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SiegburgHier lässt es sich leben - ein Leben lang

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Die Annokirche steht für die Symbiose von Tradition und Moderne. (Bild: Mischka)

Keine Frage: Hier schlägt das Herz des Rhein-Sieg-Kreises. Und nicht nur, weil die Kreisverwaltung in Siegburg residiert, sondern weil die Stadt, obschon mit knapp 40 000 Einwohnern bei weitem nicht die größte, Einkaufs- und Kulturmetropole zumindest für die meisten umliegenden Kommunen ist. Schon für den Stadt - und Abteigründer Anno II. war "Sigeberg" seine "viel liebe statt". Auch wir versuchen eine Liebeserklärung.

Unseren Spaziergang beginnen wir am ICE-Bahnhof, der nach jahrelangem Tauziehen mit der Deutschen Bahn 2003 endlich eröffnet wurde und die Kreisstadt zum "Vorort von Frankfurt" machte. Auf dem roten San-Mauro-Pflaster des Europa-Platzes stehend, erblicken wir die mondäne Architektur des Bahnhofs, der auf dem Reißbrett von Hartmut de Corné entstanden ist und das neue Siegburg repräsentiert. Wie ein paar Meter weiter auch das S-Carré in der Neuen Poststraße und am Rand der City in der Bachstraße die 2006 eröffnete Rhein-Sieg-Halle: Ein Kulturpalast, der bis zu 2000 Zuschauern Platz bietet und nicht nur der Stadt, sondern der ganzen Region die Stars des Showbusiness beschert.

Kultur wird groß geschrieben in der Kreisstadt. Die jährlichen Literaturwochen haben sich ebenso wie das Humperdinck-Musikfest oder die Konzertreihe Resonanzen über die Region hinaus etabliert, ebenso die Ausstellungen zeitgenössischer Kunst im Stadtmuseum. Das weiße Haus mit seiner klassizistischen Fassade dominiert die Silhouette am Markt und ist das Geburtshaus des Komponisten Engelbert Humperdinck. Hier, mitten auf dem Markt, da hat der Bürgermeister schon Recht (siehe Interview), sollte man innehalten und die Situation auf sich wirken lassen: das pulsierende Leben inmitten einer historischen Kulisse. Seit 940 Jahren bieten die Händler Gemüse, Obst und Blumen feil, einst auch die berühmten Siegburger Töpferwaren, wie wenigstens einmal im Jahr noch beim Keramikmarkt.

Bisweilen ist der Markt die Bühne für spektakuläre Open-Air-Veranstaltungen vom Öffentlichen Gelöbnis des in Siegburg stationierten Wachbataillons über Opernaufführungen bis hin zum Stadtfest jeweils am letzten Augustwochenende, an dem in Siegburg stets der Ausnahmezustand herrscht. Erst recht, wenn Kramer, Zunft und Kurtzweyl ihren mittelalterlichen Weihnachtsmarkt aufbauen: das touristische Highlight schlechthin.

Vor allem ist der Markt aber das Herzstück der Einkaufsstadt für eine Viertelmillion Menschen im Einzugsgebiet.

Auch wir könnten jetzt einen Cappuccino in einem der vielen Straßencafés rund um den Markt genießen, weiter durch die Kaiserstraße flanieren und von Boutique zu Boutique shoppen oder die bedeutende Schatzkammer in der romanischen St. Servatiuskirche besichtigen. Stattdessen machen wir einen Abstecher in die Holzgasse, einst das Judenviertel von Siegburg. Die Gasse, vermutlich anfangs tatsächlich mit Holzbohlen belegt, gehört zu Siegburgs ältesten Straßen und ist eine der ersten, die bei der 1961 begonnenen Stadtkernsanierung einer Rosskur unterzogen wurde. Das Holztor hatten die Vorfahren wie auch die anderen Stadttore der mittelalterlichen Umwehrung bereits im 19. Jahrhundert, weil angeblich baufällig, abgerissen. Nun fielen weitere windbuckelige Fachwerkhäuschen der Spitzhacke zum Opfer und blieben nur ganz wenige, etwa das "Haus zum Tannenhof", verschont. 30 Jahre währte die Stadtkernsanierung, zu der auch der Bau des C&A und vor allem des Kaufhofs gerechnet werden muss. Kein Stein blieb auf dem anderen, und doch hat sich Siegburg seinen Charme bewahrt, hat den Spagat zwischen Tradition und Moderne geschafft.

Das wird deutlich, wenn wir zum Schluss den Michaelsberg hochklettern und vom Abteiturm aus auf die Stadt blicken: Da ist im Westen, von vielen als "Glaspalast" verspottet, die Kreisverwaltung zu sehen, das Amtsgericht und das Finanzamt. Die Behörden weisen Siegburg als Dienstleistungszentrum aus, während im Süden das Siegwerk, mit 1000 Beschäftigten der weltweit größte Druckfarbenhersteller, die wirtschaftliche Bedeutung Siegburgs mit fast 20 000 Arbeitsplätzen bestätigt. Wir blicken Richtung Nordwest auf die Helios-Klinik, die mit der renommierten Herzchirurgie Siegburg als Gesundheitszentrum etabliert hat, und wir sehen die (auch ohne Gesamtschule) vielfältige Schullandschaft mit Haupt- und Realschule, zwei Gymnasien und einem Berufskolleg. Etwas weiter Richtung Stallberg ist das neue "Oktopus", der gerade eröffnete "Gesundheits- und Erlebnispark", mit Deutschlands tiefstem Tauchturm zu erkennen.

Dazwischen schlängelt sich der Mühlengraben, auf dem bis ins 18. Jahrhundert die "Müllejrave-Kapitäne" schipperten. Heute ist der von der Sieg gespeiste Wasserlauf mit 4,668 Kilometern Siegburgs längstes Denkmal, das als grünes Band der Sympathie zur Lebensqualität der Kreisstadt beiträgt: Hier lässt es sich leben, ein Leben lang. (gw)