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Synodaler Weg Warum Kölns Weihbischof Steinhäuser ein Papier zur Sexualethik ablehnte

Rolf Steinhäuser, hier bei einer Aktion zum Synodalen Prozess auf weltkirchlicher Ebene.

Rolf Steinhäuser, hier bei einer Aktion zum Synodalen Prozess auf weltkirchlicher Ebene.

Köln – Schock beim jüngsten Plenum des Synodalen Weges: Ein Grundlagenpapier zur Sexualmoral fand nicht die Zweidrittelmehrheit der Bischöfe – und fiel damit durch. Ingo Schmitz hat den Kölner Weihbischof Rolf Steinhäuser gefragt, warum er dagegen gestimmt hat.

Alle vier Kölner Bischöfe haben bei dem Synodalen Weg gegen das Papier zur Sexualmoral gestimmt. In ihrem Fall dürfte das noch am ehesten für Verwunderung gesorgt haben. Warum Ihre Ablehnung?

Dieses Grundlagenpapier ist ein Text von über 30 Seiten, bestehend aus Situationsbeschreibungen, theologischen, anthropologischen und kirchenpolitischen Aussagen. Wir konnten ihn nur insgesamt annehmen oder ablehnen. Hätte ich die Möglichkeit gehabt, über einzelne Aussagen oder Abschnitte abzustimmen, dann wäre ein überwiegender Teil für mich zustimmungsfähig gewesen, und ich hätte den Eindruck gehabt, damit kommen wir ein gutes Stück weiter. Nun bleibt in mir das Gefühl zurück, das viel Gutes und Differenziertes auf der Strecke geblieben ist.

Alles zum Thema Rainer Maria Woelki

Zur Person

Rolf Steinhäuser, Jahrgang 1952, wurde 2015 zum Weihbischof in Köln ernannt und 2016 geweiht. Zuvor war unter anderem Diözesan-Jugendseelsorger und Rektor der Jugendbildungsstätte Haus Altenberg, dann Stadtdechant in Düsseldorf. Während der Auszeit von Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki von Oktober 2021 bis zum Aschermittwoch 2022 leitete Steinhäuser als Apostolischer Administrator das Erzbistum Köln. Seine Bemühungen um Dialog im Erzbistum, mit Gremienvertretern und Mitarbeitenden, fanden hohe Anerkennung. (EB)

Welche Punkte empfanden Sie denn als schwierig?

Das waren weniger die Herleitungen als manche pointierte Zuspitzungen. Es wäre jetzt zu flach, pauschal beispielsweise den Punkt zur Homosexualität zu benennen. Die Reaktion wäre unweigerlich, ich hätte etwas gegen homosexuelle Menschen. In Fragen der Sexualität ist mir aber generell wichtig, ob sich zwei Menschen innerlich ganz einander zuwenden. Nicht aus einem momentanen Gefühl heraus, sondern als vorbehaltlose Zustimmung auf Dauer. Mir ist es ein Anliegen, dass die sexuellen Zeichen und diese innerliche Zuwendung nicht auseinanderfallen. Form und Inhalt gehören zusammen und sollten zueinander passen.

Egal ob hetero- oder homosexuell?

Ich beziehe das auf jede Partnerschaft. Alle Menschen haben sexuelle Wünsche und sind sexuell geprägt. Ich gehe auch nicht so weit, Beziehungen, in denen Sexualität die innerliche Zuwendung überwiegt nach kirchlicher Definition als „Abkehr von Gott“ oder „Sünde, die von Gott trennt“ zu verurteilen. Im Umkehrschluss spreche ich aber auch nicht pauschal jeder Ehe, die formal der kirchlichen Lehre entspricht, die eben beschriebene Idealität zu. Andererseits ist für mich in Übereinstimmung mit der kirchlichen Lehre der Ort voll gelebter genitaler Sexualität nur die Ehe. Ich weiß natürlich, dass dies nicht der Lebenswirklichkeit vieler Menschen entspricht. Aber die Tatsache, dass alle Menschen lügen, hebt nicht die Gültigkeit des „Achten Gebots“ auf.

