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Vier Jahre Krieg gegen die UkraineWladimir Putin gibt nicht nach

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22.04.2022, Ukraine, Irpin: Die Brücke zwischen Irpin und Kiew am 22. April 2022. Die ukrainische Armee hatte die Brücke gesprengt, um zu verhindern, dass russische Panzer auf diesem Weg vorankommen. Foto: Jussi Nukari/Lehtikuva/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Die Brücke von Irpin nach der Befreiung des Kiewer Vororts: Die Ukraine hatte die Brücke gesprengt, um russische Panzer zu stoppen. 

Am kommenden Dienstag jährt sich der russische Überfall auf die Ukraine zum vierten Mal. Was hat die Ukraine bei der Abwehr des russischen Angriffs erreicht? Gibt es Chancen auf eine Verhandlungslösung? Ein Überblick.

Die letzte Warnung veröffentlichte das Pentagon in der Nacht zum 24. Februar 2022. Am frühen Morgen um 2:30 Uhr deutscher Zeit meldete die Nachrichtenagentur dpa, laut US-Verteidigungsministerium seien rund 80 Prozent der seit Monaten an den Grenzen von Russland und Belarus zur Ukraine wartenden russischen Truppen in Kampfstellung. Eine Stunde später, etwa um 3.30 Uhr deutscher Zeit, verkündete der russische Staatschef Wladimir Putin in einer Fernsehansprache eine „Sonder-Militäroperation“. Kurz danach wurden schwere Luftangriffe auf Kiew gemeldet. Am Mittag berichtete die ukrainische Seite über Dutzende Tote in der Nähe von Kiew und Odessa.

Am Dienstag jährt sich der Beginn des russischen Großangriffs zum vierten Mal. Putins „Militäroperation“, angelegt auf wenige Tage, dauert aus russischer Sicht bereits länger als der „Große Vaterländische Krieg“, die zweite Phase des Zweiten Weltkrieges seit dem Überfall Hitlerdeutschlands auf die damalige Sowjetunion am 22. Juni 1941. Zuvor waren Hitler und der sowjetische Diktator Josef Stalin bekanntlich Verbündete und hatten Polen aufgeteilt.

Kam der russische Angriff überraschend?

Vier Jahre nach Putins TV-Ansprache muten die Vorgänge im Winter 2021/22 unwirklich an. Legendär ist der Auftritt von Sahra Wagenknecht bei Anne Will am 20. Februar 2022: Putin habe kein Interesse an einer Invasion, behauptete die damalige Linken-Politikerin. Mindestens 150.000, laut Pentagon sogar bis zu 190.000 Soldaten hatte Russland da schon zusammengezogen. Trotzdem hofften westliche Politiker, das Schlimmste vermeiden zu können. Noch am 15. Februar saß Bundeskanzler Olaf Scholz in Moskau an Putins berühmten langen Tisch wie vor ihm der französische Präsident Emmanuel Macron.

Am 21. Februar erkannte Putin die seit 2014 teilweise von russisch gesteuerten Kämpfern besetzten ukrainischen Bezirke Donezk und Luhansk als unabhängig an. Damit rückte die Möglichkeit eines Großangriffs in unmittelbare Nähe. Dennoch wurde der Chef des deutschen Bundesnachrichtendiensts, Bruno Kahl (heute Botschafter beim Heiligen Stuhl), am 24. Februar in Kiew überrascht und musste aus dem Land gebracht werden. Die Bundesregierung unter Olaf Scholz (SPD) brauchte drei Tage, um sich zu sammeln. Mehr als das Versprechen von 5000 Helmen hatte man zunächst nicht zu bieten. Erst am 27. Februar fand Scholz mit seiner Zeitenwende-Rede zu einer geordneten Reaktion.

War Putins Einmarsch eine Fehlkalkulation?

Bereits in seiner TV-Ansprache am 24. Februar definierte Putin Kriegsziele, an deren er bis heute festhält: Er nannte nicht nur die Bezirke Donezk und Luhansk, sondern verlangte auch die „Demilitarisierung“ und „Entnazifizierung“ der Ukraine, also den Sturz der ukrainischen Regierung unter ihrem als Nazi diffamierten jüdischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und die dauerhafte militärische Entmachtung des Landes. Statt eines neuen begrenzten Krieges ähnlich der Okkupation von Krim und Donbass 2014 setzte Putin auf komplette Unterwerfung.

