StadtgeschichteWissenschaftler bestimmen Alter von Bauwerken in Bad Münstereifel

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Thomas Eißing, Leiter des Labors für Dendrochronologie der Universität Bamberg, bohrt in das Mark des Balkens am Heisterbacher Tor.

Thomas Eißing, Leiter des Labors für Dendrochronologie der Universität Bamberg, bohrt in das Mark des Balkens am Heisterbacher Tor.

In Bad Münstereifel haben Wissenschaftler das Holz alter Bauwerke untersucht und kamen so zu neuen Erkenntnissen über den historischen Ortskern.

„In alten Häusern lebt man ganz anders, wenn man ihre Geschichte kennt“, sagt Oliver Zahn, Denkmalschutzberater der Stadt Bad Münstereifel. Und dass die Geschichte der Stadt Bad Münstereifel und ihrer Gebäude noch lange nicht auserzählt ist, wird deutlich bei bauhistorischen Untersuchungen des Heisterbacher Tors und der denkmalgeschützten Gebäude der Stadt. „Durch das Hochwasser ist freigelegt worden, was wir sonst nicht gesehen hätten“, sagt Zahn.

Nach der Überschwemmung der Stadt – in weiten Teilen bis in Höhe des ersten Obergeschosses – folgten Trockenlegung und Instandsetzung. Thomas Eißing, Leiter des dendrochronologischen Labors der Universität Bamberg sagt: „Dadurch traten teils unerwartete Befunde zutage.“ Eißing und sein Team unterstützen das Amt für Denkmalpflege des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) aktuell bei der Erforschung, Dokumentation und Nachinventarisierung der denkmalgeschützten Gebäude in Bad Münstereifel.

Forscher bohren uralte Balken im Heisterbacher Tor an

„Weil die notwendigen Untersuchungen alleine einfach nicht zu leisten sind“, so Ulrike Schwarz von der Abteilung Inventarisation des LVR-Amts für Denkmalpflege. Eißings Fachgebiet: eine naturwissenschaftliche Methode, die eine sehr präzise Altersbestimmung von historischen Hölzern ermöglicht – die Dendrochronologie. Dazu gehören etwa die alten Balken des Heisterbacher Tors. Benötigt wird für die dendrochronologische Untersuchung ein Hohlbohrer, mit dem der Gefüge- und Dachwerkforscher in das Mark des Balkens bohrt. „Das ist gar keine so leichte Aufgabe“, sagt Oliver Zahn.

Ein Mann hält ein Stück eines Tors in eine Kamera. Er trägt eine blaue Jacke.

Anhand des Bohrkerns können die Wissenschaftler das Alter des Heisterbacher Tors genau bestimmen.

Man brauche dafür einiges an Kraft und müsse behutsam vorgehen. Nach einer etwa siebenminütigen Bohrung zieht Eißing den Bohrer aus dem Torbalken und hält einen etwa bleistiftlangen Holzstift in den Händen. „Das ist der Bohrkern“, sagt Eißing. An diesem könne man deutlich eine ringförmige Maserung erkennen – die Jahresringe eines Baumes.

Anhand dieser dendrochronologischen Probe könnten die Wissenschaftler das Alter des Torbalkens genau datieren: „Plus oder minus ein bis zwei Jahre“, so Eißing. Denn die Jahresringe könne man anhand ihrer unterschiedlichen Breite einer bestimmten Wachstumszeit zuordnen. Dadurch könne die Stadtgeschichte viel besser erfasst werden, sagt Oliver Zahn. Die Geschichte der Stadt Bad Münstereifel könne sich so bestätigen lassen oder aber umgeschrieben werden.

Einige Gemäuer am Markt sind mehr als 600 Jahre alt

Die Besonderheit der Stadt Münstereifel sei, so Eißing, die vollständig erhaltene Stadtmauer und der hohe Bestand an spätmittelalterlicher Bausubstanz. Bei bisherigen Untersuchungen seien die Forscher bereits zu dem Ergebnis gekommen, dass einige Gemäuer im Marktbereich aus den Jahren 1409 bis 1466 stammen. Eißing: „Sie sind damit nicht nur wesentlich älter als bisher angenommen, sondern zählen damit sogar zu den bislang bekannten ältesten Fachwerkbauten im Rheinland.“

Doch das Holz verrät nicht nur sein Alter. Es erzählt auch eine Geschichte von Handwerk, Handelsbeziehungen und historischen Naturkatastrophen samt Folgen. Betrachte man die Bauart des Stadttors von Bad Münstereifel und die des Heisterbacher Tors, falle etwa auf, dass man es hier mit zwei unterschiedlichen Konstruktionsweisen zu tun habe – die süddeutsche und die rheinische, erklärt Eißing: „So etwas kommt etwa bei Jesuitenklöstern vor. Anstelle protestantischer Handwerker beauftragte man einen katholischen Handwerkstrupp aus Süddeutschland.“

Auch historische Flutereignisse sind erkennbar

Auch solcherlei Bündnisse und Feindschaften ließen sich anhand der Herkunft des Holzes und der jeweiligen Bauart ablesen. Oder etwa, dass es schon häufiger historische Hochwasser gegeben habe in der Stadt an der Erft: „Das können wir an der Zweitverwendung des Holzes als Decken erkennen“.

Die letzte große Flut im Juli 2021, so Oliver Zahn, habe die Bad Münstereifeler Bürger erschüttert und bewegt: „Sie waren offen dafür, die Türen aufzumachen und uns reinzulassen. Die Ressentiments gegenüber der Denkmalpflege waren überhaupt nicht spürbar.“ Diese Offenheit sei ein großer Gewinn für die Denkmalforschung gewesen. „Die Eigentümer wollen die Geschichte ihres Hauses leben und weitererzählen“, so Zahn.


Fast 1200-jährige Geschichte

Die Geschichte von Bad Münstereifel gehe auf eine Klostergründung im Jahr 830 zurück. Im Jahre 898 sei dann um das Kloster herum eine erste Siedlung entstanden, so Thomas Eißing. Bis heute zeichne sich Bad Münstereifel durch seinen geschlossen erhaltenen historischen Stadtkern aus.

Der Ausbau zur Stadt habe im 13. Jahrhundert begonnen. Um 1300 ließ der Graf von Jülich Burg und Stadtbefestigung errichten, 1356 wurde Bad Münstereifel Sitz eines Gerichts und städtischer Selbstverwaltung. In der Folge blühte das Handwerk auf: Gerbereien, Wollwebereien und Brauereien. (kkr)

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