Im Krankenhaus Merheim fand eine Karnevalssitzung statt, die für einen Teil des Publikums die allerletzte war.
Fastelovend auf der Palliativstation„Vorn spielte Musik, und hinten starb jemand“

Jungfrau Aenne trifft eine Patientin, die im Krankenbett an der Sitzung auf der Palliativstation teilnimmt.
Copyright: Costa Belibasakis
In ihrem Krankenbett wird die Patientin von einem Pfleger bis vor die kleine Bühne gerollt. Lächelnd schaut sie in die Runde, umrahmt von rot-weißen Ballons an den Wänden und Wimpeln an der Decke. Die Kölnerin erlebt heute ein letztes Mal den Fastelovend. Sie ist im mittleren Alter und hat eine schwere Tumorerkrankung, wie Pflegerin Marion Juling erklärt, die heute eine rote Nase aufgelegt hat. Schon in den vergangenen Tagen hatte sich angedeutet, dass die Patientin bald stirbt. „Dabei ist sie jünger als ich“, sagt Juling leise.
Auf der Palliativstation im Krankenhaus Merheim findet bereits seit fast 20 Jahren eine Karnevalssitzung statt – „Merheimer Gürzenich“ heißt die Station an diesem Tag. Auf dem Flur treten vor etwa 30 Stühlen hochkarätige Gäste unentgeltlich vor allen auf, die mitfeiern möchten. Neben Angehörigen sind auch viele Mitarbeitende gekommen. Therapiehund „Rudi“ ist mit einem Königsmantel verkleidet.
Nicht nur das Dreigestirn, sondern auch der Präsident des Festkomitees, Christoph Kuckelkorn, das Reiterkorps Jan van Werth, das Dellbröcker Boore Schnäuzerballett und eine Abordnung von Künstlern der Stunksitzung stehen am Freitagnachmittag auf der Bühne und heizen dem kleinen Raum ein.
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Aus dem Flur der Station wurde ein Sitzungsaal im Kleinformat. Moderiert wurde die Sitzung von Dr. Robin Joppich (v.r.) und Katharina Kunert.
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Eine Patientin sitzt im Rollstuhl zwischen den Reihen. Als Prinz Niklas singt, schließen zwei Pflegerinnen ihr eine neue Dosis Antibiotikum an den Zugang in ihrem Arm an – und sie muss das Klatschen unterbrechen. Langsam tropft das Mittel am Infusionsständer aus der Flasche, im Hintergrund dreht Jungfrau Aenne sich zur Musik.
Auch während der Sitzung haben sich schon Menschen für immer von ihren Liebsten verabschiedet. „Vorn spielte Musik, und hinten starb jemand. Das passiert fast jedes Jahr“, sagt Dr. Robin Joppich, Leiter der Sektion Schmerz- und Palliativmedizin. „Der Tod gehört zum Leben. Das lernt man durch die Sitzung zu verstehen.“ Statt eines Kittels trägt er heute Frack und einen blau-glitzernden Zylinder. „Die Patienten sind einfach unglaublich dankbar dafür, dass noch mal kölsches Leben stattfindet. Und es lässt einen die Schmerzen in der Zeit vielleicht einfach mal kurz vergessen.“
Während des Events arbeitet die Station in verstärkter Besetzung, um weiterhin allen Bedürfnissen gerecht zu werden, wie Dr. Joppich erklärt. „Wir können jederzeit Patienten herausnehmen, wenn es zu viel wird. Natürlich ist es immer wichtig, die richtige Balance zu finden.“ Wer nicht teilnehmen will, kann sich in hinteren Zimmern vom jecken Treiben abschirmen.
„Trauer und Freude liegen ganz eng beieinander“, findet auch die langjährige Moderatorin des Events und ehemalige Mitarbeiterin des Krankenhauses, Katharina Kunert. „Wir haben Menschen gehabt, die haben an einem Tag mit uns gefeiert – und am nächsten waren sie tot. Auf dieser Station lagen auch viele Karnevalisten, einige auch prominent. Und die wollten unbedingt noch einmal Fastelovend feiern.“
Christoph Kuckelkorn besucht die Station, auf der sein Vater starb
Einer dieser Patienten war Fro Kuckelkorn, der Vater des Festkomitee-Präsidenten. „Für mich ist es auch eine Station voller Enge“, sagt Christoph Kuckelkorn bei seiner Rede – und atmet kurz durch. Den Arm um Kunerts Schulter gelegt, die ihn verständnisvoll anlächelt. Fast genau zwei Jahre ist es jetzt her, dass sein Vater hier verstarb.
Bei dem Festkomitee-Präsidenten herrscht Freude darüber, dass die Sitzung einen Wechsel in der Leitung überlebt hat. Achtzehn Jahre lang richtete die Veedelsgruppe der „Raderdollen Merheimer“ die Feier aus. Seit die letzte Kollegin aus diesem Kreis in den Ruhestand ging, wird die jecke Veranstaltung durch das Team der Sektion Schmerz- und Palliativmedizin und den Förderverein „Ping & Palli e.V.“ ausgerichtet. Und das von allen Beteiligten ehrenamtlich.
„Genau hier braucht es den Frohsinn und die Energie, die der Karneval geben kann“, freut sich Kuckelkorn. „Das tut uns allen so, so gut.“ Im Namen des Festkomitees drückte er dem Team herzlichen Dank aus – auch für den alltäglichen Einsatz. „Eure Arbeit ist ganz besonders und für viele Menschen so wichtig und existenziell.“
Auch aus den anderen Stationen durften Patienten zur Sitzung kommen. So schiebt Pflegerin Juling den Roten Funk Claus Otten im Rollstuhl ins Publikum. Er ist für mehrere Operationen im Krankenhaus Merheim und wollte sich „die legendäre Veranstaltung“ nicht entgehen lassen – stilecht mit Narrenkappe und dem Oberteil seiner Uniform. Denn er ist mit den Funken auch schon selbst bei der Sitzung aufgetreten.
Begeistert verkündet der Karnevalist, der auch Führungen in der Ulrepforte gibt, eine spontane Spende, die mit viel Applaus gefeiert wird. Die gesamte Belegschaft ist zu einem Besuch im Zuhause der Roten Funken eingeladen und wird dabei verköstigt.

Claus Otten mit Therapiehund „Rudi“: Der Rote Funk spendete aus Begeisterung eine Führung durch die Ulrepforte für die gesamte Belegschaft der Station.
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Ein Mutter-Tochter-Duo, das auf der Station im vergangenen Jahr einen geliebten Menschen verloren hat, fühlt sich dem Team ebenfalls verbunden. 22 Jahre alt und ein „echter Jeck“ war der Bruder und Sohn. Er kam erst nach der Sitzung auf die Station und verstarb an Weiberfastnacht. Damals hätte die Familie den Trubel noch nicht ausgehalten.
„Wir wurden nicht nur bei der Pflege, sondern auch seelisch unterstützt. Auch noch heute bekommen wir hier Hilfe, wenn wir sie brauchen“, erinnert sich seine Schwester, während der Mutter die Tränen kommen und das Publikum schunkelt. An der Sitzung nehmen die beiden nicht nur in Gedenken an ihren verstorbenen Karnevalsfan teil, sondern auch, um Freundschaften zum Team zu pflegen, die sich gebildet haben.
Das Engagement der Station hat bleibenden Eindruck hinterlassen: Die Schwester der Verstorbenen hat inspiriert davon nun eine Ausbildung im Pflegebereich begonnen. „Ich möchte in den Spiegel schauen, und wissen, dass ich etwas wirklich Wichtiges getan habe.“
