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„Rheinbach hilft“Badewannen voller Kamelle für die Ukraine gesammelt

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Andreas Klassen, Alfred Eich und Jochem Salversberg von „Rheinbach hilft“.

Andreas Klassen, Alfred Eich und Jochem Salversberg (v.l.) freuten sich über die vielen Kamelle-Spenden. 

Zum zweiten Mal hat die Organisation „Rheinbach hilft“ nach Karneval um Süßigkeiten für Kinder in der Ukraine gebeten.  In drei Stunden Sammelaktion kam mehr als eine Tonne Naschwerk zusammen.

Noch einmal ruft der kleine Ivo voller Inbrunst „Kamelle!“ und sein Bruder Laurin (7) macht es dem Vierjährigen nach. Gemeinsam mit ihrer Mutter Verena Schmidt waren die Brüder extra am Samstag aus Bonn-Beuel nach Rheinbach gekommen, um einige prall gefüllte „Büggel“ zur Kamelle-Sammelaktion in die ehemalige Palotti-Kirche zu bringen. Dort hat die Hilfsorganisation „Rheinbach hilft“ seit Frühjahr 2022 ein großräumiges Lager eingerichtet, um Menschen in der Ukraine, die unter dem brutalen Angriffskrieg Russlands leiden, mit Hilfsgütern zu unterstützen.

In dem Kirchenraum stapeln sich Matratzen, Umzugskisten voller Kleidung, Gehhilfen, medizinische Produkte, Hygieneutensilien, Lebensmittel und vieles mehr. Samstag kamen nun kistenweise Gummibärchen, Schokoladentafeln oder Chipstüten hinzu, die Menschen während der Karnevalszüge gesammelt haben. Nach dem großen Erfolg im vergangenen Jahr hatte das Team von „Rheinbach hilft“ um Mitgründer Alfred Eich wieder zu dieser Kamelle-Sammelaktion aufgerufen. Um 10 Uhr sollte es losgehen: „Wir mussten die Türen aber schon früher öffnen, die Menschen standen schon ab 9 Uhr Schlange, um ihre Kamelle loszuwerden“, schilderte Eich. Wer mit dem Auto in die enge Palottistraße reingefahren war, der brauchte Geduld, zeitweise gab es kein Vor und Zurück: „Die Leute kamen mit Riesenkartons, Badewannen, Säcken oder gar Bollerwagen, es waren Unmengen, das ist einfach überwältigend“, schilderte Eich. So kamen nach drei Stunden Sammelaktion mehr als eine Tonne Naschwerk und vieles mehr zusammen.

Blick in eine Süßigkeitenkiste.

Säcke- und körbeweise lieferten Menschen Süßigkeiten für Kinder in der Ukraine ab.

Die süßen Spenden werden in der Region Charkiw an Kindergärten, Krankenhäusern, Schulen oder Heime verteilt. Doch die Leute brachten nicht nur Süßes, sondern auch dringend benötigte Winterkleidung, Decken oder Bettwäsche. Diese wird vor allem gebraucht, da Putin mit Drohnen und Raketen seit Monaten gezielt die Infrastruktur der Ukraine angreift und die Menschen oft bei Minusgraden in ihren unbeheizten Wohnungen und Häusern ausharren müssen, viele sind erfroren.

Besonders beeindruckt zeigten sich Eich und sein Team, dass nicht nur Rheinbacher vorbeigekommen waren, sondern eben auch Menschen von außerhalb. So hatte Verena Schmidt gemeinsam mit Erzieherinnen, Eltern und Kindern des Beueler Kindergarten „Kids e. V.“ während des Karnevalszuges in Limperich, Küdinghoven und Ramersdorf (kurz LiKüRa) viele Kamelle für den guten Zweck gesammelt: „Ich habe dann im Internet geguckt, wer solche Sammelaktionen anbietet und bin auf ,Rheinbach hilft' gestoßen“, schilderte die junge Mutter.

Marita und Paul Lanzerath hatten einen kleineren Pappkarton dabei. Die beiden Senioren waren eigens aus Antweiler aus dem Landkreis Ahrweiler gekommen, allerdings brachten sie keine süßen Spenden mit, sondern wärmende Socken, Mützen und Schals: „Im Winter bin ich immer im Strickrausch. Meine Familie ist bereits versorgt, deswegen habe ich jetzt extra Kleidung gestrickt, um sie den Menschen in der Ukraine zu spenden“, schilderte Marita Lanzerath. Die Bilder frierender Familien, die sie täglich im Fernsehen sehe, hätten sie nicht mehr losgelassen.

