- Seit fast zehn Jahren kommt die 42-jährige Claudia Kirsch in die Wiesdorfer Fußgängerzone und spielt dort auf ihrer Gitarre.
- Dort gehört sie mit ihren musikalischen Einlagen zum Stadtbild.
Leverkusen – Seit ihrer Geburt ist ihre rechte Hand verformt, mit 20 Jahren war sie querschnittgelähmt, acht Jahre später verlor sie beide Beine. Trotz allem sagt Claudia Kirsch: „Ich bin zufrieden und froh, dass ich lebe.“ Die Besucher der Wiesdorfer Fußgängerzone kennen die 42-Jährige schon seit etwa einem Jahrzehnt als Straßenmusikerin. Kirsch gehört mit ihrer Gitarre und der bunten Dekoration zum Stadtbild Leverkusens. Ihr Leben ist eine Geschichte, die sich aus unglücklichen Umständen zusammensetzt.
Geboren wurde Kirsch in Monheim, in Leverkusen wuchs sie mit sechs Geschwistern auf, heute wohnt sie in Opladen. Sie sei als Kind sehr introvertiert gewesen, erinnert sie sich. Die verformte rechte Hand versteckte sie meist, zu groß war die Scham. Die Behinderung, so Kirsch, sei das Ergebnis einer Fehlmedikation, das habe ihr ein Arzt früh bestätigt. Wo genau der Fehler lag, ist heute nicht mehr nachzuvollziehen. Er hinderte Kirsch zumindest nicht daran, selbstbewusst ihren eigenen Weg zu gehen.
Sie spielte Fußball und machte zwei Ausbildungen
Sie machte zwei Ausbildungen, zur Köchin und Einzelhandelskauffrau, spielte als Jugendliche und junge Erwachsene gern Fußball. „Früher ging es auch beim Frauenfußball noch richtig in die Knochen“, lacht die 42-Jährige beim Gespräch an ihrem Stammplatz in Wiesdorf. Als sie sich mit 20 eine Knieverletzung zuzog, musste sie operiert werden. Im Krankenhaus stürzte sie die Treppen herunter, die Ärzte diagnostizierten eine starke Prellung am Rückenwirbel. Das Gehen fiel schwer, aber sie wollte wieder Fußball spielen. In der Reha in Bayern sollte der Körper wiederhergestellt werden. Was Kirsch und die behandelnden Ärzte nicht wussten: Der Rückenwirbel war nicht geprellt, sondern angebrochen. Als sie in Bayern angekommen war, brach der Wirbel zur Gänze. Kirsch war querschnittgelähmt. Ruhig spricht sie, mehr als 20 Jahre später, über die Ereignisse: „Ich war schockiert“, sagt sie, böse Worte über die Ärzte kommen ihr aber nicht über die Lippen.
Eine Infektion raubte ihr beide Beine
In den Jahren nach dem ersten Unglück trieb sie wieder Sport, spielte Rollstuhlbasketball, schaffte es dort bis in die Zweite Bundesliga. Eine weitere Knie-OP sollte der Leverkusenerin dann noch mehr Leid bringen. Nach einer im Krankenhaus nicht als gefährlich eingestuften Entzündung im Knie hätten ihr beide Beine abgenommen werden müssen, erzählt Claudia Kirsch.
Das sei ihre schwerste Prüfung gewesen. Ein halbes Jahr verbrachte die Musikerin anschließend zu Hause, traute sich kaum noch auf die Straße, fürchtete die Blicke der Menschen. Andere Leute hätten über sie geredet, die Vermutung geäußert, sie habe sich selber die Gliedmaßen abgetrennt. „Totaler Blödsinn“, nennt Kirsch die Mutmaßungen heute.
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Ihr Freund, den sie vor der Beinamputation kennengelernt hatte, drängte Kirsch nach einem halben Jahr, endlich wieder die Wohnung zu verlassen. Beim ersten Ausflug in die Stadt sei ihr dann im Schaufenster eines Schlebuscher Musikgeschäfts eine Gitarre aufgefallen. „Eine halbe Stunde habe ich sie angeschaut“, erinnert sich Kirsch. „Mein Freund hat sie mir dann geschenkt.“ Zwei Jahre lang spielte die 42-Jährige nur daheim, Weihnachten 2006 traute sie sich mit ihrem Instrument erstmals in die Wiesdorfer Fußgängerzone, an genau die Stelle, an die sie heute noch oft kommt, um Straßenmusik zu machen.
2006 traute sie sich zum ersten Mal mit der Gitarre auf die Straße
Während sie dort sitzt und von ihrem Leben erzählt, der kleinen Entschädigungsrente, die kaum für die Miete reicht, der Familie, die sich abwandte, so mutmaßt Kirsch, weil ihr die musikalischen Auftritte wohl peinlich waren, und ihrem neuerlichen sportlichen Erfolg als Schwimmerin bei Bayer 04, kommen immer wieder Menschen vorbei, die ihr Geld in die Dose mit den lächelnden Gesichtern stecken oder ihr einen Kaffee vorbeibringen.
Kirsch ist bei den Menschen beliebt. Sie selbst ist sicher, dass es an ihrer positiven Ausstrahlung liegt. „Das Leben ist lebenswert, wenn man an sich glaubt“, sagt sie. „So lebe ich, und das merken die Menschen.“