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Im PorträtWie Hendrik Wüst zum neuen starken Mann in NRW wurde

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Hendrik Wüst NRW

Hendrik Wüst (CDU) 

Düsseldorf – Sein Büro im zehnten Stock des gläsernen Düsseldorfer „Stadttors“ ist für Hendrik Wüst eine tägliche Mahnung, wie schnell es in der Politik auf und ab gehen kann. Dort, wo der nordrhein-westfälische Verkehrsminister heute seinen Schreibtisch-Blick auf den Rhein genießt – und vielleicht mehr noch die hervorragende Aussicht auf die Nachfolge von Armin Laschet als neuer starker Mann der NRW-CDU –, wurde seine Karriere eigentlich schon vor über elf Jahren jäh beendet.

Damals residierte hier oben noch die Staatskanzlei des damaligen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers, und ein wundgescheuerter Wüst musste in diesem Raum um seinen Rücktritt bitten. Als junger CDU-Generalsekretär übernahm er die Verantwortung für die bundesweit beachtete „Sponsoren-Affäre“ um angebliche gekaufte Rüttgers-Gesprächstermine. Wüst schien politisch erledigt. Mit gerade einmal 35 Jahren. Niemand hätte es für möglich gehalten, dass er im Herbst 2021 einmal zum Ministerpräsidenten und Chef des größten CDU-Landesverbandes aufsteigen könnte.

Wüst profitiert jetzt davon, dass er mit heute 46 Jahren immer noch noch vergleichsweise jung ist, als Verkehrsminister viel Geld verbauen ließ, den CDU-Wirtschaftsflügel im Land führt und über ein Landtagsmandat verfügt. Wegen einer Besonderheit in der NRW-Verfassung ist die Parlamentsmitgliedschaft Voraussetzung für die Wahl zum Ministerpräsidenten.

Da die nächste Landtagswahl schon wieder in acht Monaten ansteht, ist es aus CDU-Sicht nur logisch, dem künftigen Ministerpräsidenten neben dem Amtsbonus auch den Rest des Laschet-Erbes anzuvertrauen: den Landesvorsitz und die Spitzenkandidatur im Mai 2022. Selbst CDU-Landtagsfraktionschef Bodo Löttgen, nicht gerade als Wüst-Freund bekannt, ließ mit einer Einschätzung aufhorchen: „Wir entscheiden ja in der Partei erst einmal über einen Landesvorsitzenden und Spitzenkandidaten, dann im Anschluss daran über die Wahl eines Ministerpräsidenten. Ich denke, beides wird dann personenidentisch sein.“

Ein Karrieresprung nicht frei von Risiko

Ende Oktober soll der Machtwechsel komplett über die Bühne gegangen sein. Ganz ohne Risiko vollzieht sich der Karrieresprung für Wüst freilich nicht. Die schwarz-gelbe Regierungskoalition zählt nur 100 Landtagssitze, exakt die absolute Mehrheit. Wenn nur ein einziger Abgeordneter aus den Reihen von CDU und FDP Wüst die Stimme versagen sollte, würde sich die selbsternannte „NRW-Koalition“ auf der Schlussgeraden in die Luft sprengen. Vorgezogene Neuwahlen wären dann wahrscheinlich.

Ein solches Maß an Selbstaufgabe traut man der NRW-CDU dann doch nicht zu. Wenngleich Wüsts kühle Zielstrebigkeit nicht jedem behagt. Lange galt der Rechtsanwalt aus dem münsterländischen Rhede sogar als ausgemachter Krawallo. In jungen Jahren war er Rüttgers „Mann fürs Grobe“ und gehörte neben einem gewissen Markus Söder zur Garde konservativer Nachwuchshoffnungen. Und jetzt ein Kronprinz? Wenn einer mit 15 die Junge Union Rhede gründet, mit 20 Stadtverordneter wird, mit 30 Landtagsabgeordneter und mit 31 Generalsekretär des größten CDU-Landesverbandes, ist für ihn schnell ein Platz in der Klischeekiste reserviert. Mit den Jahren hat sich Wüst jedoch eine angenehme Selbstironie zugelegt. Dass er in der Jungen Union war und Fan des 1. FC Köln ist, erklärt er augenzwinkernd mit „einer schweren Jugend“. Wenn er mit Helm durchs Düsseldorfer Regierungsviertel radelt, sagt er schon mal entschuldigend: „Sieht vielleicht bescheuert aus, ist aber sicherer.“

