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Viele Einschränkungen rund um OlympiaIn Paris herrscht vor den Sommerspielen in Paris große Skepsis

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Die Olympischen Ringe 2017 in Paris vor dem Eiffelturm. Im Juli und August finden die Sommerspiele 2024 in der französischen Hauptstadt statt.

Die Olympischen Ringe 2017 in Paris vor dem Eiffelturm. Im Juli und August finden die Sommerspiele 2024 in der französischen Hauptstadt statt.

Fünf Monate vor Beginn der Wettkämpfe herrscht in der französischen Hauptstadt bei vielen Menschen Skepsis. Sie befürchten Chaos und wollen lieber wegfahren. Für manche Einwohner könnte das globale Event aber auch sehr lukrativ werden.

Im vergangenen Herbst zog der damalige französische Transportminister Clément Beaune die verbalen Samthandschuhe aus und wurde ungewöhnlich direkt. Die Pläne für die Organisation des Verkehrs in diesem Sommer in Paris „werden hardcore sein“, warnte Beaune vor, der im Januar aus anderen Gründen seinen Ministerposten räumen musste. Mit „hardcore“, heftig, meinte er die Einschränkungen durch Sicherheitsabsperrungen und Umleitungen für alle, die sich in der Zeit der Olympischen Spiele von 26. Juli bis 11. August in Frankreichs Hauptstadt fortbewegen möchten oder müssen.

Eine Karte zeigt, wie das Stadtgebiet während der Olympia-Wochen in vier Zonen eingeteilt wird, zu denen der Zugang verschieden stark begrenzt ist. Besonders gilt das für Bereiche um den Eiffelturm und den Concorde-Platz. In manchen Schutzbereichen bleiben sogar die Metrostationen geschlossen. Fest steht: Die Fortbewegung wird schwierig. „Hardcore“ eben.

Beaunes klare Worte brachen mit der bis dahin geltenden Strategie der Organisatoren – stets zu versichern, dass die Vorbereitungen ideal liefen, und dass jegliche Sorge, etwa vor einem Kollaps des öffentlichen Nahverkehrs, unbegründet sei. Seit kurzem nun appelliert die Regierung auf Werbeplakaten in den Pariser Metro-Gängen an Unternehmen und Beschäftigte, im Sommer im Homeoffice zu arbeiten. Mithilfe einer neuen Internetseite sollen sich alle rechtzeitig organisieren. Sie beinhaltet interaktive Karten und Informationen zu Stoßzeiten bei Metro- und Buslinien, Bahnhöfen, Flughäfen oder Parkplätzen während der Spiele.

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Ergänzt werden diese Informationen mit Ratschlägen von erstaunlicher Banalität. Der Weg ist kürzer als zwei Kilometer? „Überlegen Sie sich, zu Fuß zu gehen!“ Die zurückzulegende Strecke ist bis zu zehn Kilometer lang? „Denken Sie an das Fahrrad!“ Schließlich gebe es im Großraum Paris insgesamt 3360 Kilometer Radwege.

Wie sie in dieser Zeit von A nach B kommen sollen, fragen sich viele Pariser jetzt schon. Zu ihnen gehört die zweifache Mutter Julie, die oberhalb des Triumphbogens wohnt. „Für mich gibt es nur eine Lösung, wir müssen weg“, sagt sie und ist damit keineswegs alleine. Einer Studie des Umfrageinstituts Odoxa zufolge planen mehr als die Hälfte der Einwohner des Großraums Paris, diesen während des Sport-Events zu verlassen.

Von den zehn Millionen Karten sind bereits acht Millionen verkauft

Das ist im Hochsommer zwar nicht ungewöhnlich, wenn sich die Stadt stets leert und die Einheimischen den Touristen Platz machen. Doch dieselbe Umfrage ergab auch eine drastische Abnahme der Zustimmung zu den Spielen, je näher sie rücken. Demnach sagten 44 Prozent der Befragten, diese seien „eine schlechte Sache“, gegenüber 22 Prozent zwei Jahre zuvor.

