In diesen zauberhaften Garten entführten die Labèques klangmalerisch so kongenial, dass man Blüten und Bäume zu hören und zu riechen vermeinte.
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Und auch Venedigs Palazzo Contarini, den Claude Monet 1908 malte, schien sinnlich erfahrbar – entstand hier 1932 doch Poulencs Konzert für zwei Klaviere im Auftrag seiner Mäzenin Winnaretta Singer, Winnie. Die Erbin des Nähmaschinenherstellers traf den französischen Pianisten und Komponisten offenbar gerade zum Abschluss seiner frühen Schaffensperiode.
Beeinflusst vom Dadaismus
Beeindruckt war der damals 33-jährige Poulenc vom Klavierkonzert in G-Dur, das Ravel just uraufgeführt hatte. Aber offenbar war er gerade in einer Umbruchphase, übernahm Techniken der Dadaisten und ließ sich von populären Melodien beeinflussen. Charmante Vulgarität erschien ihm wichtiger als das tiefe Gefühl der Romantik. Er siedelte Musik lieber im Varieté an.
Dann wiederum schrieb er im zweiten Satz des Konzerts eine Hommage an Wolfgang Amadeus Mozart. Katia Labèque spielt im rasanten Werk, das mit einem Tuttischlag des ganzen Orchesters beginnt, die flinken Noten mit einer Grandezza von Weltläufigkeit. Denn sie ist musikalisch auf ganz vielen Feldern zu Hause. Mit Jazzmusikern wie Herbie Hancock, Chick Corea, Gonzalo Rubalcaba und Michel Camilo spielte sie ein Album ein sowie drei weitere mit ihrem früheren Lebensgefährten John McLaughlin. Und die zwei Jahre jüngere Schwester? Sie erdet, spielt den Bass, gibt Bodenhaftung.
Als Partner am Dirigentenpult brilliert Maxim Emelyanychef, 1988 in Nischni Nowgorod geboren und als Absolvent des Tschaikowsky-Konservatoriums einer der herausragenden Dirigenten der jüngeren Generation. Poulencs Werk zwischen Irrwitz und Tastenzauber füllen er und die Musiker mit mitreißender Spielfreude aus. Das Kolportagehafte gefällt und reißt das Publikum aus den Sesseln.
Furioser Wechsel der Klavierparts
Die Labèques dürften nicht weniger Glückshormone herausgekitzelt haben als ein Popstar in der Lanxess-Arena mit Klettergerüsten, Riesenleinwänden und Nebelschwaden. Das Duo weckt jedenfalls in allen Generationen Begeisterung, die es mit gewinnendem Lachen und ausgefeilten Klavierparts im furiosen Wechsel immer neu entfacht.
Gut eingestimmt auf dieses Feuerwerk hatte das Gürzenich-Orchester mit Sergej Rachmaninows Fantasie „Der Fels“ (1893). Ein Stück, das mit acht Kontrabässen gleich zu Anfang ein Bergmassiv herbeizaubert, das ehrfürchtig macht. Flirrende, dann wieder schroffe Landschaftsmalerei mit Noten schildert die Begegnung von Fels und Wolke als Wandeln zwischen Sehnsucht und Resignation.
Innere Zerklüftung und Lebenskrise zeichnete Peter Tschaikowsky 1877 in seiner vierten Sinfonie. Emelyanychev schlägt das temporeich und dynamisch sehr ausdifferenziert. Reines Pizzicato ist im dritten Satz zu hören – und hier merkt man die Erfahrung, die der junge Dirigent in der Barockmusik hat. Tänzerisch ist sein Auftritt, der Dialog mit den Musikern geradezu mitreißend.
Wieder: 17. und 18. November in der Philharmonie.
