Anna Yona, Gründerin von Wildling Shoes, spricht im Interview über Höhen und Tiefen ihres Unternehmens.
Wildling ShoesEngelskircher Start-Up musste neu starten

Gründerin Anna Yona zeigt den Bestseller Tanuki, von dem schon eine halbe Million Paar verkauft wurde.
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Vor zehn Jahren haben Anna und Ran Yona die Firma „Wildling Shoes“ als Engelskirchener Start-Up für „Minimalschuhe“ gegründet und seitdem Höhen und Tiefen erlebt. Nach einem schnellen Wachstum des Unternehmens sorgte die Corona-Pandemie für einen Einschlag und finanzielle Herausforderungen. Zwei Läden wurden geschlossen, Mitarbeitende entlassen und der Verkauf wieder komplett auf das Online-Geschäft konzentriert. Darüber und über die aktuelle Situation hat Linda Thielen mit Anna Yona gesprochen.
Wie geht es Wildling heute?
Anna Yona: Besser! Wir machen mehr Umsatz als im vergangenen Jahr. Allerdings haben wir 2025 unser Team stark reduzieren müssen und die Läden in Köln und Berlin geschlossen, um uns im Kern auf unser Online-Geschäft zu konzentrieren. Diese Strategie ist aufgegangen. Es ist ein spannender Prozess. Das Geschäft ist schwieriger geworden, der Markt befindet sich im stetigen Wandel. Aber wir sind auf einem guten Weg.
Was waren die Faktoren dafür, dass sich die Situation des Unternehmens wieder stabilisiert hat?
Wir sind heute deutlich fokussierter, haben nun mit rund 80 Mitarbeitenden die richtige Teamgröße, klare Zuständigkeiten und viel Expertise. Durch das kleinere Team werden Wege kürzer und Entscheidungen werden schneller getroffen. Wir haben uns bewusst für eine kompaktere Struktur entschieden – aber leider auch mit harten Konsequenzen. Wir mussten 120 Menschen entlassen. Das war natürlich nicht schön.
Wie kam es dazu, dass Wildling Shoes in eine finanzielle Schieflage geraten ist?
Wir sind anfangs in einer Nische dank Weiterempfehlungen sehr schnell gewachsen. Wir mussten eigentlich keine Werbung machen, haben somit aber auch keine Expertise darin aufgebaut. Dazu kommt, dass Werbung sehr teuer ist und wir uns lange geweigert haben, mit Google und Meta zusammenzuarbeiten. Unser finanzieller Fokus lag stattdessen auf dem Aufbau nachhaltiger Lieferketten und Partnerschaften.
Die Corona-Pandemie, in der sich die Leute plötzlich nicht mehr treffen durften, hat die Möglichkeit der Weiterempfehlung untereinander extrem eingeschränkt. Das war ein riesiger Einschnitt für uns. Dazu kommt, dass in eine Nische früher oder später Wettbewerber drängen. Man muss sichtbar bleiben. Andere Marken haben uns kopiert.
Gibt es etwas, das Sie heute anders machen würden? Oder was Sie Neugründern raten?
Ich glaube, es ist heute ein anderes Umfeld, in dem man eine Marke gründet, als vor zehn Jahren. Wir konnten sehr intuitiv an die Sache rangehen: Qualität im Produkt, im Markenaufbau und im Content hat sich durchgesetzt. Heute gelten andere, durch die großen Algorithmen gesteuerte Bedingungen. Man muss die eigene Branche und die ständig neuen Herausforderungen lieben. Wer gründen möchte, sollte eine gute Portion Neugier mitbringen und Spaß daran haben, vielfältige Probleme zu lösen.
Sie haben in der Vergangenheit fehlende politische Unterstützung für nachhaltige Betriebe beklagt. Hat sich das geändert?
Wenn man gezielt auf Nachhaltigkeit schaut, hat sich leider nichts geändert. Es gibt zwar mehr Regularien für Unternehmen – beispielsweise in Bezug auf Greenwashing – aber man nimmt auch viele Einschränkungen in Kauf, wenn man nachhaltig agieren möchte. Ich muss Dinge viel mehr hinterfragen, neue Partnerschaften aufbauen und pflegen und nachhaltige Materialien einkaufen. Das alles ist nicht nur zeitintensiv, sondern sehr teuer und hat oftmals einen negativen Effekt auf die Liquidität eines Unternehmens. Beim Aufbau einer neuen Partnerschaft gehen wir häufig in die finanzielle Vorleistung.
Es wird immer gesagt, ein nachhaltiges Produkt darf teurer sein. Aber ich finde das nicht fair. Es kann nicht sein, dass ein Produkt, was gesellschaftlich und ökologisch mehr Schaden verursacht, billiger ist. Hier könnte die Politik andere Rahmenbedingungen setzen.
