Christian Wulff in Bornheim„Ich bin ein Bonn-Nostalgiker“

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Altbundespräsident Christian Wulff spricht mit dem Bornheimer Ortsvorsteher Dominik Pinsdorf in der Oase der Europaschule.

Altbundespräsident Christian Wulff (links) zu Gast beim Ortsgespräch mit Dominik Pinsdorf in der Oase der Europaschule.

Altbundespräsident Christian Wulff war zu Gast beim 12. Bornheimer Ortsgespräch. Gegenüber Gesprächspartner Dominic Pinsdorf outete er sich als „Bonn-Nostalgiker“.

Zahlreiche prominente Politiker hat Dominik Pinsdorf, Ortsvorsteher von Bornheim-Ort, bereits ins Vorgebirge geholt zu seinen gut besuchten Ortsgesprächen in der Europaschule. Ein ehemaliger Bundespräsident war bisher nicht dabei - bis jetzt. Christian Wulff (CDU) war am Mittwochabend der Einladung in die Oase der Schule gefolgt. Der frühere Erste Bürger des Staates (2010 bis 2012) und Ministerpräsident von Niedersachsen (2003 bis 2010) war wegen Vorwürfen der Vorteilsnahme seinerzeit zurückgetreten. Er war aber 2014 vor Gericht freigesprochen worden. 

Wulff gab sich entspannt, offen und bisweilen auch humorvoll seinen Zuhörern gegenüber. Zunächst stellte auch er sich Pinsdorfs einleitender „Entweder-oder“-Fragerunde und outete sich als „Bonn-Nostalgiker“. Auf die Frage, ob er  die Villa Hammerschmidt dem Schloss Bellevue vorziehe, kam die diplomatische Antwort: „Alles zu seiner Zeit. Aber die Zeit in Bonn vergesse ich nie.“ Selbstkochen ist nicht seins, Wulff geht lieber essen, hört lieber Rock- statt Popmusik und seine erste Schallplatte war von Liedermacher Heinz-Rudolf Kunze. Nach seinen politischen Vorbildern gefragt, verwies er auf Politiker mit sozialer Haltung und  christlicher Grundprägung, etwa Bernhard Vogel.

Lokalpolitik ist „jede Menge Fleiß“

Seine politische Karriere begann für den gebürtigen Osnabrücker als Schülersprecher seines Gymnasiums und führte ihn später in die Kommunalpolitik unter anderem als Ortsbürgermeister: „Kommunalpolitik ist die Schule, durch die alle Politiker durchmüssen, unmittelbarer kann man nicht an den Bürgern sein.“ Dort habe er gelernt Lösungen und Kompromisse zu finden und brach eine Lanze für die ehrenamtlichen Lokalpolitiker: „Das bedeutet richtig viel Zeitarbeit und jede Menge Fleiß.“

Obwohl sein Vater Sozialdemokrat war, habe er sich seinerzeit für die CDU entschieden. Die linken politischen Strömungen waren ihm zu „revolutionär“ und von „grundauf unzufrieden“. Geprägt wurde er auch dadurch, dass seine Eltern den Untergang der Demokratie erlebt hatten: „Sie wussten, wie brüchig Demokratie sein kann.“ Wulff hofft, dass seine Kinder und nachfolgende Generationen diese Erfahrungen nicht machen müssen: „Wenn Menschen die Demokratie erst einmal abgewählt haben, ist es mit einem wahnsinnigem Risiko verbunden, sie wiederzubekommen.“ Er sei mittlerweile 64 Jahre alt und habe stets in Frieden leben können. Generationen vor ihm hatte im selben Alfter  zwei Weltkriege, den Nationalsozialismus und Deutschland in Trümmern erleben müssen.

„Sehr reizvolle Aufgabe“

Als ihn die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) fragte, ob er sich das Amt des Bundespräsidenten vorstellen könne, habe er diese Herausforderung gerne angenommen: „Ich fand die Aufgabe sehr reizvoll, weil man damit Brücken zwischen Jung und Alt, Ost und West bauen kann und das als junger Mensch mit einer jungen Familie.“ Wulff war damals Anfang 50.

