Abo

„Wer an der Tür steht, hat die Macht“

4 min

KÖLN.Als der unbeleuchtete VW Golf abrupt stoppte, gingen die muskelbepackten Männer vor dem türkischen „Onur Café“ sofort in Deckung. Gleich darauf krachte aus dem Fahrzeug eine Serie von Schüssen. Die Kugeln durchschlugen die Seitenscheibe eines am Straßenrand geparkten Autos, andere trafen die Fassade des Cafés. Ein 25-Jähriger wurde durch einen Streifschuss leicht verletzt, zwei seiner Bekannten erlitten Schürfwunden. Der Golf raste mit quietschenden Reifen davon, die eingeleitete Fahndung blieb erfolglos.

Seit drei Wochen versucht eine neunköpfige Mordkommission der Kripo, die genauen Hintergründe des nächtlichen Anschlags im Kölner Arbeiter-Vorort Vingst aufzuklären. Doch die Ermittler stoßen auf eine Mauer des Schweigens. Aus Angst machen die Zeugen des Vorfalls nur spärliche Angaben. Die Spur führt ins Rotlicht-Milieu. Die Schüsse waren der bisherige Höhepunkt einer seit Monaten schwelenden Auseinandersetzung in der Kölner Türsteher-Szene. Es geht um persönliche Rache, einen Streit zwischen rivalisierenden Türsteher-Gruppen, vor allem aber um die Vorherrschaft über das lukrative Geschäft mit Drogen und Prostituierten in den Nachtlokalen an den Kölner Ringen.

Ganz nach dem Motto „Wer an der Tür steht, hat die Macht“ haben sich kriminelle Bosse aus dem Rotlicht-Milieu den Einfluss auf Bars und Diskotheken gesichert. Früher waren es deutsche Zuhälter-Größen, heute sind es vorwiegend türkische Dealer, die das Sagen haben. In jüngster Zeit versuchen zudem albanische Gruppen, verstärkt ins Geschäft zu kommen, was zu einem erheblichen Konfliktpotential führt.

Die Türsteher - zumeist Bodybuilding-gestählte Kampfsportler - haben im Kampf um die Einflussbereiche die Schlüsselfunktion. „Sie sind es, die Dealern und Prostituierten den Zutritt zum Lokal verschaffen und unliebsame Konkurrenz fern halten“, erklärt Kölns Kripo-Chef Rolf Sommer. Die angeblichen „Sicherheitskräfte“ stehen unter knallharter Kontrolle ihrer Bosse - trainierte Schläger als Türöffner für ein kriminelles Millionengeschäft: „Der Handel mit Kokain, Ecstasy oder Mädchen bietet enorme Gewinnspannen“, so Sommer.

Die Kripo geht davon aus, dass nur die wenigsten Wirte und Diskothekenbesitzer einverstanden sind mit dem, was da an der Tür ihres Lokals passiert. Doch die Chancen, sich gegen die Angebote der dubiosen „Sicherheitskräfte“ zu wehren, stehen schlecht. „Wer die Mitarbeit ablehnt, erlebt in der Folgezeit eine Schlägerei nach der anderen in seinem Laden. Spätestens, wenn die Gäste ausbleiben, knickt er ein“, weiß Sommer. Aus Angst trauen sich die Betroffenen oft nicht, die Kripo einzuschalten.

Nach der Festnahme des Türsteher-Bosses Necati A. im Oktober letzten Jahres bat die Polizei Kneipen- und Barbesitzer im Kölner Amüsierviertel, „alle Auffälligkeiten“ in Zusammenhang mit der Türsteher-Szene mitzuteilen.

Doch es gab keine Reaktionen. „Omerta“, das Mafia-Gesetz des Schweigens, zieht auch an den Ringen.

Türsteher- und Schutzgeld-Erpressungen im Nachtleben sind keineswegs nur ein Kölner Problem: „Das gibt es in allen Großstädten“, so Sommer. Was ihm große Sorge macht, ist die zunehmende Bereitschaft der Szene. In Köln bahnt sich ein Machtkampf zwischen türkischen und albanischen Türsteher-Gruppen an. Nach der Verhaftung des Bandenbosses Necati A. belauern sich beide Seiten, immer wieder kommt es zu Zwischenfällen. „Je nachdem, wie die Verurteilung des Verhafteten ausfällt, werden andere versuchen, das Machtvakuum zu füllen. Dann könnte es zur offenen Auseinandersetzung kommen“, befürchtet Sommer. Insider schätzen die Stärke der Türken auf etwa 100 Mann, die der Albaner auf etwa 40. Für Nachwuchs ist reichlich gesorgt. „In den Problem-Stadtteilen Kölns gibt es genug Jugendliche ohne Perspektive, die das Geld ihrer Familien in Sportstudios ausgeben mit dem Ziel, Türsteher am Ring zu werden“, erklärte Kölns Polizeidirektor Winrich Granitzka.

Unterlegenheit wird in der Szene durch Brutalität oder Waffen ausgeglichen. Kripochef Sommer: „Wenn ich höre, dass Albaner beteiligt sind, bin ich elektrisiert. Ein Menschenleben ist in solchen Kreisen 50 Euro wert.“

Obwohl die Ermittler überzeugt sind, dass die Schießerei in Vingst noch nicht der Auftakt zum Kampf um die Ringe war, scheint eine Lawine losgetreten worden zu sein. Am vorletzten Wochenende kam es in Bonn zu einer Schießerei mit zwei Verletzten. Nach Kripoerkenntnissen hatten Kölner Türsteher ihre Auseinandersetzung wegen der verstärkten Polizeikontrollen an den Ringen verlagert. Kurz darauf hatten die Kontrahenten ein „Treffen“ in Dormagen vereinbart. Doch durch einen Zeugenhinweis war die Polizei rechtzeitig vor Ort, die Verdächtigen machten sich aus dem Staub. „Entweder einigen sich jetzt beide Seiten, oder es kann sein, dass wir in ein bis zwei Wochen einen Toten auf der Straße liegen haben“, so Sommer.