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Premiere im Kölner Schauspiel„Die Wörter sind böse“ – unterwegs mit verbalem Flammenwerfer

4 min
„Die Wörter sind böse“ im Schauspiel.

"Die Wörter sind böse" im Schauspiel. 

Premiere: „Die Wörter sind böse“ nach Rolf Dieter Brinkmann im Schauspiel ist authentisches Spiel.

Einem erlegten Tier nicht unähnlich, dessen Haut die Jäger aufgespannt haben, wirkt das Auto auf der Stirnwand des Depot 2 im Schauspiel Köln. Die Türen weit geöffnet, scheint es seinen unheilvollen Dienst getan zu haben. Rechts und links wird es eingerahmt von weißen Urinalen. Regisseur Wolfgang Menardi liefert im Bühnenbild schon eine Charakterlandschaft seines Protagonisten Rolf Dieter Brinkmann.

Hörspiel für den WDR

Die ganze Breite der Bühne nutzt er. Das Ego des Dichters, der in Köln in der Engelbertstraße lebte und 1975 mit 35 Jahren in London von einem Auto überfahren wurde, war halt auch ziemlich groß. „Die Wörter sind böse“ lautet der Titel eines Hörspiels, das Brinkmann für den WDR produziert hatte. Menardi übernimmt ihn und zeigt eine Bühne, die wie ausgebrannt wirkt, mit Schreibtischen und umgestürzten Stühlen, die Baumstümpfen gleichen. So etwa mag es in Brinkmanns Innenleben ausgesehen haben.

Ein Dichter, der mit verbalem Flammenwerfer durch das Köln der frühen siebziger Jahre streifte. Hass war die Triebfeder des jungen Mannes, der in der provinziellen Enge von Vechta in Niedersachsen aufgewachsen war. Mit Jahrgang 1940 hatte er als Kleinkind die komplette Kriegszeit erleben müssen. Brinkmann war nicht nur unversöhnt, er richtete seinen ganzen Zorn auch gegen eine Nachkriegsgesellschaft, die mit dem Konsum zugleich die Normalität zu erwerben glaubte. Menardi lässt sein fünfköpfiges Ensemble (Nikolaus Benda, Paul Grill, Lavinia Nowak, Uwe Schmieder und Birgit Unterweger) auch gar nicht erst auf psychologische Erkundung von Brinkmanns Persönlichkeit gehen, sondern legt sofort mit einem Verachtungsfuror los.

Sprachlicher Unrat

Eine Welle aus sprachlichem Unflat ergießt sie sich über seinem bevorzugten Sujet, den Straßen und Menschen in Köln. Eine Stadt als „riesige Kloake“, ein „mieses, katholisch verseuchtes Stückchen Erde“ bevölkert mit „kölschen Fressen“, so klingt das. Im Publikum sind einzelne Lacher zu vernehmen. Gar nicht falsch, Brinkmann schreibt sehr ähnlich über Rom, als er dort in der Villa Massimo wohnt. Man kann den Eindruck gewinnen, als sei der Gegenstand, über den sich seine Sprachkaskaden ergießen, weniger wichtig als der Furor, der praktiziert wird. Wie das Medium einer Zornesquelle wirken die „bösen Wörter“ und so inszeniert Menardi die ergänzte Hörspielvorlage auch auf der Bühne.

Polical IncorrectnessDie fünf Männer und Frauen tragen alle die gleichen blauen Hosen, gelb-braunen Lederjacken und strähnige Perücken (Kostümbild: Jelena Miletić). Sie zitieren Brinkmann mehr, als dass sie ihn rekonstruieren würden. So wechseln auch die Stimmen innerhalb der Texte. Es ist ein Genuss, dieses nahtlose Gleiten und die ebenso makellose wie ausdrucksstarke Intonation des Ensembles zu hören. Von großer Bedeutung in der Wort- und Klangcollage sind Sounddesigner Matteo Haitzmann und Live-Musiker Nico Stallmann, der pointierte Klangakzente setzt.

Brinkmann erlebt Renaissance

Für die Schauspieler gibt es nur wenig mimetisches Material in einer Produktion, in der etliche Texte mit vor Ekel verzerrten Gesichtern vorgetragen werden müssen. Nikolaus Benda hat auf die Bühne zu pinkeln – bei Brinkmann natürlich nicht mit dem Rücken zu Publikum. Man meint auch den Hautgout vernehmen zu können. Die Frage bleibt, warum Brinkmann nach 50 Jahren eine solche Renaissance erlebt? Bei Rowohlt sind die erweiterte Ausgabe seines Gedichtbands „Westwärts 1 & 2“ und eine umfangreiche Biografie erschienen und im Anderen Buchladen gab es noch vor Wochen einen interessanten Abend zu besagtem Hörspiel. Was hat er einer Generation mitzuteilen, die sich sprachlich die Schienen von linker Wokeness oder rechten Sprachregelungen auferlegt?

Ist es seine maximale Political Incorrectness? Brinkmanns Misogynie hält die Inszenierung eher außen vor. Er war kein Erzähler und kein Analytiker, benutzte die Sprache mit Wiederholungen und Alliterationen wie ein Maschinengewehr, das mal traf und dann wieder nicht. Man merkt der Inszenierung die enorme Anstrengung an, die es bedeutete, die Texte mit aller Macht vom Papier zu lösen, auf das sie gedruckt wurden. Dennoch gelingt es ihr gegen Ende zu zeigen, dass Hass eine Reaktion auf verschmähte Liebe ist. Und man versteht, warum Brinkmanns Poesie der Verzweiflung das Wüten eines Berserkers ist, dem nicht zu helfen war. Langanhaltender Beifall.