Ende März hatte Russland die Schlacht um die ukrainische Hauptstadt Kiew verloren und musste abziehen. In den Ruinen der Vororte Butscha und Irpin wurden Hunderte Leichen gefunden, Opfer russischer Massaker. Das führte zum Ende der damals in Istanbul geführten Gespräche über einen möglichen Waffenstillstand.

Es ist frappierend, wie stark die militärischen Ergebnisse von 2022 die Lage bis heute prägen. Der russischen Fehlkalkulation bei Kiew steht der Erfolg im Süden gegenüber, wo sich offenbar infolge von Korruption genug ukrainische Kollaborateure fanden, um den Bezirk Cherson und Teile des Bezirks Saporischschja im Handstreich einnehmen zu können. Während die Verteidiger von Kiew serienweise Brücken sprengten, ermöglichten intakte Brücken zur Krim und über den Dnipro den Angreifern das Vorrücken. In den Bezirken Cherson und Charkiw führte die Ukraine noch im gleichen Jahr erfolgreich Gegenoffensiven. Und ohne nennenswerte eigene Marine schaltete sie ebenfalls 2022 große Teile der russischen Schwarzmeerflotte aus – spektakulär die Versenkung des Kreuzers „Moskwa“ im April 2022.

Ende 2022 war ein Frontverlauf erreicht, der dem heutigen stark ähnelt: Russland hält einen Landgürtel vom Norden des Donbass bis zum Dnipro besetzt. In mehr als drei weiteren Kriegsjahren konnten die Angreifer kleine Gebiete in den Bezirken Sumy und Charkiw besetzen und die Frontlinie gebietsweise um ein paar Dutzend Kilometer zu ihren Gunsten verschieben, etwa bis Pokrowsk im Bezirk Donezk. Eine ukrainische Gegenoffensive blieb 2023 stecken. Im gleichen Jahr scheiterte der russische Versuch einer Seeblockade gegen ukrainische Getreideexporte. Einige Monate lang, von August 2024 bis März 2025, hielt die Ukraine Gebiete im russischen Bezirk Kursk besetzt.

Kommt nach vier Jahren Bewegung in den Krieg?

Vergangene Woche sorgte eine afp-Meldung für Aufsehen: Vom ZDF bis zum „Spiegel“ wurde die Nachricht zitiert, die Ukraine habe während vier Tagen bis zum Karnevalssonntag 201 Quadratkilometer Land befreit. Nach einer Rundschau-Anfrage hat die Agentur das revidiert: Man habe Daten der US-Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) falsch interpretiert, das Saldo liege bei 63 Quadratkilometern. Das ISW selbst hat auch diese Zahl nie verbreitet, allerdings bestätigt, dass das Tempo des russischen Vordringens seit Mitte Dezember gebremst wurde. So habe Russland in der zweiten Februarwoche netto nur 74 Quadratkilometer eingenommen und in der Neujahrswoche sogar netto 300 Quadratkilometer (vor allem bei Kupjansk im Bezirk Charkiw) räumen müssen. Ein Rückgewinn von 300 Quadratkilometern ist den Daten des dem ukrainischen Militär nahestehenden Kartendienstes Deepstate dagegen nicht zu entnehmen. Am Freitag sprach Selenskyj von 300 befreiten Quadratkilometern, ohne so zu sagen, wo und wann konkret solche Erfolge gelungen sein sollen.

Flächenangaben sind mit Unsicherheit behaftet. Im Frontgebiet gibt es eine 15 bis 20 Kilometer breite „Todeszone“, in der beide Seiten massiv Drohnen einsetzen und einander so am Vordringen hindern. Wie breit ist sie wo? Bei 1200 Kilometern „poröser“ (US-Analyst Michael Kofman) Frontlinie bewirken schon geringfügig abweichende Annahmen große Unterschiede. Wird eine Siedlung von einer Kriegspartei kontrolliert, oder gibt es nur Infiltrationsversuche? War vermeintlich befreites ukrainisches Gebiet wirklich zuvor in russischer Hand? Wenn nicht, gibt es Datenfehler wie bei afp.

Im letzten Jahr mag Russland netto 4336 Quadratkilometer (Deepstate) oder auch 4831 Quadratkilometer (ISW) eingenommen haben. Also das Elf- bis Zwölffache der Fläche der Stadt Köln oder 0,6 Prozent des ukrainischen Staatsgebiets. Was passiert nun aktuell? Von einer Gegenoffensive spricht das ISW ausdrücklich nicht, aber von Gegenangriffen. Boden gut gemacht hat die Ukraine in Kupjansk und im Grenzgebiet der Bezirke Saporischschja und Dnipropetrowsk nördlich von Huljaipole. Laut ISW nutzt die Ukraine Kommunikationsschwierigkeiten der Russen aus: Die hatten es vorübergehend geschafft, das Starlink-Satellitensystem von Elon Musk für ihre Zwecke zu nutzen. Starlink blockierte diesen Zugang Anfang Februar. Russland rückte dennoch zuletzt im Norden des Donbass und im Bezirk Sumy vor.

