„Wir sind Kirche“ fordert EhrenerklärungMissbrauchsgutachten mit Spannung erwartet

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Viel Kritik musste Kardinal Rainer Maria Woelki einstecken, weil er das erste Gutachten unter Verschluss hält.

Köln – Für den Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki (64) könnte es ein Befreiungsschlag, aber auch ein Desaster werden. Am Donnerstag legt der Strafrechtler Björn Gercke ein Gutachten über Missbrauchsfälle im Erzbistum Köln seit 1975 vor, das auch Vertuscher unter den Bistumsverantwortlichen beim Namen nennt. Endlich – nach einjähriger Verzögerung. Und für Woelkis Zukunft hängt viel davon ab, wie plausibel die Ergebnisse dieses – zweiten – Untersuchungsauftrags sind und ob ihm selbst Fehler im Umgang mit Tätern und Opfern nachgewiesen werden oder nicht.

Eigentlich sollte die Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) schon im März vergangenen Jahres über ihre eineinhalbjährigen Recherchen in Personal- und anderen Akten berichten. Doch erst verschob das Erzbistum kurzfristig den anberaumten Pressetermin und gab dann im Herbst die Veröffentlichung ganz auf – wegen „methodischer Mängel“. Befürchtet wurde zudem, dass Persönlichkeitsrechte der Genannten verletzt werden könnten.

Aktuelle Amtsträger stehen im Fokus

Es geht um viel; Rücktritte sind nicht ausgeschlossen. Anders als das im vergangenen Jahr vorgestellte WSW-Gutachten für das Bistum Aachen kommen nicht nur verstorbene oder im Ruhestand lebende Bischöfe oder Generalvikare in den Fokus. Diesmal stehen aktuelle Amtsträger im Mittelpunkt, darunter nicht weniger als vier amtierende Bischöfe. An erster Stelle Woelki selbst.

Überprüft wird aber auch das Handeln des jetzigen Hamburger Erzbischofs Stefan Heße (54), der seit 2006 Personalchef und von 2012 bis 2015 Generalvikar in Köln war. In öffentlich gewordenen Teilen des WSW-Gutachtens ist zu lesen, dass er eine „indifferente“ und „von fehlendem Problembewusstsein“ geprägte Haltung gegenüber Missbrauchsopfern an den Tag gelegt habe. Mit Spannung erwartet werden auch die Gutachter-Aussagen zu den Kölner Weihbischöfen Ansgar Puff (65) und Dominikus Schwaderlapp (53). Puff hatte von Mai 2012 bis August 2013 und damit für relativ kurze Zeit die Personalabteilung geleitet. Schwaderlapp war acht Jahre lang – von 2004 bis 2012 – Generalvikar von Woelkis Vorgänger, Kardinal Joachim Meisner (1933-2017). In einigen bekannt gewordenen Missbrauchsfällen deutet vieles darauf hin, dass Meisner schuldig gewordene Kleriker wieder in der Seelsorge einsetzte und kirchenrechtlich vorgeschriebene Verfahren unterließ.

„Wir sind Kirche“ fordert Ehrenerklärung

Die katholische Reformbewegung „Wir sind Kirche“ fordert von den deutschen Bischöfen, nach dem Vorbild der CDU-Abgeordneten eine Ehrenerklärung abzugeben. Bundessprecher Christian Weisner sagte unserer Redaktion mit Blick auf das Missbrauchsgutachten im Erzbistum Köln: „Seit 2002 gibt es von den Bischöfen selber beschlossene Regeln zum Umgang mit Missbrauchsverbrechen. Diejenigen in den Kirchenleitungen, die diese Regeln nicht beachtet haben, müssen nicht warten, bis solche Gutachten da sind – sie können jetzt handeln und sollten sich jetzt zu ihrem Fehlverhalten bekennen. Das gilt nicht nur für Köln“, sagte Weisner. „Wir erwarten von den Bischöfen, dass sie endlich Verantwortung übernehmen. Es macht keinen guten Eindruck, solche Entscheidungen auf Rom abzuwälzen.“

Zum Erzbistum Köln sagte Weisner: „Köln ist vor allem ein Kommunikationsdesaster. Kardinal Rainer Maria Woelki wollte der Erste in Sachen Aufklärung sein – und hat einen Fehlstart hingelegt, die Betroffenen instrumentalisiert und mit einem zweiten Gutachten auf Hinhaltetaktik gesetzt.“

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„Wir sind Kirche“ fordert daher eine Vereinheitlichung der wissenschaftlichen Aufarbeitung geistlicher und sexualisierter Gewalt . „Die Deutsche Bischofskonferenz sollte das, was Kirchenrechtler als Goldstandard sehen – etwa die Arbeit im Bistum Aachen – auch als solchen benennen und festlegen“, sagte Weisner. (mit kna)

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