Köln – Eine Gruppe von Handwerkern sitzt niedergeschlagen am Weyerstraßerweg in Zollstock. „Wir versuchen das zu verdauen, was wir eben erlebt haben“, sagt einer. „Aber das ist nicht so einfach.“ Die Männer leisteten gestern Nachmittag drei Kindern Erste Hilfe, die beim Spielen auf den Gleisen des Güterbahnhofs Eifeltor in Kontakt mit den Oberleitungen gekommen waren. Die Kinder hatten auf abgestellten Waggons herumgeturnt. „Ein Mädchen erlitt Verbrennungen von 70 bis 80 Prozent“, berichtete Dr. Jörg Schmidt, Einsatzleiter der Feuerwehr, ein Junge von 40 bis 50 Prozent. Die Elfjährige und der Zwölfjährige schweben in Lebensgefahr. Beide waren von dem Stromschlag bewusstlos geworden. Sie wurden mit Hubschraubern in Spezialkliniken nach Duisburg und Bochum geflogen. Das andere Mädchen erlitt laut Schmidt Verbrennungen von etwa 10 bis 20 Prozent. Die Zwölfjährige wurde ins Krankenhaus Merheim gebracht. „Sie war ansprechbar und hat uns in etwa schildern können, was passiert war.“
Getränkebecher, Flaschen und Eispapier auf den Gleisen nahe der Gothaer Versicherung zeugen davon, dass sich die Kinder schon längere Zeit auf dem Grundstück der Deutschen Bahn AG aufgehalten hatten. „Offenbar hatten sie dann die Idee gehabt, das Eis auf den Waggons zu essen.“ Das Mädchen mit den schlimmsten Verbrennungen habe die Oberleitung sogar angefasst. „Normalerweise reicht schon ein Abstand von etwa einem Meter, dass der Lichtbogen umspringt“, erklärt Schmidt.
Laut Polizei-Einsatzleiter Frank Schriever war es 17.09 Uhr, als die Einsatzkräfte alarmiert wurden. „Wir hatten schon Feierabend, aber wir sitzen öfter noch gerne ein bisschen zusammen“, erzählt einer der Handwerker. Plötzlich habe es einen Knall gegeben. Rauch sei aufgestiegen. „Dann haben wir Hilfe-Schreie gehört.“ Als die Männer die Bahngleise erreichten, sahen sie die heruntergestürzten Kinder. „Eins hat nur gewimmert, die beiden anderen waren nicht ansprechbar“. Reaktionsschnell liefen einige der Handwerker zurück, um aus ihrem Heizungs- und Sanitärbetrieb Kühldecken zu holen.
Nicht nur bei den Handwerkern, auch in der Nachbarschaft machte sich Entsetzen und Wut breit, als das Unglück die Runde machte. „Das ist doch überhaupt nicht abgesichert hier“, sagte eine Anwohnerin mit Tränen in den Augen. Für die Kinder war es kein Problem, die Böschung hinauf zu den Gleisen zu gelangen. Der Drahtzaun ist dort niedergetrampelt worden.
Nur etwa 200 Meter von der gestrigen Unglücksstelle entfernt war schon vor drei Jahren ein 20-Jähriger zu nah an die Oberleitung mit 110 000 Volt gekommen. Er wollte mit Freunden offenbar etwas trinken. Der junge Mann starb wenig später in einer Klinik. Heute erinnert ein schwarz aufgemaltes Kreuz an einer Betonmauer an ihn.
