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Das Literarische KomiteeSo funktioniert die Talentschmiede des Kölner Karnevals

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Stadtjeföhl: Romy Helmich und Robert Münster bei ihrem ersten Auftritt im Gürzenich im Vorprogramm der Rundfunk-Sitzung.

Stadtjeföhl: Romy Helmich und Robert Münster bei ihrem ersten Auftritt im Gürzenich im Vorprogramm der Rundfunk-Sitzung.

Das Duo Stadtjeföhl ist aktuell das beste Beispiel, wie Nachwuchskünstler den Sprung auf die anspruchsvolle Bühne des Karnevals schaffen können. 

Hätte jemand Romy Helmich und Robert Münster vor einem Jahr gesagt, was sie in diesen Tagen alles erleben würden – sie hätten vermutlich ungläubig mit dem Kopf geschüttelt. Ungläubig mit dem Kopf schütteln – das tun die beiden in dieser Session noch immer regelmäßig. Die positiven Nachrichten für das Duo, das unter dem Namen Stadtjeföhl auftritt, reißen einfach nicht ab. Bei der Rundfunksitzung des WDR durfte Stadtjeföhl erstmals auf der Gürzenich-Bühne auftreten. Zwar „nur“ im Vorprogramm, aber eben im Gürzenich, einer der bedeutendsten karnevalistischen Bühnen der Stadt. An Rosenmontag folgt der vorläufige Höhepunkt der noch jungen musikalischen Karriere. Beim Zoch wird das Duo auf einem Musikwagen des Festkomitees durch die Stadt rollen. „Es ist Wahnsinn, dass das gerade alles passiert“, sagt Sängerin Romy Helmich.

Vor einem Jahr absolvierte das Duo ihre ersten Schritte auf vor allem kleinen Karnevalsbühnen. Nun sind es schon deutlich über 50 Auftritte, die Stadtjeföhl hinter sich hat. Möglich gemacht hat diese rasante Entwicklung die Unterstützung des Literarischen Komitees, sozusagen die Künstler-Akademie des Festkomitees. „Uns gibt es, um Künstler speziell für den Karneval zu fördern, damit sie den Sprung auf die Karnevalsbühnen schaffen“, sagt Nadine Krahforst, Festkomitee-Vorstandsmitglied und Leiterin des Literarischen Komitees.

Ehrenamtlich engagiert: Nadine Krahforst ist die Leiterin des Literarischen Komitees.

Ehrenamtlich engagiert: Nadine Krahforst ist die Leiterin des Literarischen Komitees.

Künstler können sich bei der Akademie bewerben. 2024 taten das auch Helmich und Münster. Ganz klassisch mit einem Anschreiben und vier angehängten Songs. Für das Casting liehen die beiden sich Equipment, organisierten sich noch schnell ein Mischpult und fuhren mit dem Pkw von Romys Mutter zum Festkomitee. Zweifel kamen schon auf dem Parkplatz auf. Neben ihnen parkten die Musiker der Band Dräcksäck - Vollprofis mit zwei Transportern, Technikern und bedruckten Jacken. Doch die beiden überzeugten. „Sie haben das super gemacht. Wir wussten nach drei Sekunden: Das ist super“, erinnert sich Krahforst.

Nach dem perfekten Auftritt sucht das Komitee beim Casting ohnehin nicht. Es geht vielmehr darum, Potenzial zu erkennen, mit dem dann weitergearbeitet wird. Das geschieht in Workshops – einzeln oder gemeinsam mit anderen Künstlern. „Wir schauen ganz individuell, was die Künstler brauchen.“ Das Angebot ist vielfältig: Technikberatung, Texten in kölscher Sprache, Social Media, Marketing, Stimmbildung, Bühnenpräsenz, für Redner Schauspielunterricht oder die Ausarbeitung der eigenen Bühnenfigur. Der eher symbolische Mitgliedsbeitrag von knapp über 100 Euro für die Künstler wirkt für all das wie ein Schnäppchen.

