Herr Sahin, haben Sie schon mal von dem legendären Rechenfehler des verstorbenen Nationalspielers Horst Szymaniak gehört?
Sahin: Nein, den Namen höre ich zum ersten Mal.
Bei Vertragsverhandlungen wurde ihm eine Gehaltserhöhung um ein Drittel in Aussicht gestellt. Er soll spontan geantwortet haben: "Ich will mindestens ein Viertel!"
Sahin: Ich würde auf Nummer sicher gehen, also das Ganze nehmen, 100 Prozent mehr. Aber mein Berater kümmert sich um die Verträge. Ich werfe nur einen Blick drauf.
Haben Sie sich mal verrechnet?
Sahin: Zum Glück nie bei den Finanzen, aber in der Schule oft. Im Kopfrechnen war ich mit fünf, sechs Jahren gut unterwegs. Als Buchstaben in den Aufgaben auftauchten, ging es durcheinander.
Woran lag's?
Sahin: Ich musste oft mit Auswahlmannschaften verreisen und war länger weg, und wenn man in Mathe etwas verpasst, wird es schwer, das wieder aufzuholen.
Der Satz des Pythagoras war für Sie unlösbar?
Sahin: Nicht nur der. Einmal hatte ich eine Sechs in einer Klassenarbeit. Zu meiner Entschuldigung kann ich aber sagen, dass ich davor 30 Tage mit der Nationalmannschaft unterwegs war. Wir sind damals mit der U 17 Europameister geworden.
Waren Sie schlecht in der Schule?
Sahin: Nein, ich hatte zwar nicht nur Einsen und Zweien auf dem Zeugnis, aber ich würde mich schon als guten Schüler bezeichnen. Englisch und Erdkunde waren meine Lieblingsfächer.
Nach der elften Klasse haben Sie die Schule abgebrochen ...
Sahin: . . .da ging es mit meiner Karriere los.
Sie haben schon mit 16 in der Bundesliga gespielt, das haben nicht mal Franz Beckenbauer oder Lothar Matthäus geschafft. Bereuen Sie, dass keine Zeit fürs Abitur blieb?
Sahin: Es war die richtige Entscheidung, weil ich mich in der Bundesliga durchgesetzt habe. Aber ich vermisse die Schulzeit schon, den Unterricht, die Stimmung in den Pausen, die Freunde.
In Deutschland wird zurzeit heftig diskutiert, ob Eltern mit Migrationshintergrund ihre Kinder genug fördern. Was haben Ihre Eltern für Sie getan?
Sahin: Mein Vater hat mir geholfen, so gut er konnte.
Was heißt das?
Sahin: Er hat für Nachhilfe gesorgt. Auch mein Bruder hat mich immer unterstützt. Und dass ich gut Deutsch spreche, hört man ja wohl. In den Familien, die ich kenne, ist das auch üblich, dass Eltern den Kindern helfen. In der Öffentlichkeit wird aus meiner Sicht im Moment über eine wirklich kleine Minderheit diskutiert, diese Gruppe macht vielleicht ein Prozent aus.
In jedem Fall zu viel.
Sahin: Auch deshalb unterstütze ich das Projekt "Mathe macht das Tor", bei dem Schulkassen zur Leistung angespornt werden. Ich sehe mich dabei als Verbindung zwischen Deutschland und der Türkei, denn ich bin in Deutschland aufgewachsen, spiele aber für die Türkei. Ich will verhindern, dass die Kinder das Gleiche erleben wie ich. Es ist nicht angenehm, im Unterricht zu sitzen und nichts von dem zu kapieren, was der Lehrer erklärt. Einige Male bin ich bei Klassenarbeiten verzweifelt, war nass geschwitzt, weil ich nicht wusste, wie ich die Matheaufgaben lösen sollte. Mein bester Freund war in Mathe ein Genie, aber auch der konnte mir kaum helfen. Ich habe Nachhilfe bekommen und Zusatzstunden, aber die Probleme sind geblieben.
Zum Schluss ein Mathetest aus der Mittelstufe.
Sahin: Lieber nicht.
Wie wär's mit Wahrscheinlichkeitsrechnung und Fußball?
Sahin: Klingt kompliziert.
Wie oft muss Dortmund gewinnen, um Meister zu werden?
Sahin: Moment, wir haben 34 Saisonspiele, eins haben wir verloren, fünf haben wir gewonnen. Wenn wir noch 28 Mal gewinnen, dann reicht es.
Sie machen sich's einfach.
Sahin: Es ist wie so oft auf dem Platz. Hauptsache, das Ergebnis stimmt. Und diesmal ist es zu 100 Prozent richtig.