Sie sind mit Teilen Ihrer Produktion nach Vietnam gegangen, um mehr Expertise und Innovationskraft in der Produktion zu bekommen. Bis dahin haben Sie ausschließlich in Europa produziert. Wie wichtig ist Transparenz gegenüber Kunden?
Uns ist sowohl Nachhaltigkeit, als auch Transparenz über den genauen Stand unserer Bemühungen sehr wichtig und wir kommunizieren all dies sehr offen und selbstkritisch. Allerdings ist für unsere Kundschaft Nachhaltigkeit tatsächlich nicht der Haupt-Kaufgrund. Ihnen geht es um das Tragegefühl, den Gesundheitsfaktor und die Qualität unserer Schuhe. Alle Informationen über Materialzusammensetzungen, Partnerschaften, Produktionsstandorte etc sind auf den jeweiligen Produktseiten zu finden. Zertifiziert wird alles noch einmal unabhängig von der B-Corp-Foundation. Als wir mit einem Teil der Produktion nach Vietnam gegangen sind, haben wir die Gründe offen und ausführlich auf unserem You-Tube-Kanal kommuniziert und die neuen Partner vorgestellt.
Welches Feedback erhalten Sie von Ihren Kunden dazu, dass der Verkauf von Wildling Shoes wieder ins Internet verlagert wurde?
Viele haben das bedauert, vor allem hier in Engelskirchen. Auch dort hatten wir das Geschäft ja kurzzeitig geschlossen, bevor der neue Showroom zusammen mit Nordwolle eröffnet wurde. Man muss unsere Schuhe eigentlich in der Hand und vor allem am Fuß haben, um sie wirklich mit anderen vergleichen zu können. Aber rein vom Umsatz her lohnt es sich nicht. Ein Beispiel: Als wir im damaligen Store in Osberghausen günstigere B-Ware verkauft haben, standen die Leute Schlange. Das war natürlich toll! Und trotzdem kam der Tagesumsatz bei weitem nicht ans Online-Geschäft heran.
Dazu kommt, dass wir in Berlin Schwierigkeiten hatten, die Öffnungszeiten einzuhalten. Viele haben keine Lust mehr auf einen regulären Arbeitsplatz, wo sie nicht von zu Hause aus arbeiten können und auch mal samstags arbeiten müssen.
Ist der Showroom in Osberghausen für Sie trotzdem so wichtig, weil die Firma ihren Sitz und Ihre Wurzeln in der Gemeinde hat?
Für den habe ich echt gekämpft. Ich hänge auch sehr an den Räumlichkeiten der ehemaligen Industrie und am Ambiente. Ich habe mich in Osberghausen oft mit Menschen getroffen, die Wildling Shoes kennenlernen wollten. Jetzt hat Nordwolle das Management des gemeinsamen Showrooms übernommen.
Ihr beliebtester Schuh, der Tanuki, wird dieses Jahr zehn Jahre alt. Inwiefern hat sich der Schuh über die Jahre verändert – im Design, Material und der Herstellung?
Der Tanuki ist unser Bestseller, wir haben von ihm schon eine halbe Million Paar verkauft. Das Besondere ist, dass er zu 75 Prozent aus japanischem Washi-Papier besteht. Papier ist atmungsaktiv und erstaunlich haltbar. Der Schuh ist entstanden, als wir nach dem konsequentesten Barfußgefühl gesucht haben. Wir haben einen normalen Schuh genommen und alles reduziert, was er eigentlich nicht braucht – von der Sohle bis zum kleinsten Detail. Vom Produktdesign ist er der ersten Edition sehr ähnlich geblieben. Es sind über die Zeit nur kleine Qualitätsverbesserungen dazugekommen.
Wie geht es für Ihr Unternehmen in Zukunft weiter?
Unser Ziel ist es natürlich weiterhin gut zu wirtschaften und zu wachsen – auch auf dem internationalen Markt. Und wir möchten die aktuelle Teamgröße beibehalten. Wir haben ein besseres Produkt als viele andere, die mit ähnlichen Schuhen auf den Markt kommen. Unseren Platz wollen wir nicht abgeben.
Zwei Feste
Das zehnjährige Jubiläum des Bestseller-Schuhs Tanuki feiert Wildling Shoes am Freitag, 26. Juni, 18 bis 23 Uhr, bei Bumann & Sohn, Bartholomäus-Schink-Straße 2, in Köln-Ehrenfeld. Am Abend wird eine Special-Edition vorgestellt, es gibt Musik, Verpflegung und die Möglichkeit, etwas zu gewinnen.
Ein Sommerfest findet am Samstag, 27. Juni, 12 bis 18 Uhr, im Showroom in Osberghausen, Kölner Straße 45, statt. Marco Scheel (Nordwolle) und Anna Yona (Wildling Shoes) werden vor Ort sein.
