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Rückbau oder nicht?Großes Interesse an der Zukunft des Stausees bei Engelskirchen-Osberghausen

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Das Bild zeigt teilnehmer der naturkundlichen Wanderung zum Stausee zwischen den Engelskirchener Ortschaften Osberghausen und Oesinghausen.

Rund 150 Personen nahmen das Angebot der Engelskirchener SPD wahr und lauschten u.a. den Ausführungen von Gero Karthaus (r.).

Die Engelskirchener SPD hatte zum naturkundlichen Spaziergang mit dem Ökologen und Ex-Bürgermeister Gero Karthaus den See eingeladen.

„Dieser Ort lebt – und er braucht unseren Schutz“, hieß es in der Einladung von Tobias Blumberg, Vorsitzender des Engelskirchener SPD-Ortsvereins, zu einem naturkundlichen Spaziergang an den Aggerstausee bei der Engelskirchener Ortschaft Oesinghausen. Diese hatte eine überragende Resonanz: Mehr als 150 Gäste trafen sich am Sonntagnachmittag bei bestem Frühlingswetter an dem Gewässer, um sich über dessen Schicksal zu informieren.

Anstauerlaubnis ist erloschen

Hintergrund ist das Auslaufen der Anstauerlaubnis für den bayerischen Wasserkraftbetreiber „Aggerkraftwerke“ zum Ende des letzten Jahres. Diese war mit der Auflage verbunden, sowohl eine Fischtreppe als auch eine Einschwimmsperre in den Turbinenkanal zu bauen. Beides ist nicht erfolgt (wir berichteten). Damit scheint das Ende des Wehres besiegelt. Manch Umweltschützer hofft jetzt auf eine Renaturierung des Flusses im Bereich zwischen Gummersbach-Osberhausen und Engelskirchen-Ründeroth. Doch es gibt auch alternative Pläne.

Diese Staustufen haben mit ihrer vielfältigen Natur eine besondere Bedeutung für ganz Nordrhein-Westfalen.
Gero Karthaus, Ökologe und ehemaliger Bürgermeister der Gemeinde

„So einfach geht das aber nicht“, sagte der ehemalige Bürgermeister und promovierte Biologe Gero Karthaus nach der Begrüßung durch den SPD-Fraktionsvorsitzenden Wolfgang Brelöhr. Karthaus erläuterte, was diesen Lebensraum und die weiteren fünf Stauseen flussabwärts bis Ehreshoven ökologisch so wertvoll macht: „Diese Staustufen haben mit ihrer vielfältigen Natur eine besondere Bedeutung für ganz Nordrhein-Westfalen.“

Der Ökologie-Experte erklärte nach einem Wechsel direkt ans Wasser, dass sich in den sechs zwischen 1920 und 1955 errichteten Staustufen sehr viele Flachwasserbereiche gebildet hätten, die enorm wichtig für viele Tierarten sind. Vor seiner Zeit als Bürgermeister habe er rund 20 Jahre lang die Ökologie der Staubereiche erforscht und die Tierwelt kartiert. Erst am Vormittag sei bei Ehreshoven ein sehr seltener Sterntaucher gesichtet worden.

Wichtig seien die Staubereiche auch für viele Wasservögel aus Nord- und Osteuropa als Winterquartier. Doch auch zigtausende Schwalben ernährten sich von den Insekten über dem Wasser, bevor sie in ihre Brutregionen weiterziehen. Das gleiche gelte für zahlreiche Fledermausarten: „Wir haben hier ein unglaubliches Tierleben.“ Während dieser Ausführungen entdeckte der Bergneustädter Ornithologe Heinz Kowalski zwei für die hiesige Region seltene Silbermöwen, die im Flachwasser auf Futtersuche gingen.

Der Ökologe bekannte, dass es ihm neben der Beobachtung von zahlreichen Tauch- und Schwimmenten eine besondere Freude sei, jährlich bis zu 100 Zwergtaucher als eine Art der roten Liste zu erleben, die hier überwintern: „Die schwimmen wir ein Korken auf dem Wasser – und schwupps – sind sie weg.“ Insgesamt dürften an den Staustufen, von denen die Hälfte inzwischen Naturschutzgebiete sind, weitaus mehr als 100 Vogelarten leben: „Viele davon sind keine Allerweltsvögel.“

Im Sinne dieses Flusses muss eine Durchgängigkeit wiederhergestellt werden.
Friedrich Meyer, BUND-Regionalgruppe Köln

Karthaus räumte ein, dass die vor rund 100 Jahren entstandenen Stauanlagen selbstverständlich keine natürlichen Strukturen seien. Allerdings habe sich im Laufe der Jahrzehnte ein Naturjuwel entwickelt. So habe der an der Leppe brütende Eisvogel hier sein Jagdrevier, auch für Rauch- und Mehlschwalben lägen die besten Brutplätze in der Nähe der Stauseen. Nicht zuletzt seien sie auch für die Menschen attraktiv: „Viele Kinder haben an den Staustufen ihre ersten Kontakte mit der oberbergischen Natur.“

Der Engelskirchener Friedrich Meyer von der BUND-Regionalgruppe Köln vertrat eine andere Sichtweise: „Im Sinne dieses Flusses muss eine Durchgängigkeit wiederhergestellt werden.“ Dabei gehe es nicht einmal nur um die Lachse: „Die Sedimente müssen wandern können.“ Das sei ganz klar der nationalen Wasserstrategie zu entnehmen, die eine Durchgängigkeit befürwortet: „Wenn die Ordnungsverfügung der Bezirksregierung vorliegt, wird es auf einen Abstau hinauslaufen.“ Es sei notwendig, die Agger weitestgehend zu renaturieren, auch wenn der frühere Zustand nie wieder erreicht werden könne: „Einige Vögel werden gehen, andere werden kommen.“

Diskussion ist nicht beendet

Karthaus resümierte: „Durchlässigkeit ist wichtig, aber das Heil allein in der Beseitigung der Stauwehre zu sehen, ist zu kurz gegriffen.“ Michael Gerhard vom Vorstand des Nabu Oberberg merkte an, dass bei dieser naturkundlichen Wanderung bei weitem noch nicht alle Aspekte angesprochen wurden, die die ökologische Problematik betreffen: „Hier besteht auf jeden Fall weiterer Diskussionsbedarf.“


Energie aus dem Wasser der Agger

Der Ingenieur Karl Freisen aus Engelskirchen-Loope erläuterte den Teilnehmerinnen und Teilnehmern die energetische Bedeutung der sechs Wasserkraftanlagen, die mehr als 3200 Haushalte mit Strom versorgen. Allein die Anlage Ehreshoven I liefere mehr Energie als die Aggertalsperre.

Die Oesinghausener Turbine etwa habe in 2024 knapp 900.000 Kilowattstunden Strom geliefert. Um diese zu ersetzen, seien 870 Photovoltaikanlagen mit einer Leistung von zehn Kilowatt Peak notwendig. Während die Wasserkraft ihre Stärke aufgrund der im Winter höheren Durchflussmenge habe, sei es im Sommer Photovoltaik. Beides zusammen sei eine optimale Kombination zur Produktion von grünem Strom.