Experten engagieren sich ehrenamtlich für das Literarische Komitee

Möglich ist das, weil sich die meisten Experten ehrenamtlich für das Literarische Komitee engagieren, weil ihnen der Karneval und der Bühnennachwuchs am Herzen liegen. Ein schönes Beispiel ist die Zusammenarbeit mit Rudolf Meier von der Akademie för uns kölsche Sproch. „Wir haben ihm die Texte geschickt, ihn in seinem Garten getroffen und haben gemeinsam daran gearbeitet“, sagt Romy Helmich. Als Dank trat Stadtjeföhl auf dem „Sackgassenfest“ des Kölsch-Experten auf, als Gage gab es wiederum vier Eier aus der eigenen Haltung. „Es ist keine Seminar-Atmosphäre, sondern fühlt sich alles super freundschaftlich und familiär an“, findet Robert Münster.

Stadtjeföhl absolviert in diesem Jahr ihre erste vollständige Session auf der Karnevalsbühne.

Stadtjeföhl absolviert in diesem Jahr ihre erste vollständige Session auf der Karnevalsbühne.

Ist das Rüstzeug für die Karnevalsbühne erst einmal erworben, folgt die nächste große Herausforderung: Auftritte bekommen. Weil die großen Sitzungen im Karneval in der Regel gut anderthalb Jahre im Voraus gebucht werden, ist das für Newcomer oft schwierig. Für Stadtjeföhl sind es daher zunächst die kleineren, urigeren Veranstaltungen, auf denen sie sich empfehlen können. Ordensabende von Traditionskorps etwa, oder der Präsidentenabend des Festkomitees, auf denen das Duo sich aber bereits in die Notizbücher vieler Programmgestalter spielen konnte. Dazu kommen die alljährlichen Vorstellabende verschiedener Künstlerorganisationen.

Einstieg für Redner noch schwieriger

Die Mitgliedschaft im Literarischen Komitee ist dabei auch eine Art Gütesiegel, das den Einstieg erleichtern kann. Nicht bei allen Künstlern funktioniert das so gut und vor allem so schnell wie bei Stadtjeföhl. „Der Markt ist einfach groß. Es gibt viele fantastische Bands. Am Anfang ist es eine Ochsentour. Man muss fleißig sein und alles mitnehmen, was möglich ist“, sagt Krahforst. Mit Newcomern ließen sich keine Tickets verkaufen. Positiv sei, dass immer mehr Literaten neue Künstler ausprobieren. Das Festkomitee baut die Künstler des Komitees seit Kurzem auch in die eigenen Vorprogramme der großen eigenen Veranstaltungen ein.

Noch schwerer ist der Einstieg in den Karneval für Redner. Auf den großen Bühnen geben sich Guido Cantz, Martin Schopps, Volker Weininger und Co. die Klinke in die Hand. Oft heißt es, es fehle an Nachwuchs. Nadine Krahforst sieht das anders. Auch für die größeren Bühnen sei die Qualität bei einigen Künstlern des Literarischen Komitees vorhanden. „20 Minuten lang die Aufmerksamkeit des Publikums zu bekommen, ist selbst für etablierte Redner eine große Herausforderung. Ich würde mir mehr kürzere Slots in den Programmen wünschen, in denen Redner sich ausprobieren und entwickeln könnten.“

Wenn ein Mitglied so gut durchstartet, wie es gerade bei Stadtjeföhl der Fall ist, dann ist das auch der Lohn für die Ehrenamtlichen im Literarischen Komitee. „Unser Herzblut hängt daran, sonst würden wir das alles nicht in unserer Freizeit machen“, sagt Nadine Krahforst. „Wenn etwas so gut funktioniert wie bei den beiden, dann sind wir alle mächtig stolz.“


Die Künstler des Literarischen Komitees

35 Positionen umfasst das Künstlerverzeichnis des Literarischen Komitees in diesem Jahr. 14 Bands sind Teil des Verzeichnisses, dazu kommen zehn Einzelmusiker, drei Duos sowie acht Rednerinnen und Redner. Die Bandbreite reicht von Künstlern, die ganz frisch dabei sind und gerade ihre ersten Auftritte absolvieren, bis hin zu Bands, die sich in den vergangenen Jahren einen Namen bei den Programmgestaltern gemacht haben.

Zu den bekannteren Bands gehören unter anderem Mätropolis oder Scharmöör. Wie lange Künstlerinnen und Künstler Teil des Literarischen Komitees sind, ist übrigens sehr individuell. Eine zeitliche Obergrenze gibt es nicht. „Wenn sie etwas brauchen, können sie uns anrufen, dafür sind wir da“, sagt Nadine Krahforst.