Können Sie konkret eine Textpassage nennen, der Sie nicht zustimmen konnten?

„Die Grundsätze und Kriterien einer christlich gelebten Sexualität – Achtung der Selbstbestimmung und verantwortlich gelebte Sexualität sowie Treue, Dauerhaftigkeit, Ausschließlichkeit und Verantwortung füreinander in Beziehungen – gelten auch für homosexuelle Menschen. Gleichgeschlechtliche, auch in sexuellen Akten verwirklichte Sexualität ist damit keine Sünde die von Gott trennt und ist nicht als in sich schlecht zu beurteilen.“

Ich sehe den Bruch nicht zu ihren Ausführungen.

Bei dieser Passage bleibt für mich die Frage offen, wie hoch werden die genannten Werte wie Dauerhaftigkeit oder Treue angesetzt? Wo ist der Punkt, ab dem ich sagen kann: Das ist okay oder das ist nicht okay? Wie fließt der Lebensweg eines Menschen ein? Zudem sehe ich das Problem, dass sich diese Fragen einer Normierung von außen entziehen. Wenn das dann dennoch sprunghaft in der Aussage mündet: „Gleichgeschlechtliche, auch in sexuellen Akten verwirklichte Sexualität ist damit keine Sünde, die von Gott trennt und ist nicht in sich als schlecht zu beurteilen“, dann sehe ich die Gefahr eines Freifahrtscheins – da bin ich immer dagegen.

Diesen Freifahrtschein gibt es bei der geltenden kirchlichen Sexualmoral doch auch: für verheiratete heterosexuelle Paare mit Kindern – und das vorbehaltlos.

Die bestehende kirchliche Sexualmoral wird den Menschen oft nicht gerecht. Sie objektiviert und verkürzt. Egal, ob im Einzelfall die Ehe vollkommen „daneben“ ist. Es gibt einen Dissens zwischen der Lehre der Kirche und der Lebenswirklichkeit der Menschen, das müssen wir einfach feststellen. Insofern bin ich sehr für eine Weiterentwicklung, bei der es um den einzelnen Menschen und seine Entscheidungen geht. Natürlich wünsche ich mir, dass die von Menschen getroffenen Gewissensentscheidungen sich in der Auseinandersetzung mit der Lehre der Kirche bilden.

Unter den Bischöfen kam nicht die erforderliche Zweidrittelmehrheit zustande. Darüber wäre der Synodale Weg beinahe gescheitert. Gab es im Voraus keine Signale?

Ich selbst war von dem Ergebnis völlig überrascht. Ich habe den Anteil der Gegner viel geringer eingeschätzt. Zumal bei einer Mehrheit der Bischöfe der Gedanke präsent war: Wir dürfen das Papier nicht durchfallen lassen, sonst führt das zum Ende des Synodalen Weges. Und ich sage klar: Ein Ende des Synodalen Wegs nützt niemanden. Wir sitzen alle in einem Boot und wir müssen schauen, wie wir mit diesem Boot weiterkommen.

Hat es denn unter den Kölner Bischöfen dazu im Vorfeld eine Aussprache gegeben?

Wir wissen natürlich um unsere Grundbefindlichkeiten. Aber nein, wir haben uns keinen Text gemeinsam vorgenommen.

Und nun bleibt es einfach bei der bestehenden kirchlichen Sexualmoral?

Dieser Text wird unabhängig vom Abstimmungsergebnis eine Wirkung entfalten. Wir müssen weiter darüber reden. Im November haben wir in Rom einen Ad-limina-Besuch (turnusgemäßer Besuch aller Bischöfe beim Papst, d. Red.). Dabei werden die Bischöfe das Papier vorlegen, zur Diskussion stellen und über ihre Einschätzungen reden. Darüber hinaus schaue ich gespannt auf die Weltsynode: Wie werden sich dort die in dem Text angesprochenen Anregungen widerspiegeln? Es gibt ja das Totschlagargument: Weltkirchlich geht das alles nicht. Ich vermute, dass sich bei einem Austausch darüber das Gesamtbild differenzierter darstellen wird. Und ich glaube, darauf setzt auch der Papst.