Unter dem Motto „Du bist Teil der Geschichte“ können Besucher spielerisch die 2+4-Verhandlungen miterleben oder in einer Nissenhütte das Leben Ausgebombter nachfühlen. Das Ziel: Geschichte im Kopf
Schau in BonnHaus der Geschichte dreht alles um – und setzt auf Mitmachen statt Anschauen

Bonn: Relikte der Flutkatastrophe im Ahrtal (vorne) und Plakate von Klimaktivisten (hinten) sind im Haus der Geschichte zu sehen.
Copyright: Oliver Berg/dpa
Das Haus der Geschichte hat fast alles auf den Kopf gestellt – im buchstäblichen und übertragenen Sinn. Seit heute ist die Dauerausstellung in Bonn, die vor etwas mehr als einem Jahr geschlossen wurde, um sie neu zu gestalten, wieder geöffnet. Und sie beginnt im Gegensatz zu früher, oben statt unten.

Der neue Slogan „Du bist Teil der Geschichte“ ist im Haus der Geschichte auf einer Videowand zu sehen.
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Das neue Konzept, das den Besucher im obersten Stockwerk an einer Panoramawand abholt und unter dem Titel „Du bist Teil der Geschichte“ in historische Bilder eintauchen lässt, vereint chronologisch Altbekanntes ab 1945 mit dem Heute in völlig neuer Gestaltung und unter Zuhilfenahme modernster Technik. Was die neue Panoramawand, die die Ausstellungsmacher stolz als „auf der Welt einzigartig“ deklarieren, verheißungsvoll eröffnet – nämlich das Mitmachen und Interagieren – ist ein wesentliches Merkmal der neuen Ausstellung. In nun fünf Zeiträumen, die chronologisch geblieben, aber neu sortiert und konzentrierter geworden sind, gibt es die unterschiedlichsten Mitmachstationen.

In einer Nissenhütte können Besucher nachempfinden, wie im Krieg ausgebombte Menschen lebten.
Copyright: Meike Böschemeyer
Weniger ist mehr: Statt 7000 nun 3850 Exponate
Alles ist deutlich intuitiver geworden. So kann man beispielsweise in einer interaktiven Wandkarte seinen Wohnort eingeben und erfährt, in welcher Besatzungszone er lag. An einem runden Tisch kann man spielerisch die 2+4-Verhandlungen über das Ende der deutschen Teilung von 1990 als Teilnehmer mitverhandeln. An einem überdimensionalen Tablet gibt es eine Quiz-Spielfläche mit Fragen zu Europa und immer wieder wird man spielerisch angeregt, sich mit den Ereignissen der vergangenen 80 Jahre zu beschäftigen. An Stempelstationen kann man Fragen zum Grundgesetz beantworten und dann abstempeln lassen. In einer so genannten Nissenhütte fühlt man nach, wie im Krieg ausgebombte Menschen teilweise unterkamen und leben mussten. Und immer wieder wird interaktiv gefragt: Was bewegt Dich?
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Das Haus der Geschichte eröffnet seine neu gestaltete Dauerausstellung.
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„Die Herausforderung bestand darin, die Geschichten im Kopf der Besucher entstehen zu lassen, während sie durch die Räume gehen. Alles muss deshalb so gestaltet sein, dass diese Geschichten leicht zugänglich und gut nachvollziehbar sind“, erläutern Simone Mergen und Thorsten Smidt, die die Projektleitung innehatten. Das Ziel: „Wir wollten weiterhin chronologisch erzählen, aber mehr Dynamik und Abwechslung reinbringen“, so Mergen.
Dabei hilft auch die besagte neue Anordnung von oben nach unten als wesentliches Merkmal der Ausstellung. Der Präsident der Stiftung des Hauses, Harald Biermann, erklärt: „Wir haben dadurch völlig neue Sichtachsen, Balkone und Durchblicke geschaffen. Die geben in der Dauerausstellung nun Ausblicke auf zukünftige Themen und Entwicklungen, während es in der alten Ausstellung lediglich Rückblicke waren, die von unseren Gästen kaum genutzt wurden.“
Die räumliche Verteilung der Zeitabschnitte in der alten Ausstellung sei immer mehr in Schieflage geraten, beschreiben die Verantwortlichen im Ausstellungsmagazin die Notwendigkeit zur Veränderung. Im schlimmsten Fall hätte die alte Aufteilung dazu geführt, dass potenzielle Besucher, die nach 1980 geboren worden sind, sich in der Ausstellung nicht wiedergefunden hätten: „Ein sicherer Weg in die Bedeutungslosigkeit“.
Weg vom Weg in die Bedeutungslosigkeit
Wer die alte Ausstellung, zumal als Kind der alten Bundesrepublik kannte, wird vielleicht das ein oder andere vermissen. Statt 7000 gibt es nur noch 3850 Objekte. Der Blick ist jetzt deutlicher auf zwei dichte ereignisgeschichtliche Phasen – 1945 - 1949 sowie 1989/90 – gerichtet und damit auf die Teilung Deutschland und die Entstehung der heutigen Bundesrepublik. Dazu gibt es eine neue Fläche für die Gegenwart, die von den Angriffen auf das World-Trade Center, über Flüchtlings- und Migrationsgeschichten, Rechtsextremismus, bis zu den Klimaklebern und der Flut im Ahrtal mit beeindruckenden Exponaten reicht.