Geduldiges Warten auf die neue Chance

In den vergangenen Monaten hatte sich Wüst in einer Disziplin geübt, die er zu Beginn seiner politischen Laufbahn nie besonders gut beherrschte: dem geduldigen Warten auf seine Chance. Erst Anfang Mai bekannte sich Laschet zu einem Wechsel nach Berlin – unabhängig vom Erfolg oder Misserfolg als Kanzlerkandidat. „Für mich ist klar: Mein Platz ist nach der Bundestagswahl in Berlin“, sprach Laschet die entscheidenden Worte in einem Interview mit der „FAZ“.

Schnell war Wüst als möglicher Nachfolger an der Spitze in NRW im Gespräch. In jungen Jahren hätte er vermutlich gedrängelt. Diesmal brachte er jedoch die nötige Gelassenheit auf, die Dinge ihren Lauf nehmen zu lassen. Statt die Hängepartie und das „Prince-Charles-Syndrom“ zu beklagen, nutzte Kronprinz Wüst die Monate des Wartens, um sich für die neue Aufgabe zu wappnen. Er traf sich mit Parteifreunden, Managern, Wissenschaftlern und Journalisten. Er hörte zu, sog auf, spielte die nur kurze Bewährungszeit als Regierungschef des bevölkerungsreichsten Bundeslandes bis zur Landtagswahl gedanklich durch. Vor allem verwendete er viel Energie darauf, Vorbehalte gegen seine Person abzubauen, die ihm nicht zuletzt wegen der „Sponsoren-Affäre“ noch anhingen.

Viel Rückhalt für Hendrik Wüst

Wüst ist klug genug zu wissen, dass die alten Geschichten in den sozialen Netzwerken wieder hochgespült werden, sobald er zur Nummer eins aufsteigt. Umso wichtiger war ihm, sich den Rückhalt im schwierigen CDU-Landesverband zu sichern. Das ist ihm bemerkenswert gut geglückt: Sogar der Sozialflügel, die Junge Union und die wichtigsten Bezirksverbände trommelten am Ende für ihn.

Parteifreunde, die nie viel mit ihm anfangen konnten, loben seinen Fleiß und sein Organisationstalent. „Wüst ist unheimlich gereift und hockt schon lange nicht mehr im ideologischen Schützengraben“, sagt einer, der ihn lange kennt. Der brutale Absturz als Generalsekretär, einige Jahre in der Verlagsbranche, die Hochzeit und das vergleichsweise späte Vaterglück im März dieses Jahres hätten ihn sensibler gemacht für das Leben außerhalb der Politik-Blase, heißt es aus seinem politischen Umfeld.

Laschet und Wüst als purer Gegensatz

Dass Wüst die Chance genutzt hat, die ihm Laschet 2017 mit der überraschenden Berufung zum Verkehrsminister bot, bestreiten überdies die wenigsten. Wenn man in einem Theaterstück zwei maximal gegensätzliche Politiker-Typen besetzen müsste, würde man Laschet und Wüst nehmen. Der eine leutselig-liberaler Rheinländer mit Hang zum Ungefähren, der andere westfälischer Aktenfresser mit Hang zu klarer Kante. Trotzdem mochten sie sich irgendwann. Als Wüst und seine Lebensgefährtin Katharina, Juristin aus dem Münsterland, 2019 auf Schloss Raesfeld heirateten, wunderten sich Freunde über einen Überraschungsgast: Armin Laschet.

Trotz der guten Voraussetzungen dürfte Wüst gleichwohl wissen, dass er nun zwei Kritiker in der Partei einbinden muss, die sich selbst Hoffnungen auf Beförderung machten. Den populären Innenminister Herbert Reul (69), der auf seine alten Tage angeblich noch einmal gern CDU-Landeschef geworden wäre. Und die ehrgeizige Heimatministerin Ina Scharrenbach (45), die zu den wenigen machtbewussten, jüngeren Frauen in der NRW-CDU gehört. Wie es um die Integrationskraft des „neuen“ Hendrik Wüst bestellt ist, wird sich also bald zeigen.