„Zuständige Stellen schlafen“Kölner Statistikprofessor kritisiert Corona-Datenlage

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Ein Corona-Schnelltest zeigt ein positives Ergebnis an. (Symbolbild)

Ein Corona-Schnelltest zeigt ein positives Ergebnis an. (Symbolbild)

Köln – Der Kölner Statistikprofessor Gerd Bosbach ist ein Freund der deutlichen Aussprache. Bis heute gebe es in Deutschland keine repräsentative Übersicht zur Entwicklung der Corona-Pandemie, sagt er: „Die zuständigen Stellen schlafen und würgen die Versuche ab, das repräsentativ deutschlandweit zu erheben.“

Ähnlich erlebt es der Bonner Virologe Hendrik Streeck: Vorschläge für großangelegte Erhebungen – Bluttests, Abwasseruntersuchungen, Testung repräsentativer Bevölkerungsgruppen – lägen längst auf dem Tisch, sagte er im Rundschau-Interview und übte scharfe Kritik an Gesundheitsministerium und Robert-Koch-Institut (RKI):

Warum gibt es keine repräsentativen Corona-Studien?

Das Bundesgesundheitsministerium lässt eine entsprechende Rundschau-Anfrage unbeantwortet. Das RKI, das Aussagen Dritter (wie Streeck) nach eigener Darstellung nicht kommentiert, verweist auf seine Studienserie „Leben in Deutschland“. Dabei werden einerseits Blutproben getestet, andererseits Detailuntersuchungen an Corona-Brennpunkten gemacht. Beides ist nicht repräsentativ. Den Versuch einer repräsentativen Erhebung gab es zuletzt Ende 2020: 15 122 Erwachsene wurden gebeten, einen Tropfen Blut aus der Fingerkuppe auf ein Testkärtchen zu geben, die Probe wurde dann auf Antikörper untersucht. Ergebnis: Zwei Prozent hatten bis November 2020 eine Corona-Infektion durchgemacht, das war ein doppelt so hoher Anteil wie bis dato bekannt. Diese Daten sind nun weit über ein Jahr alt. Als die Proben entnommen wurden, baute sich gerade die zweite, im Vergleich zu späteren immer noch kleine Corona-Welle auf.

Offiziell registriert wurden bisher 15 790 989 Corona-Infektionen. Gab es nun in Wirklichkeit doppelt so viele oder noch mehr? Bei vielen Patienten gab es Zweit- oder Drittinfektionen, wie viele waren geimpft – also unterm Strich, wie viele Einwohner haben durch Impfung oder Infektion einen Grundschutz?

Und wie verläuft die Pandemie, wo bilden sich neue Brennpunkte?

Nicht einmal aktuell, sagt Bosbach, wüssten wir, wie hoch die Infektionslast wirklich ist. „Bundesweit kennen wir nur die Zahl derer, die positiv getestet wurden. Das sind bei weitem nicht alle Infizierten. Gerade symptomlose oder fast symptomlose Fälle fallen durchs Raster.“ Inzidenzen von über 3000 wären bei den gegebenen Laborkapazitäten gar nicht messbar. Bosbach: „In Österreich liegt die Testkapazität deutlich höher, und die Tests sind deutlich billiger. Dort kostet ein PCR-Test 6 Euro, bei uns 70. Zeitweise hatte Wien mehr Tests pro Woche als Deutschland.“

Der CDU-Gesundheitsexperte Tino Sorge schlägt einen Pool von beispielsweise 5000 Freiwilligen vor, die sich regelmäßig testen lassen. Bosbach geht weiter: „Sie brauchen eine Stichprobe von mindestens 20 000 Leuten, um plausible Ergebnisse zu bekommen“, sagt er. Die wäre dann bundesweit repräsentativ. „Und wenn die Erhebung regionale Ausreißer zeigt, muss man in diesen Regionen eben genauer hinschauen und nachtesten.“

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Auch Linken-Gesundheitsexperten Kathrin Vogler fordert repräsentative Studien. Von den Gesundheitsexperten der Ampel-Fraktionen gibt es keine Reaktion auf entsprechende Fragen. Sorges Bilanz: „Sind die Daten unsicher, sind es auch die Entscheidungen.“ Die Politik müsse sich darauf vorbereiten, „dass da noch was kommen könnte“, und die Fehler beheben, die passiert seien, sagt Bosbach: „Aber ich bin sicher, wenn es eine neue Welle gibt, kommt der Ausruf: Oh, wenn wir das gewusst hätten.“

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