Konzert in KölnPopstar Ayliva überzeugt in ausverkaufter Lanxess Arena

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Äußerst erfolgreich: Popstar Ayliva.

Sehr erfolgreich: Ayliva in der Kölner Lanxess Arena.

Popstar Ayliva sang sich in der Kölner Lanxess-Arena in die Herzen ihrer Fans.

„Kannst du von uns ein Foto machen?“ Klar, kein Problem. „Von hinten?“ Hm. Und dann legen sie traulich ihre Köpfe aneinander, blond an blond, fast gleiche Länge, fast gleicher Farbton. Die eine trägt eine weiße Haarschleife, die andere eine schwarze. Sorgfältig gebügelte schmale Bänder aus Satin, vermutlich so lange und so oft und mit so vielen Verwünschungen und Flüchen umschlungen, bis sie perfekt gesessen haben. Nicht zu hoch, nicht zu tief, genau mittig, mit gleich langen Schlaufen rechts und links. Haarschleifen? Was bitte hat das mit einem Konzert zu tun?

Im Fall von Ayliva, alias Elif Akar, eine ganze Menge. Samstagabend füllt sie die Kölner Lanxess-Arena bis unters Dach. Die Karten waren in Nullkommanix ausverkauft. Derzeit geht die 25-jährige Musikerin aus Recklinghausen durch die Decke. Es hagelt Rekorde (siehe Kasten). Bereits Anfang September konnte sie als meist gestreamte Sängerin binnen 24 Stunden und mit 40 Millionen Klicks im Laufe einer Woche, weitere Erfolgsmarken setzen.

Blingbling und ein Pony von Audrey Hepburn

Ihr Erscheinungsbild mit Perlenketten, Puffärmeln und Petticoats, Handschuhen, Haarschleifen (!) und einem hoch am Hinterkopf angesetzten Pferdeschwanz, dem Blingbling und einem Pony à la Audrey Hepburn ist eindeutig Retro. Ihre Botschaften, verpackt in dramatische Power-Balladen mit Anleihen bei Rap, Soul und R & B, sind es eindeutig nicht. „Glaub mir, Girl, du kannst alles schaffen, was du willst. Dafür brauchst du keinen Mann. Dafür brauchst du nur dich“, singt sie in „Was mir gefällt“.

Ein Stück, dessen Titel an den fröhlichen, frühkindlichen Feminismus von Pippi Langstrumpf erinnert, die schon 1969 in der ersten Verfilmung des Klassikers von Astrid Lindgren, verkündete: „Ich mach' mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt.“ Mehr als 50 Jahre später sieht die Welt für Frauen und diejenigen, die sich als solche fühlen, allerdings wesentlich düsterer aus. Im Jahr 2019 wurden in Deutschland 141 792 Menschen Opfer partnerschaftlicher Gewalt. Knapp 115 000 davon waren weiblich. Zwei Sätze, die Ayliva ihrem Video zu „Deine Schuld“ voranstellt, das 2021 erstmalig auf TikTok in einer Kurzform viral ging und eine Welle von Rückmeldungen auslöste. Mit ihrer Erfahrung männlicher Dominanz und Zerstörungswut war Ayliva nicht allein.

Ayliva.

Viel Girlie-Frauen-Power von Ayliva in der Lanxess-Arena.

In Köln bringt sie diese Aussage kurz vor Konzertende, gegen 21.30 Uhr. Und sie löst damit einmal mehr einen Orkan aus. Wobei das mit dem „einmal mehr“ nicht ganz richtig ist. Seit dem ersten Stück „Mein Kopf ist leer“, das Ayliva am von mit roten Rosen bedeckten Flügel konzertpianistinnenverdächtig einleitet, tost, brodelt, rast, kocht, schäumt und siedet die Arena. Jede einzelne Textzeile wird zur Hymne. Was sehr schön ist, weil es zeigt, wie groß die Identifikation ist und wie sehr das Gemeinschaftsgefühl trägt.

Aber es ist gleichzeitig gemein. Weil man von der delikaten Stimme der Sängerin so kaum etwas hört. Stücke wie „Deine Schuld“ und „Schmetterlinge“ oder „Was mir gefällt“ und „Hässlich“ sind von den ersten Alben „Weißes Herz“ und „Schwarzes Herz“, die 2022 und 2023 herauskamen. Weiß und schwarz. Wie die Haarbänder der beiden Freundinnen auf dem Foto.

Ratschläge und Geschenke sind inklusive

Mit Flügel, Band und bis zu 26 Tänzerinnen bestreitet Ayliva ein beachtliches fast Zwei-Stunden-Programm. Nicht, ohne Ratschläge zu geben und Geschenke zu machen. „Ich möchte, dass wir aufeinander aufpassen“, sagt sie nach „Sie weiß“ im Duett mit Rapper Mero und vor „Ella“, dem Lied über eine, auf die niemand aufgepasst hat und die deshalb tot ist. Und: „Lasst euch niemals von anderen den Spaß oder die Lust am Leben nehmen“ vor „Bei Nacht“. Es regnet rote Rosen, Konfetti, T-Shirts.

Während sich gleichzeitig eine Erkenntnis anbahnt: Das nächste Album wird „Rotes Herz“ heißen. Weil es im Kartenspiel drei Farben gibt. Weiß, schwarz und rot. Und weil Herz Trumpf ist. Bei Ayliva allemal. Halt nur auf dem richtigen Fleck. Dem mit ohne Gewalt.


Neues Album

Aylivas zweites Album „Schwarzes Herz“ kam Ende August 2023 raus. Sie hat derzeit 15 Songs in den deutschen Single-Charts. „Kein anderer weiblicher Act war mit so vielen Titeln gleichzeitig in den Top 100 vertreten“, teilte GfK Entertainment am Freitag mit.

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