Porz – Zuerst klirren Scheiben, dann hallt ein dumpfer Knall in das Schlafzimmer des Mannes, der in dieser Nacht in die Augen eines Toten und zweier Schwerverletzter blicken wird. Der Porzer läuft die Stufen hinab, rennt hinaus auf die Straße, die sie hier oft Rennstrecke nennen. Er beugt sich über zwei Körper auf dem Asphalt und sieht einen Mensch auf dem Rücksitz des Autos, das in ein Schaufenster und dann an eine Hauswand geprallt ist. Er sieht junge Gesichter, fast die Gesichter von Kindern. Er wählt die 112.
Am Freitagmittag, nur einige Stunden nach dem Unfall von 1.35 Uhr, stehen viele Frauen und einige Männer an der Frankfurter Straße im Kern von Porz-Eil. Mit Blicken folgen sie den Strichen, die Polizisten zur Spurensicherung auf die Straße gemalt haben. Sie starren auf die Hauswand, an der ein 16-Jähriger ums Leben gekommen ist, an der ein 17-Jähriger so schwer verletzt wurde, dass die Polizei mitteilt, mit seinem Tod sei zu rechnen, an der ein 18-Jähriger nur dank viel Glück überlebt hat. Und sie diskutieren, wie das passieren konnte: Denn das Auto, sagt eine Frau, habe den Eltern des Jüngsten, des 16-Jährigen, gehört. Er habe den blauen Ford einmal fahren sollen, doch natürlich erst, wenn er den „Führerschein mit 17“ in der Tasche hat.
Wer den Wagen in der Nacht auf Freitag gesteuert hat, ob es der 16-Jährige selbst war, ob er den Schlüssel einem Freund gegeben hat, das wissen am Tag nach dem Unfall auch die Beamten vom Verkehrskommissariat 22 nicht. Die Situation sei unübersichtlich, sagt eine Polizeisprecherin. Beim Eintreffen der Rettungskräfte habe ja nur noch auf der Rücksitzbank jemand gesessen, heißt es von der Feuerwehr. Welcher der drei jungen Männer dort saß, sagt niemand. Auch aus Rücksicht auf die Verwandten und die Freunde der Opfer halten sich die Beamten mit Informationen über Details zurück.
Fest steht: Das Auto mit den drei jungen Männern kam aus Richtung Urbach, dorther, wo die 16-, 17- und 18-Jährigen wohnen. In der leichten Linkskurve, in der die Frankfurter Straße in Eil kurz nach der Kreuzung mit der Leidenhausener Straße verläuft, fuhr der Ford geradeaus - „aus ungeklärter Ursache“, wie es offiziell heißt. Die jungen Leute an der Unfallstelle berichten später von Flaschen mit Alkohol, die die Verunglückten am Abend zuvor bei sich gehabt hätten. Die Nachbarn spekulieren über ein Rennen. Einer will vor dem Unfall ein wildes Überholmanöver gesehen haben und sich daran erinnern, wie der Ford nur Sekunden vor dem Unfall bei Rot über eine Fußgängerampel fuhr.
Freunde trauern auch im Internet
Wie auch immer, der Nachbar von schräg gegenüber fordert, „dass nun was geschieht“. Schon fünf Unfälle hat Günther Breuer vor der tragischen Nacht auf Freitag in der Kurve von Porz-Eil gezählt, wie er sagt. Immer wieder seien dort in den vergangenen Jahren Autos von der Straße abgekommen. Auch Tote habe es schon gegeben. Im Ortsring von Eil aber hätten Politiker und Polizisten immer wieder abgewinkt. Niemand habe Geschwindigkeitskontrollen veranlasst, keiner habe ernsthaft eine Verkehrsberuhigung erwogen. „Und nun das.“
„Das“, diesen Unfall, dieses Klirren, dieses dumpfe Knallen, wird der Mann, der um 1.35 Uhr auf die Straße eilt, um zu helfen, nicht vergessen. Seinen Namen will er nicht in der Zeitung sehen, denn „das war doch selbstverständlich“. Und überhaupt: „Schlimm“ sei das Ganze, zu schlimm, um lange darüber zu sprechen. Die Jugendlichen an der Straße aber wollen reden, um zu verarbeiten. Manche von ihnen schreiben am Nachmittag Botschaften auf das Internetprofil, das der tote 16-Jährige vor Monaten eingerichtet hatte: „Du bist und bleibst für alle eine Legende“, steht dort.
