Noch bevor die belgischen Truppen aus Vogelsang abrückten, ist im Januar 2004 der Nationalpark Eifel eröffnet worden.
20 Jahre ziviles VogelsangDer Nationalpark brachte die Stille in die Eifelwälder zurück

Die lichten Laubwälder sind ein Markenzeichen des Nationalparks Eifel. Bei Wanderern sind die Pfade durch die urwüchsige Landschaft beliebt.
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Das war mal ein Auftrieb an einem verregneten Sonntag: Mehr als 1000 Gäste waren zur Eröffnung des Nationalparks am 11. Januar 2004 gekommen. Im Kursaal von Gemünd gaben sich die prominenten Festredner das Mikrofon in die Hand. Nach knapp zweijähriger Vorbereitung war zum 1. Januar die Nationalparkverordnung in Kraft getreten.
Der belgische Truppenübungsplatz Vogelsang sowie die umliegenden Staatswälder Wahlerscheid, Dedenborn, Kermeter und Hetzingen waren damit zum ersten Nationalpark in Nordrhein-Westfalen geworden. Allerdings blieb das Herzstück zunächst noch außen vor: Das belgische Militär sollte den Truppenübungsplatz erst 2006 räumen.
AG Ziviles Vogelsang war gesellschaftlich breit aufgestellt
Andreas Wolter hat die spannende Entwicklung nicht nur miterlebt, sondern auch mitgestaltet. Er war Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Ziviles Vogelsang, saß für die Grünen im Schleidener Stadtrat. In der AG seien die Kirchen ebenso vertreten gewesen wie der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), Landtagsabgeordnete und Bundestagsabgeordnete unterschiedlicher Parteien, erzählt er. „Es gab heiße Debatten, aber das Bündnis hat gehalten“, erinnert sich Wolter, der mittlerweile Mitglied der Grünen-Fraktion im Rat der Stadt Köln ist. Zum Treffen im Fraktionsbüro hat er einen Stapel an Zeitungsausschnitten und Schreiben mitgebracht.
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Jede Menge Prominenz war zur Eröffnung gekommen. In der ersten Reihe rechts der Kölner Regierungspräsident Jürgen Roters und Landrat Günter Rosenke (3.v.r.)
Copyright: D. Berens, Kreismedienzentrum Euskirchen

Schülerinnen und Schüler des Schleidener Clara-Fey-Gymnasiums hatten einen Auftritt bei der feierlichen Eröffnung des Nationalparks. Um das Logo, das links im Bild zu sehen ist, hatte es viele Diskussionen gegeben.
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Eine Überschrift fällt ins Auge, die aus heutiger Sicht skurril erscheint: „Hausfrauen warfen sich zu Boden – Kugeln über Dreiborner Gärten“ titelte damals die Lokalzeitung. Das war bei weitem nicht so lustig, wie es klingt, sondern durchaus gefährlich. Ansonsten waren die Begleiterscheinungen des Truppenübungsplatzes – Geschützlärm und das Scheppern der Panzer auf der Verladerampe in Schleiden – eher nur lästig.
1990 sei bekannt geworden, dass die belgische Regierung erwäge, ihre Truppen aus Deutschland abzuziehen, berichtet Andreas Wolter. Daher habe sich die Frage gestellt, was aus der Liegenschaft werden sollte – sowohl aus der von den Nazis errichteten Ordensburg Vogelsang als auch aus dem Gelände, das zunächst von britischen, später von belgischen Truppen genutzt wurde.
Über den Abzug der belgischen Truppen wurde jahrelang verhandelt
Um ihrer Forderung nach einem Abzug der belgischen Truppen Nachdruck zu verleihen, wandte sich die AG an den Petitionsausschuss des Bundestages, der im Oktober 1995 zu einer Ortsbesichtigung nach Schleiden kam. Allerdings fand der Termin ohne belgische Vertreter statt. „Dann fahren wir eben hin“, sei die Reaktion gewesen, erzählt Wolter. Im Januar 1997 reiste tatsächlich eine Delegation, zu der auch Christa Nickels, Mitglied der Grünen und Vorsitzende des Petitionsausschusses, und der Euskirchener CDU-Bundestagsabgeordnete Wolf Bauer gehörten, nach Brüssel zu einer Sitzung des belgischen Verteidigungsausschusses.
Als auch die Kreisstraße 7 freigegeben wurde, war das, als hätte jemand den Schalter umgelegt.
Im März 1997 nahm der Deutsche Bundestag nach langem Hickhack die Petition an. Spätestens in fünf Jahren sollte der Truppenübungsplatz aufgegeben werden, die Belgier könnten auf andere Plätze ausweichen, hieß es. Damit rückte die Möglichkeit, das Gelände am Urftsee zivil nutzen zu können, in greifbare Nähe. Im Herbst 1999 gab das belgische Militär an den Wochenenden die Straße am Ufer des Urftsees für Wanderer und Radfahrer frei. „Als die K 7 freigegeben wurde, war das, als hätte jemand den Schalter umgelegt“, sagt Andreas Wolter.
2001 dann die offizielle Mitteilung aus dem belgischen Verteidigungsministerium: Das Land zieht alle Truppen aus Deutschland ab. Immer wieder allerdings erhielten die Hoffnungen der Menschen in und um Schleiden auf ein Leben ohne Gefechtslärm einen Dämpfer. Im Bundesvermögensamt, zuständig für die Liegenschaft Vogelsang, wurde darüber nachgedacht, den Platz weiter militärisch nutzen zu lassen. Dann erwog die Bundeswehr, von Kampfjets des Fliegerhorsts Nörvenich Übungsbomben über Vogelsang abwerfen zu lassen.
Weitere Steine auf dem Weg zur Gründung des Nationalparks
Doch dass die Gründung eines Fördervereins dann beinahe gescheitert wäre, hatte andere Gründe. Der Andrang war einfach zu groß. Die Initiatoren um Naturschützer Volker Hoffmann hatten Plätze für 120 Leute eingeplant, gekommen waren mehr als 200. Aber nicht nur die Enge war schuld am drohenden Scheitern, sondern auch unterschiedliche Vorstellungen über das Tempo, mit dem vorgegangen werden sollte. Im zweiten Anlauf klappte es dann, der Kölner Regierungspräsident Jürgen Roters wurde zum Vorsitzenden gewählt.