Umstritten war einst seine Aussage in seiner Rede zum Tag der Deutschen Einheit 2010 „Der Islam gehört zu Deutschland“. Zu diesem Satz stehe er heute noch: „Wir müssen die Hand ausstrecken zur Integration. Wir haben die Menschen, die zu uns eingewandert sind, zu lange ignoriert und problematisiert. Wir wüssen sie als Gewinn für unsere Gesellschaft sehen und ein Bündnis zwischen allen friedliebenden Menschen gegen unsere Feinde schmieden.“ Gemeint seien rechtspopulistische Kräfte, allen voran die AfD: „Diese Partei bringt das völkische Denken wieder in unser Land“.

Im Hinblick auf die bevorstehenden Europawahlen sorgt sich Wulff über  zunehmende rechtspolitische Einflüsse in den einzelnen Ländern, „die als Nationalisten die EU blockieren wollen“. Er plädiert für eine gemeinsame europäische Verteidigungs-, Forschungs- und Flüchtlingspolitik: „Dann sind wir stark und werden erst genommen und nicht angegriffen. Kooperation nicht Konfrontation ist das Prinzip des 21. Jahrhunderts.“

Der Bundespräsident a. D. mahnte auch, dass der Erfolg der AfD kein rein ostdeutsches Thema sei, und appellierte mehr mit den Menschen in Ostdeutschland zu reden, dorthin zu reisen und sich ihre Sorgen anzuhören: „Hier in Alfter und Bornheim hat sich nach der Wende 1989/90 für Sie nicht so viel verändert, das sieht bei den Menschen in den neuen Bundesländern ganz anders aus.“ Biographien wurden unterbrochen, Ausbildungen Erreichtes und Liebgewonnenes sei nicht übernommen worden.

„Mehr Empathie“

Für die Zukunft wünscht sich der Altbundespräsident mehr Einfühlungsvermögen und eine größere Bereitschaft zu diskutieren und sich die Meinungen anderer anzuhören: „Das ist uns abhanden gekommen. Hätten wir wieder mehr Empathie, wäre unser Leben viel entspannter.“ Er beklagte auch den Verlust von Tageszeitungen und dass sich immer mehr Menschen ihre Informationen durch die durch Algorithmen geprägten sozialen Medien holen: „Viele behaupten, wir Politiker sind nur zu Wahlkampfzeiten vor Ort. Wenn sie aber morgen in der Zeitung lesen würden, dass ich oder andere hier in Bornheim waren, wüssten sie, dass dem nicht so ist.“

Zu aktuellen politischen Diskussionen äußert sich Wulff bewusst nicht, auch die Beurteilung der „Affäre, die im Nachhinein keine war“ verwies er an die Geschichtsschreiber. Als ihn ein Gast aus dem Publikum zur Leitkulturdebatte „seiner“ CDU fragte, gab Wulff dann doch einen Kommentar ab: „Mir reicht das deutsche Grundgesetz als Leitkultur vollkommen aus.“


Nächster Gast ist der SPD-Bundesfraktionsvorsitzende Dr. Rolf Mützenich am Montag, 17. Juni, um 18.30 Uhr in die Oase der Europaschule, Goethestraße 1, Bornheim. Dr. Gregor Gysi (Die Linke) besucht am Montag, 24. Juni, um 19 Uhr Bornheim. Veranstaltungsort ist der Ratssaal im Rathaus in Roisdorf. Am Mittwoch, 11. September, um 18 Uhr schaut die ehemalige Bundesministerin und NRW-Antisemitismusbeauftragte Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) zum Ortsgespräch e vorbei. Teilnehmer müssen sich jeweils vorab per E-Mail anmelden unter dominik.pinsdorf@gmx.de.

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