Was kann die Ukraine militärisch noch erreichen?

Es ist ein Abnutzungskrieg. Ein Mittel, um den Gegner auszulaugen, sind für beide Seiten Angriffe mit Lenkwaffen. Da die USA keine „Patriot“-Raketen mehr liefern – auch nicht gegen Bezahlung –, hat die Ukraine kaum eine Möglichkeit, ballistische Raketen abzufangen. Russland nimmt neben militärisch legitimen Zielen wie Bahnstrecken massiv Wohnviertel und zivile Infrastruktur ins Visier – Krankenhäuser, Einkaufszentren, im Winter vor allem aber Heizkraftwerke. Wärmezelte und aus dem Ausland gespendete Generatoren verhindern eine humanitäre Katastrophe in der Ukraine.

Die Ukraine ist ihrerseits dazu übergegangen, die Strom- und Wärmeversorgung der grenznahen russischen Bezirkshauptstadt Belgorod zu attackieren. Im Januar kündigte der dortige Gouverneur Evakuierungen in der wichtigen Garnisonsstadt an. Breiter angelegt sind ukrainische Angriffe auf russische Trafostationen, Bahnstrecken, Munitionsdepots und Raffinerien. Allein im Januar habe man 48 „tiefe Schläge“ gegen Ölanlagen geführt, verkündete der ukrainische Generalstabschef Olexandr Syrskyj am 9. Februar auf Facebook. 19 Prozent der russischen Ölverarbeitungskapazität habe man außer Betrieb gesetzt. Nur: Derartige Schäden an etwa einem Fünftel der russischen Raffineriekapazität gab es schon im letzten Sommer. Die Ukraine schafft es also zurzeit nur, das Niveau zu halten.

Ukrainische Fernschläge gab es zuletzt auch gegen ein großes Munitionsdepot in Kotluban (Region Wolgograd) und eine Raketenbasis in Kapustin Jar (Region Astrachan). Die Ukraine will dabei ihre selbst entwickelten Marschflugkörper „Flamingo“ eingesetzt haben. Allerdings verfehlte laut ISW in Kapustin Jar mindestens ein „Flamingo“ sein Ziel. Das ist bei dieser bewusst simpel konstruierten Waffe – mit ausgedienten Flugzeugtriebwerken als Antrieb und Bomben sowjetischer Bauart als Sprengköpfen – kein Wunder. Die Ukraine müsste diese Flugkörper in großen Wellen einsetzen, um sicher die gewünschte Wirkung zu erzielen.

Auf der Münchner Sicherheitskonferenz berichtete Selenskyj, Russland habe die Flamingo-Produktionslinie zerstört, man errichte sie jetzt neu. Aber auch zuvor schien die Ukraine Schwierigkeiten zu haben, die Produktion hochzufahren. Für weitreichende Schläge muss die Ukraine also weiterhin vor allem auf Drohnen mit geringer Sprengkraft setzen. Deren Eigententwicklung ist eine große Leistung. Über Waffen ähnlich den russischen „Iskander“-Raketen verfügt Kiew aber nicht.

Den Verkauf von „Tomahawk“-Marschflugkörpern verweigern die USA. Der bis heute nicht gelieferte deutsche „Taurus“ fliegt maximal 500 Kilometer weit. Bis Kapustin Jar sind es mindestens 800 Kilometer.

Raketen- und Drohnenangriffe haben somit ebenso wenig einer Seite den Durchbruch gebracht wie Bodenoperationen. Umso stärker setzt die Ukraine darauf, möglichst viele russische Soldaten zu töten oder zu verwunden. Im Januar habe Russland 31.700 Mann verloren, 9000 mehr, als es habe einziehen können, erklärte Generalstabschef Olexandr Syrskyj am 9. Februar. Diesen Trend wolle man verstärken. Normalerweise liegt die monatliche russische Rekrutierungsrate allerdings höher als für Januar angenommen, nämlich bei etwa 30.000 Mann. Demgegenüber hat der neue ukrainische Verteidigungsminister Mykhailo Fedorow eine russische Verlustrate von 50.000 Mann pro Monat als Ziel ausgegeben. Müsste Putin solche Verluste ausgleichen, dann ginge das nur bei Abkehr vom bisherigen Grundsatz, vor allem Männer aus extrem armen Gebieten zum Sterben an die Front zu schicken. Bisher blieben Söhne aus der Mittelschicht in reichen Städten wie Moskau oder St. Petersburg verschont.

