Serie „Babylon Köln“Wie ein Fall von mutmaßlicher Schießwut für Schlagzeilen sorgte
5 min
Britische Soldaten halten Wacht in Köln nach dem Ende des Ersten Weltkriegs.
Copyright: Greven Verlag
ANZEIGE
1920, in einer Augustnacht: Britische Soldaten ziehen durch die Straßen Kölns und schießen anscheinend willkürlich auf Menschen – und treffen tatsächlich den 39 Jahre alten Heinrich Fink.
Ein weiterer historischer Fall in der Rundschauserie „Babylon Köln“
Köln – Welch symbolträchtigen Wechsel gab es 1919 an der Spitze des Kölner Polizei! Fast schon blaublütig zu nennen war der bisherige Amtsinhaber. Polizeipräsident Ernst Reinhold Gerhard von Glasenapp, der Sohn von Ida Maria Freiin Senfft von Pilsach und dem preußischen Gutsbesitzer und Mitglied des Preußischen Herrenhauses Reinhold von Glasenapp, Schwiegersohn des verstorbenen ehemaligen Kultusministers und Reichstagspräsidenten Gustav Konrad Heinrich von Goßler, trat ab. Wohl nicht ganz freiwillig. Die linke Presse hatte ihn zuletzt als „Hortwächter der alten Zeit“ kritisiert, der „nicht ganz aus den Überlieferungen des alten Obrigkeitsstaates herausgekommen“ sei.
Sein Nachfolger? Der Sohn eines Kassenboten. Der 42 Jahre alte gebürtige Berliner Paul Runge hatte in der Kaiserzeit politische Karriere in der SPD gemacht. Mit 28 Jahren war der gelernte Maler und Lackierer hauptberuflicher Parteisekretär der Sozialdemokratischen Partei in Bochum geworden und 1911 nach Köln gewechselt. Er genoss hohes Ansehen in seiner Partei. Bei der Novemberrevolution wurde er zu einem der Vorsitzenden des Arbeiter- und Soldatenrates ernannt. Nun saß Runge also in seinem Büro in der Krebsgasse und nahm mit gerunzelter Stirn den Bericht von Polizeiwachtmeister Lambrichs zur Kenntnis.
Aus einfachen Verhältnissen kam 1919 Kölns Polizeipräsident Paul Runge. Er hatte in der SPD Karriere gemacht.
Copyright: Greven
Lambrichs hatte in der Nacht vom 3. zum 4. August 1920 in Deutz Streifendienst gehabt. Gegen Mitternacht kamen ihm in der Nähe der Mülheimer Straße britische Soldaten entgegen. Ein lauter Knall. Die Soldaten hatten aus etwa fünfzig Metern Entfernung einen Schuss auf Polizeiwachtmeister Lambrichs abgefeuert. Warum? Das wisse er auch nicht, versicherte Lambrichs. Glücklicherweise wurde er auch nicht getroffen. Dafür aber kurze Zeit später der 39 Jahre alte gelernte Metzger Heinrich Fink, wohnhaft in der Windmühlenstraße 150 in Köln-Mülheim. Auf ihn schossen die Soldaten, als sie vor dem Hause Mülheimerstraße 1 herumstanden. Warum? Keine Ahnung.
