"Es ist doch leicht, gegen den Winter zu sein", sagt ein Kollege. Die Dauerkälte nervt, und die Aussicht auf weiteres Schneeschippen um halb acht Uhr früh, Streusalzmangel und rutschige Wege, stickige Heizungsluft und die Autobatterie, die vermutlich bald sanktus macht, stimmt ihn auch nicht froh. Und überhaupt: Dass die dunkle Jahreszeit Winter-Blues verursacht - Serotoninmangel und zu wenig Vitamin D aufgrund fehlender Sonnendosis -, ist ja sogar wissenschaftlich belegt.
"Ich hab's aber gern, wenn es früh dunkel wird", kommt gleich der erste Einwand. "Das fördert die Kreativität, wenn ich so gemütlich unter der Schreibtischlampe sitze und nicht raus muss." Lesen im Sonnenlicht blendet, findet einer, und behauptet, im Winter braucht man "glücklicherweise" keine Sonnenbrille. Stimmt nicht, denn wenn sie scheint, sticht die Sonne mächtig in die Augen, aber Schwamm drüber. Doch dass er sich jetzt mit dem Rücken gegen die Heizung lehnen kann beim Fernsehgucken, ist richtig kuschelig, da gibt es keine Bedenken.
Überhaupt, die Gemütlichkeit, mit Kakao, Punsch, Tee und Rotwein zum Beispiel. "Wenn es draußen kalt ist, ist es drinnen umso schöner und besinnlicher", da sind sich viele einig, und schon scheint sich das Blatt zu wenden. "Wer will denn schon Gemütlichkeit?", wirft da der Sommer-Fan ein und weist darauf hin, dass das wunderbare Bad im kühlen Nass nur bei warmen Temperaturen möglich ist. "Im Winter sind die offenen Freibäder wenigstens ordentlich geheizt", entgegnet der Kollege frech. "Das ist doch ein echtes Erlebnis, wenn die warmen Schwaden um den Kopf quirlen." Noch mehr gute Gründe für den Winter gefällig? Man kann ohne schlechtes Gewissen ins Kino gehen, wo sowieso im Winter die besseren Filme laufen.
Die besseren Konzerte gibt's auch, und überhaupt ist kulturell viel mehr los, während die öde Sommerpause uns zu vernünftigen, aber anstrengenden Outdoor-Aktivitäten wie Wandern, Joggen oder Radeln zwingt und die Leute bis tief in die Nacht auf der Nachbarterrasse grillen oder vor den Kneipen stehen, qualmen und quasseln. "Da lobe ich mir doch die Stille draußen", plädiert der Befürworter. "Dafür ist es drinnen jetzt überall rappelvoll, du findest deinen Mantel nicht wieder und schwitzt und frierst abwechselnd." Das Argument sticht, wenngleich die Kleiderfrage Freund und Feind sogleich spaltet. "Du kannst lecker essen, weil man durch die dicke Kleidung nicht so sieht, dass du zugenommen hast": Das ist weiß Gott kein schlechtes Argument - obwohl: Muss man dann die Daunenjacke auch drinnen anbehalten?
Während die einen finden, dass Handschuhe und lange Unterhosen etwas für Weicheier sind, verhüllen sich andere bis zur Unkenntlichkeit mit sperrigen Jacken, Mänteln, Schals und nicht zuletzt der Mütze obenauf, die jede Frisur ruiniert. Die lästige Dauerverpackung schränkt die Bewegungsfreiheit zweifellos empfindlich ein, und man kommt sich vor wie ein dicker, unbeweglicher Teddybär. Dick und unbeweglich, da hakt Kollege eins gleich ein: "So fühlt man sich irgendwie auch - dumpf, matt und träge." Der Körper läuft auf Sparflamme. Die Haut ist wie Pergament durch die ewige Heizungsluft, die Lippen sind spröde. "Es ist dunkel, wenn du morgens aufstehst; es ist dunkel, wenn du abends heimkommst, und die ganze Welt liegt unter einem Grauschleier," argumentiert der Winter-Hasser, während der Freund kontert: "Ich finde die Luft viel klarer, und ich mag es, wenn Schnee liegt."
Für diese Art von "Tannenbaum-bezipfelter Pseudo-Romantik" hat Kollege eins indessen nur Verachtung übrig und stellt kühl die "vermatschte Wirklichkeit" dagegen. Insgesamt kann er die Begeisterung über den Wechsel der Jahreszeiten so gar nicht nachvollziehen und wird dabei fast politisch: "Ich bin für die Beschränkung des Winters auf unbesiedelte Waldgebiete und Urlaubsorte. Vielleicht sollte man über eine EU-Richtlinie zur klimatischen Abriegelung des Zyklus nach der dritten Jahreszeit nachdenken."
Ganz so radikal sind die anderen nicht. Allerdings: Die Fußball-Bundesliga macht Pause, das gibt Minuspunkte. Skispringen, Curling und Biathlon sind nicht wirklich ein gleichwertiger Ersatz, zumal man das Alpen-Idiom der Kollegen als bekennender Flachländer eh' nicht versteht. . .
Dafür muss man die Fenster nicht so oft putzen. Und die Zeitung vor der Tür wird nicht so oft geklaut. Und man hat endlich mal die Winterreifen nicht umsonst gekauft.
Mit dem Winter ist das eben so eine Sache. Eine Glaubenssache. Sie spaltet in Freund und Feind.
Das Gespräch führten René Denzer, Birgit Eckes, Christoph Mathieu, Elfi Priesterath, Torsten Sülzer und Hartmut Wilmes.