„Das wird das absolute Chaos“, befürchtet Julie. Ein Satz, der bei dem Thema oft zu hören ist; zumindest von jenen, die bei den bisherigen Verkaufsrunden kein Ticket ergattert oder es gar nicht erst versucht haben. Von den insgesamt zehn Millionen Karten – 2,8 Millionen sind es für die Paralympischen Spiele von 28. August bis 11. September – wurden fast acht Millionen veräußert.

Mehr als 15 Millionen Gäste werden insgesamt erwartet – das ist auch für die meistbesuchte Stadt der Welt eine Herausforderung. 25 der Austragungsstätten befinden sich in der Metropolregion, davon 13 in Paris selbst und zwölf im Großraum. Einige Wettbewerbe finden aber auch in anderen französischen Städten wie Bordeaux, Lille oder Marseille statt – und manche sogar auf Tahiti. Auf der zu Frankreich gehörenden Insel im Südpazifik werden die Surf-Wettbewerbe ausgetragen, die zum zweiten Mal im Olympischen Programm vertreten sind.

Die Pariser Verkehrsbetriebe RATP gehen von einer Million zusätzlichen Fahrten aus – pro Tag. Deren Chef Jean Castex, der als früherer Premierminister die Arbeit an komplexen Themen gewöhnt ist, hat insgesamt 5300 weitere Posten für dieses Jahr angekündigt, nach 6600 Neueinstellungen in 2023. Allerdings erscheint es unsicher, ob die automatische Metrolinie 14, die im Norden bis zum Olympischen Dorf und im Süden bis zum Flughafen Orly verlängert wird, bis zum Sommer komplett einsatzbereit ist.

Teure Fahrten im Nahverkehr

Versprachen die Organisatoren zunächst, während der Spiele seien die öffentlichen Transportmittel für alle Besucher der Wettbewerbe gratis, so werden diese nun teurer für alle, abgesehen von den Besitzern von Monats- und Jahreskarten. Der Preis für einen Einzelfahrschein verdoppelt sich auf vier Euro. Das gilt auch für jenen der Wochenkarte. Der Grund laut den Organisatoren: Die Mehrkosten für das erhöhte Angebot müssen ausgeglichen werden. „Die Grundsteuer für unsere Wohnung hat sich verdoppelt, ich zahle jetzt 4000 Euro pro Jahr“, stöhnt Julie. „Diese Spiele ruinieren uns.“

Demgegenüber bemüht sich die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo, Begeisterung zu wecken. „Wir werden gemeinsam vibrieren, Paris wird herrlich sein!“, rief sie jüngst bei der Eröffnung der neuen „Adidas Sportarena“ im Norden der Stadt mit 8000 Zuschauerplätzen. Im Juli, versicherte sie, werde sie persönlich in die Seine springen – und sie lud Präsident Emmanuel Macron ein, es ihr gleich zu tun.

War das Baden dort seit 1923 verboten, soll es infolge der Verbesserung der Wasserqualität für die Spiele ab 2025 möglich sein. 1,4 Milliarden Euro wendete der Staat seit 2016 für die Seine und die in sie mündende Marne auf. Auch die Eröffnungszeremonie findet auf dem Fluss und damit erstmals in der Olympischen Geschichte nicht in einem Stadion, sondern unter freiem Himmel statt. Spektakuläre Bilder sollen her, genauso wie beim Beachvolleyball unter dem Eiffelturm.

Zugleich erfordert der Schutz der Besucher, Athleten sowie der Staats- und Regierungschefs aus aller Welt bei der Riesenveranstaltung im Zentrum der Stadt umfassende Sicherheitsmaßnahmen. 45000 Polizisten und Gendarmen werden allein am ersten Tag eingesetzt. Inzwischen hat Innenminister Gérald Darmanin angekündigt, höchstens 300000 Menschen an den Uferstraßen der Seine zuzulassen. Ursprünglich war die Rede von 600000. Doch so oder so: Es bleibt die größte Eröffnungsfeier aller Zeiten.