Wir mussten die Türen aber schon früher öffnen, die Menschen standen schon ab 9 Uhr Schlange, um ihre Kamelle loszuwerden.
Alfred Eich

Die grauenvollen Berichte über die zerbombten Dörfer und Städte lassen auch zwei Frauen aus Rheinbach nicht kalt. Tante und Nichte sagten: „Wir haben so eine schöne Welt, kann es nicht überall Frieden geben? Wenn ich diese furchtbaren Bilder sehe, bekomme ich Gänsehaut. Dann weiß ich auch, wie gut es uns geht, denn wir müssen nicht bei minus 20 Grad in der Kälte sitzen. Deswegen bin ich heute hier, um mit meiner Nichte zu spenden“, sagte die Seniorin und fügte noch hinzu: „Bei der Gelegenheit möchte ich dem Team einen großen Dank dafür aussprechen, was es alles leistet, teils unter Lebensgefahr.“

Und dann gab es noch Menschen, die während der Karnevalszüge extra für „Rheinbach hilft“ gesammelt hätten, wie Alfred Eich erzählte. Ein Senior aus Dünstekoven hatte ihn angesprochen und erklärt, er habe einen Aufruf gestartet, beim Zug für „Rheinbach hilft“ Kamelle aufzulesen. Die Hälfte der Spender, so schätzt der 71-jährige Eich, kam nicht aus Rheinbach, es waren Leute aus Brühl, Bornheim oder sogar Koblenz in die Glasstadt gereist, um dort Hilfsgüter abzugeben.

Und noch etwas freute Eich: Obwohl der Verein diese Aktion erst zum zweiten Mal organisiert hatte, hätten schon viele auf eine Wiederholung gewartet. Beeindruckend sei auch, dass die Bevölkerung den Krieg und damit die Menschen in der Ukraine nicht vergessen hätten. Denn der Ausbruch des brutalen Angriffs jährt sich am 24. Februar schließlich schon zum vierten Mal.

Nächster Transport im März

Nach der Sammelaktion beginnt ein weiterer Kraftakt. Die Spenden müssen sortiert, verpackt, auf Paletten gehievt und in einen 40-Tonner geladen werden, der diese dann voraussichtlich in der ersten Märzhälfte bis zur polnisch-ukrainischen Grenze fährt – sofern es die Sicherheitslage zulässt. Diese Fahrt wird ungefähr eine Woche dauern. Danach fahren Helfer, darunter auch Eich selbst, mit Transportern hinterher, um vom Grenzgebiet aus weiter Richtung Charkiw in der Ostukraine kurz vor der Frontlinie quer durch das Kriegsland zu fahren. Ein erster Lkw ist bereits voll, der zweite wird demnächst gepackt. Dafür braucht es aber auch Geld: Rund 4500 Euro kostet eine Lkw-Tour. Auch dafür konnte der Verein am Samstag ordentlich Geldspenden einsammeln: „Wir haben keinen Verwaltungsapparat, wer uns 100 Euro gibt, der kann sich sicher sein, dass diese 100 Euro auch dort ankommen, wo sie gebraucht werden“, verspricht Alfred Eich.

Wir brauchen keine Helden, die uns begleiten. Wer keine Angst hat, den kann ich nicht gebrauchen, der muss hier bleiben. Alle wissen, dass wir nicht ins Phantasialand fahren.
Alfred Eich

Die Gefahr verletzt zu werden oder gar sein Leben zu verlieren, reise immer mit: „Wir brauchen keine Helden, die uns begleiten. Wer keine Angst hat, den kann ich nicht gebrauchen, der muss hier bleiben. Alle wissen, dass wir nicht ins Phantasialand fahren. Wir brauchen Leute, die etwas können, also Rettungssanitäter oder Techniker, die auch mal einen kaputten Motor reparieren können.“ Wenige Monate nach Kriegsausbruch haben Alfred Eich und sein Mitstreiter Andreas Klassen „Rheinbach hilft“ gegründet. Angefangen hatten die zwei mit zwei kleinen Transportern. Dass sie mit ihrer Idee eine Lawine der Hilfsbereitschaft lostreten würden, damit hätten sie niemals gerechnet. 160 Mitglieder hat der Verein mittlerweile, zwischen 10 und 20 Ehrenamtliche engagieren sich aktiv, darunter auch Geflüchtete aus der Ukraine. Der jährliche Mitgliedsbeitrag beträgt 36 Euro.

Kontakt: Verein „Rheinbach hilft“; Kleine-Heeg 15; 53359 Rheinbach; Telefon: +49 178 8588494; E-Mail: vorsitzender@rheinbach-hilft.de