An die spannende Zeit der Nationalparkgründung erinnert sich Andreas Wolter.
Copyright: privat/Andreas Wolter

Auch die erste Fahrt des Nationalparkshuttles war ein großer Moment, der entsprechend zelebriert wurde.
Copyright: D. Berens, Kreismedienzentrum Euskirchen
Wolter war zu der Zeit bereits nach Köln umgezogen, aber bis zur Gründung des Fördervereins dabei. Im Rückblick staunt er: „Dass wir das geschafft haben!“ Es habe unterschiedliche Gruppen geben, aber ein gemeinsames Ziel. Entscheidend sei gewesen, dass der richtige Ton getroffen worden und keiner verprellt worden sei.
„Die Existenz der Ordensburg machte die Diskussion nicht einfach“, sagt er. Ideen zu deren Nutzung habe es viele gegeben, vom Feriendorf bis zur Bildungseinrichtung.
Nationalpark Eifel hat sich zu einem Besucher-Magneten entwickelt
Mittlerweile gehört auch der ehemalige Truppenübungsplatz zum Nationalpark Eifel, der damit nun 110 Quadratkilometer groß ist. Um genau zu sein, zum „Entwicklungs-Nationalpark“: Erst nach 30 Jahren und wenn mindestens drei Viertel der Fläche sich selbst überlassen sind, ist das Kriterium eines Nationalparks erfüllt. Erfüllt hat er in jedem Fall schon einmal die Erwartungen, was die Besucherzahlen angeht. Im Jahr 2024 verzeichnete er mit mehr als 1,4 Millionen Gästen einen neuen Rekord.
Die abwechslungsreiche Landschaft mit ihren lichten Laubwäldern, den kargen Hochflächen, den Seen und Wasserläufen ist obendrein Heimat unzähliger Tier- und Pflanzenarten. 11.413 sind bisher nachgewiesen, 2617 von ihnen stehen laut Nationalparkverwaltung auf der Roten Liste der bedrohten Arten. Da gibt es unauffällige Vertreter, Pilze, Schnecken oder auch Algen. Andere sind zwar auffällig, doch man muss schon viel Glück haben, um sie überhaupt zu Gesicht zu bekommen – wie den Schwarzstorch oder die Wildkatze.
Die Stille, die eingekehrt ist, seit keine Panzer mehr dröhnen und keine Schüsse mehr fallen, ist längst neuen Geräuschen gewichen. Dem Röhren der Rothirsche auf der Dreiborner Höhe im Herbst beispielsweise. Und bald trillern auch wieder die Feldlerchen hoch über dem Nationalpark.