Wenn trotzdem viele Stadtbewohner diese Ausnahme-Wochen verpassen, dann liegt das auch am Geld: Sie wollen ihre Wohnungen vermieten. Denn längst gehen die Preise durch die Decke. Dem Pariser Touristenbüro zufolge lag der Tarif für eine Nacht im Hotel während der Olympischen Spiele bislang im Schnitt bei 522 Euro, im vergangenen September erreichte er sogar 759 Euro.

„Wir rieten den Hoteliers, nicht zu weit nach oben zu gehen, weil die Leute sonst anderswo suchen, vor allem bei AirBnB“, sagt Frédéric Hocquard, im Rathaus zuständig für den Tourismus. Das Angebot auf der Wohnungsplattform ist so hoch wie nie: Innerhalb eines Jahres stieg die Zahl der Inserate um 33 Prozent auf 70000 Annoncen. Die Preise erreichen im Schnitt satte 542 Euro pro Nacht, im Vergleich zu 361 Euro für Reservierungen in einem „normalen“ Sommer. „Viele Pariser meldeten sich ganz neu an, um die einmalige Gelegenheit zu nutzen“, so Hocquard.

100 Euro und zwei Tickets für zwei Monate ohne Studentenzimmer

Andere müssen ihre Behausungen zwangsweise räumen. Das gilt für 2200 Studierende, die im Sommer ausquartiert werden, um in ihren Studentenzimmern Feuerwehrleute, Polizisten oder Pflegekräfte unterzubringen. Als Entschädigung bekommen sie 100 Euro und zwei Plätze für Wettbewerbe. Sportministerin Amélie Oudéa-Castéra versicherte, es gebe individuelle Lösungen für alle Betroffenen, und bat um deren Mithilfe. „Ich denke, dass die Studenten stolz sein werden, ihre Unterkunft während zwei Monaten im Sommer zur Verfügung zu stellen.“ Nicht alle sahen dies so. Doch eine entsprechende Klage wies der Staatsrat ab.

Die Menschenrechtsbeauftragte Claire Hédon kündigte an, die Frage der Studentenwohnungen sowie den Vorwurf der „sozialen Säuberung“ zu untersuchen. Seit fast einem Jahr werden Obdachlose und Migranten aus dem Großraum Paris in andere Regionen verfrachtet, weil bisherige Notunterkünfte gebraucht werden. Dem Bündnis „Die Kehrseite der Medaille“ zufolge wurden schon mehr als 4000 Menschen weggebracht.

„Wir wissen genau, dass sich während der Olympischen Spiele die Kameras der ganzen Welt auf Paris richten und die Behörden ,saubere Straßen‘ wollen“, sagt Paul Alauzy von der Nichtregierungsorganisation „Ärzte der Welt“. Doch anstatt die Betroffenen einfach nur wegzubringen, sei ein langfristiger Plan vonnöten, um ihnen dauerhaft aus der Misere zu helfen.

Fünf Monate vor dem Start der Spiele überwiegen die Negativschlagzeilen. Dabei gibt es für manche auch positive Nachrichten; beispielsweise für die Bouquinisten, die traditionellen Straßenbuchhändler an den Seine-Ufern. Rund die Hälfte der grünen Holzhütten, in denen sie ihre Bücher verkaufen, sollte aus Sicherheitsgründen abgebaut werden. Doch nun entschied Präsident Macron persönlich, dass sie bleiben dürfen.

Sie sei sehr erleichtert, reagierte die deutsche Bouquinistin Iris Mönch-Hahn. „Ich habe auf Olympia gesetzt – und dann hieß es, wir müssen weg.“ Doch Macron zufolge geht es auch um das „lebende Kulturerbe“, um die „Stadt der Lichter“ während der Sommerspiele mehr denn je zum Leuchten zu bringen – und die Unkenrufe verstummen zu lassen.

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