Die Ukraine kalkuliert wie beschrieben, weil sie eine russische Frühjahrsoffensive erwartet und die Brutalität russischer Offiziere kennt, die ihre Soldaten auf Himmelfahrtskommandos schicken. Wer sich sträubt, wird grausam bestraft: Prügel. Fesseln an Bäume bei zweistelligen Minustemperaturen. Schleifen hinter Fahrzeugen, die gefürchtete „Karussellstrafe“. Im Ergebnis hat Russland, so die US-Denkfabrik CSIS, seit 2022 rund 1,2 Millionen Mann verloren, davon zwischen 275.000 und 325.000 durch Tod. Ein Drittel der Verluste entstand allein 2025. Für Großmächte sei das seit 1945 ohne Beispiel.

Grausam ist die Bilanz erst recht für die viel kleinere Ukraine: Der CSIS-Bericht nimmt Verluste von 500.000 bis 600.000 Mann an, davon 100.000 bis 140.000 Gefallene. Zudem sind bis Ende 2025 nach UN-Angaben 14.999 ukrainische Zivilisten im Krieg ums Leben gekommen.

Gibt es Aussichten auf eine Verhandlungslösung?

Bisher spricht nichts dafür, dass Russland von seinen Angriffen ablässt. Auch vor der jüngsten Runde russisch-ukrainischer Gespräche in Genf hatte Moskau deutlich gemacht, dass es von seinen Kriegszielen nicht abrückt. Vize-Außenminister Sergej Rjabkow verwies am 16. Januar auf angebliche Absprachen zwischen Putin und US-Präsident Donald Trump in Alaska. Außenminister Sergej Lawrow bekräftigte das am Mittwoch.

Am gleichen Tag gingen die Gespräche in Genf ohne fassbares Ergebnis zu Ende – was zu erwarten war: Putin hatte seine Interesselosigkeit dokumentiert, indem er den Kreml-Ideologen Wladimir Medinski als Delegationschef benannte. Der war schon von den Istanbuler Gesprächen 2022 als Blockierer bekannt. Dabei hatte Selenskyj im US-Magazin Axios eine demilitarisierte Zone in Donbass angeboten, ein großes Entgegenkommen.

Die wirtschaftlichen Schäden, die Russland durch den Krieg erleidet – schwache Wachstumsraten, dennoch Arbeitskräftemangel, starke Rückgänge bei der Produktion ziviler Güter – sind für das Regime zu tragen, solange China durch Rohstoffkäufe und Lieferungen kriegswichtiger Elektronik hilft. Umgekehrt hat das letzte Jahr gezeigt, dass die Ukraine auch ohne US-Hilfen, aber mit Unterstützung der europäischen Nachbarn, durchhalten kann.

Während sich Selenskyj verhandlungsbereit zeigt, bringt sich ein möglicher Herausforderer in Stellung: Ex-Generalstabschef Walerij Saluschnyj, Syrskyjs Vorgänger und heute Botschafter in Großbritannien, berichtete der Nachrichtenagentur ap über Auseinandersetzungen mit dem Präsidenten. Über den Versuch, ihn 2022 mit einer Razzia einzuschüchtern. Und über die Offensive von 2023. Die sei daran gescheitert, dass die politische Führung nicht auf ihn, den obersten Militär, gehört und die militärischen Ressourcen gebündelt, sondern sich verzettelt habe.

Auch wenn Saluschnyj Aussagen über die aktuelle Kriegslage vermied: Seine Darstellung, dass man mit einer anderen Strategie militärisch Erfolg hätte haben können, ist ein indirekter Appell an jene Mitbürger, die sich angesichts schwerer russischer Kriegs- und Besatzungsverbrechen - Bombenterror, Folterungen, Exekutionen von Kriegsgefangenen, Verschleppung von Kindern – kein Nachgeben vorstellen können. Aber ob ukrainische Kompromissangebote überhaupt eine Chance hätten, entscheidet sich nicht im Streit zwischen Selenskyj und Saluschnyj, sondern das bestimmt Wladimir Putin. Und der hat seine Maximalforderungen von 2022 bis heute nicht revidiert.