Fink war sofort tot. Verfolgt von Lambrichs rannten die Soldaten davon. Vier Schüsse feuerten sie während ihrer Flucht nach hinten ab. In der Siegesstraße sollen sie dann über die Mauer des früheren Proviantmagazins geklettert sein, wo sie entkamen. Und jetzt? Ob es Polizeipräsident Runge gefiel oder nicht, seine Hände waren gebunden. Die Verfolgung britischer Straftaten fiel nicht in seine Zuständigkeit. Also blieb ihm nur, bei offiziellen Stellen zu protestieren und seinen Vorgesetzten, den Regierungspräsidenten Philipp Brugge zu informieren. „Die britische Militärbehörde ist benachrichtigt“, meldete Runge am 5. August 1920. „Zwei britische Offiziere sollen sich der Sache sofort angenommen haben, auch eine Durchsuchung vorgenommen haben, die aber erfolglos blieb.“
Danach? Stille. Dann aber teilte die britische Militärpolizei doch noch am 29. August 1920 mit, zwei Soldaten namens Duggan und Patterson seien wegen dringenden Verdacht des Mordes festgenommen wurden. Eine bei Patterson gefundene Armeepistole habe dasselbe Kaliber, wie die bei der Tat benutzte. Am 22. September 1920 kam es dann vor dem britischen Militärgericht zum Prozess – allerdings nicht öffentlich. Was dabei herauskam? Keine Ahnung.
Der Polizeipräsident ist „angefressen“
Bis Ende Oktober dauerte es, bis Polizeipräsident Runge dem Regierungspräsidenten Brugge Neues melden konnte. Die beiden angeklagten britischen Soldaten seien inzwischen aus der Haft entlassen und anscheinend freigesprochen worden, so schreibt Runge angefressen. Genaueres über das Urteil sei leider nicht in Erfahrung zu bringen. Was für eine frustrierende Situation. Dann wieder Stille.
Endlich ließ der Bevollmächtigte der Kölner Vertretung der Hohen Interalliierten Rheinlandkommission am 24. November 1920 lapidar wissen, „dass Gunner R. Patterson vom Kriegsgericht wegen der Ermordung am 22. September vernommen wurde, aber freigesprochen wurde. Seitdem ist kein weiteres Beweismaterial herbeigebracht worden, welches zur Feststellung der Person und Überführung derselben in Zusammenhang mit dieser Angelegenheit führen könnte.“ Und jetzt?
Der deutschen Justiz waren die Hände gebunden. Da Gerechtigkeit nicht herzustellen war, verlegte man sich auf Linderung des Verlustes. „Ich ersuche um umgehenden Bericht über die Vermögens- und Familienverhältnisse des getöteten Metzgers Fink“, ließ Regierungspräsident Brugge am 8. November 1920 das Polizeipräsidium wissen. „Hinterlässt er bedürftige Angehörige? Und welcher materielle Nachteil ist den Angehörigen durch den Tod des Fink etwa erwachsen?“
Der getötete Heinrich Fink sei von seiner Frau geschieden, lautete die Antwort. Unterstützt wurde seine ehemalige Gattin nicht von ihm. Zudem war die Ehe kinderlos geblieben. Fink wohnte allerdings bei seinem 80-jährigen Vater Johann Fink. Da die Mutter schon lange tot war und keine weiteren Geschwister vorhanden waren, führten die beiden Männer den Haushalt gemeinsam. Beschäftigt war der gelernte Metzger Heinrich Fink als Arbeiter in dem Marmorwerk Illgen in Dellbrück, wo er wöchentlich gegen dreihundert Mark verdient hatte. Von diesem hatte er dem Vater immer sechzig Mark abgegeben. Das war auch notwendig. Zwar war der Vater Eigentümer des Hauses Windmühlenstraße 150, dessen Wert auf etwa 50 000 Mark geschätzt wurde, wobei noch eine Schuld von fünftausend Mark auf der Immobilie ruhte. An Mieteinnahmen brachte das Haus jährlich aber nur 2400 Mark ein – zu wenig, um den Lebensunterhalt des greisen Vaters zu sichern. Da der Sohn außer seiner Arbeitskraft kein Vermögen besessen hatte, taxierten die Behörden den materiellen Verlust des Vaters durch die ausbleibende Unterstützung seines verstorbenen Sohnes auf dreitausend Mark im Jahr. Diese Rechnung ließen Runge und Brugge den britischen Behörden übermitteln. Und tatsächlich erklärten sich diese zu einer finanziellen Entschädigung bereit. Für seinen toten Sohn erhielt der Vater Fink im Februar 1921 11 700 Mark.