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Schau in KölnWallraf-Museum enthüllt Geheimnisse niederländischer Meisterzeichnungen

4 min
Papierrestaurierung in der Vitrine, dahinter Köln um 1670.

Papierrestaurierung in der Vitrine, dahinter Köln um 1670. 

Das Wallraf nimmt niederländische Meister unter die Lupe und lädt zur spannenden Reise durch die Welt der Zeichenkunst.

Auch Vögel können Biester sein. Und so ist der Kauz am Dirigentenpult des „Vogelkonzerts“ denn auch mit gemischten Gefühlen zu betrachten. Frans Snijders (1579 – 1657) legte seine Zeichnung als Mahnung vor Leichtgläubigkeit an. Was auf den ersten Blick putzig anmutet, ist die orchestrierte Hackordnung. Eulen und Singvögel sind keine gute Verbindung, der Kauz ist eher der Fressfeind, denn der Kapellmeister.

Forschungsprojekt

Dass die Piepmätze vom leeren Blatt singen, zeigt einmal mehr ihre Leichtgläubigkeit. Es ist eine von vielen mitreißenden Erzählungen, mit der die Schau „Expedition Zeichnung. Niederländische Meister“ aufwartet. Darin stellt das Wallraf-Richartz-Museum (WRM) die Ergebnisse eines mehr als dreijährigen Forschungsprojekts vor, das den Bestand von gut 850 Zeichnungen vom 15. bis zum 18. Jahrhundert unter die Lupe nahm.

Die „Expeditionsleitung“ übernahm dabei die freischaffende Kunsthistorikerin Annemarie Stefes, die auf die Altmeisterzeichnungen spezialisiert ist. Der Wallraf-Bestand niederländischer Zeichnungen stand im Fokus, wobei es unter den Künstlern erstaunlich viele Verbindungen nach Köln gab.

Das ist gleich am Eingang der Schau zu sehen. „Der Kölner Dom von Nordwesten gesehen“, zeigt sich noch unfertig auf dem Bild, das Lambert Doomer (1624 bis 1700) Mitte des 17. Jahrhunderts malte. Wahrzeichen waren nicht die Türme, sondern der Kran. Aber was für Streifen zeichnen sich im Bild ab? Thomas Klinke, Restaurator am WRM, fand in der Papieranalyse heraus, dass Doomer – in einer Art Recycling – Kassenbuchpapier nutzte.

Kupferstecher im Exil

Offenbar war ihm nicht bewusst, dass die horizontalen Linien des Formulars nach der Übermalung später wieder sichtbar wurden. Stefes erinnerte an gut 2000 Menschen, die im 16. Jahrhundert an den Rhein kamen, da sie aufgrund ihrer Religion in den Niederlanden verfolgt wurden. Darunter Kupferstecher, für die Köln als „Medienstadt“ schon damals attraktiv war. Einer davon war Crispijn de Passe, der später nach Utrecht zurückkehrte und mit seinen Kindern dort einen erfolgreichen Familienbetrieb führte.

Eine beliebte Marke waren die Bilder seiner Tochter Magdalena, von der „Die vier Jahreszeiten“ gestochen wurden. Der Vater gilt als Erfinder der Serien, allerdings scheint er das Entwerfen in einem Fall an die Tochter delegiert zu haben. Für den „Sommer“ fertigte die noch junge Magdalena einen Entwurf, der zeigt, dass sie auffällig häufig korrigieren musste. „Hörner und Ohren der Kuh wollten ihr nicht auf Anhieb gelingen“, so Stefes. Schneiden, Retuschieren, mit Deckweiß übermalen — die Techniken, um Fehler zu kaschieren, unterscheiden sich mit heutigen Methoden ihrer Ansicht nach kaum.

Neue Technik für die Forschung

Spannend wird der Blick durch die Forscherbrille mittels moderner technischer Errungenschaften. Wie Anne Buschhoff, Leiterin der Graphischen Sammlung, erläutert, stehen neue Instrumente zur Verfügung: „Wasserzeichen werden fotografisch erfasst über Datenbanken zugänglich gemacht.“ Hinzukomme die Nutzung modifizierter Lichtquellen sowie reflektografischer Untersuchungsmethoden im ultravioletten und infraroten Bereich. Manches sieht man aber auch mit dem bloßen Auge.

So hat Peter Paul Rubens (1577 – 1640), in Siegen geborener, humanistisch gebildeter Niederländer, in seiner Zeichnung einer antiken Kentauergestalt offenbar mit schwarzer Steinkreide auf Vergépapier etwas gemalt, das die steinerne Vorlage nicht hergab: Das Mischwesen aus Pferd und Mann hat Brusthaare, die der Bildhauer im Original nicht vorsah.

Täuschende Kunststücke

Von den 850 Werken im Bestand des WRM gab es 170 Neuzuschreibungen, 80 Werke erhielten einen neuen Namen und 30 wurden in die Anonymität eingeordnet. Kritisch befassen sich die Forscher mit dem Terminus der „Kennerschaft“, da diese heute den Beigeschmack von elitärem Kunsthistoriker-Klüngel hat.

Dass aber manches Werk auch jene verblüfft, die „kennerschaftlich“ unterwegs sind, lässt sich am Beispiel von Johannes Wierix (1549 – 1620) ablesen: Er hatte als Zeichner und Grafiker eine Meisterschaft erlangt, die es ihm möglich machte, täuschend echt, seine Kopie der Heilige Barbara nach Hans Baldung Grien (1484 – 1545) wie einen Holzschnitt aussehen zu lassen. „Wierix hat hier mit der schwärzesten aller Tuschen gezeichnet, ganz so, als hätten die frei geschnittenen Stege eines Holzstocks ihren Farbabdruck auf dem Papier hinterlassen“, erläutert Klinke.

Das Kopieren gehörte zu seiner Ausbildung. Und Annemarie Stefes legt dar, dass es für „täuschende Kunststücke“ sogar einen eigenen Markt gegeben habe. Der Bluff dürfte sich ausgezhalt haben.

Bis 15. März, Di bis So 10 – 18 Uhr, Obenmarspforten 40. Eröffnung ist heute um 18 Uhr im Stiftersaal, der Eintritt ist frei.