Eine historische Kinokasse und Filmplakate sind im Haus der Geschichte zu sehen.
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Und nun ist weniger mehr – mit deutlicheren, selbst erklärenden und emotionalen Akzenten – angefangen bei einer Glasfront mit Bildern von Verstorbenen in den deutschen Konzentrationslagern – die der Erinnerungsstätte Yad Vashem nachempfunden ist, über das Ultraleichtflugzeug, mit dem die Westberliner Geschwister Bethke ihren Bruder noch im Mai 1989 in einer spektakulären Fluchtaktion aus Ostberlin holten, bis hin zum Tablet des 2019 ermordeten Walter Lübcke. Das Gerät hatte der Kasseler Regierungspräsident auf der Terrasse in Gebrauch, als der Rechtsextremist Stephan Ernst ihn erschoss.

Eine verdreckte Puppe von der Flutkatastrophe im Ahrtal
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Die 45 Jahre von 1945 bis 1990 haben nach der Neusortierung nun ebenso viel Platz wie die 35 Jahre nach der deutschen Einheit. Chronologisch und exemplarisch werden nun die Alltagsgeschichten der Bundesrepublik und der DDR parallel erzählt – mal stehen Wolfsburg und Eisenhüttenstadt nebeneinander (1950er Jahre), dann Essen und Dessau (1990er Jahre).
In den 1970ern spaziert man ins detailgetreu aufgebaute Musikhaus Muck (aus Iserlohn) und kann Platten hören, schlendert durch Auslagen und Geschäfte dies- und jenseits der Grenze, um dann zum emotionalsten Teil und Zentrum der Ausstellung zu gelangen: In einem gelb gestalteten Forum laufen über eine großflächige Leinwand die Ereignisse rund um den Mauerfall am 9. November 1989 – Nachrichten, Augenzeugenberichte, Pressekonferenzen aus Ost- und West. Wer den Tag miterlebt hat, wird zu Tränen gerührt, später Geborene werden wohl von Gänsehaut gepackt.
Bundestagsgestühl nun drei Mal da
Auch wenn RAF und Mondlandung nicht mehr so vordergründig zu sehen sind – viele Exponate sind geblieben: Der amerikanische Rosinenbomber, die berühmte Strickjacke Helmut Kohls aus dem Kaukasus, als er mit Michail Gorbatschow die Wiedervereinigung verhandelte, der Raumanzug des berühmten DDR-Kosmonauten Sigmund Jähn, das Flüchtlingsboot aus dem Mittelmeer, das das Erzbistum Köln erworben und zur Verfügung gestellt hat.

Die Stalinorgel und ein politisches Plakat der RAF (Rote Armee Fraktion) sind im Haus der Geschichte zu sehen.
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Und auch das Bundestagsgestühl, früher als kompletter Plenarsaal ein Zentrum der Ausstellung, ist geblieben – verkleinert, aber dafür in unterschiedlichen parlamentarischen Zeitabschnitten gleich drei Mal. Und auch hier gilt die Devise: Unbedingt reinsetzen und mitabstimmen – zum Beispiel über Sicherheits-, Sozial- und Umweltpolitik.
Während anhand zahlreicher Exponate die Parteiengeschichten der früheren Jahrzehnte zu finden sind, bleibt eine Leerstelle: Zur Parteigründungsphase der AfD sei, so die Ausstellungsmacher, trotz wiederholter Anfragen „nichts zu bekommen“ gewesen. Alternativ sei zur Veranschaulichung von Geschichte das völlig verkohlte Telefon vom Brandanschlag aus Mölln empfohlen.
