Ein Jugendherbergsausweis erinnert Marianne Holländer an eine Radtour, die sie 1965 quer durch Skandinavien führte
Mein liebstes UrlaubsmitbringselVon Wiehl nach Göteborg und zurück ohne Gangschaltung

Von Hamburg durch Dänemark nach Schweden fuhr damals Marianne Holländer, etwa 1800 Kilometer Strecke. Ihr Fahrrad leistete treue Dienste, kam allerdings leicht verändert nach Hause – wie die Radlerin selbst.
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Das Herkules-Fahrrad bekam die zehnjährige Marianne, als sie zur Realschule wechselte. Fortan fuhr sie damit jeden Morgen von Hengstenberg runter nach Wiehl. Sieben Jahre später bewältigte sie eine etwas längere Strecke: In vier Wochen legte die junge Frau auf einer Radtour durch Dänemark und Schweden 1800 Kilometer zurück. „Und das ohne Gangschaltung. Das würde ich heute nicht mehr schaffen“, sagt Marianne Holländer.
Seit mehr als 50 Jahren lebt sie nun in Nümbrecht-Marienberghausen. Vor dem Fenster mit Blick ins Tal liegen Steine, die Holländer von Reisen aus aller Welt mitgebracht hat. Ein Souvenir, das ihr besonders am Herzen liegt, ist aber der alte Jugendherbergsausweis. Denn dieser dokumentiert ein Abenteuer, das sie für das Leben geprägt hat.
Junge Wiehlerin hatte schon Kontakt ins Ausland
1965 heißt Marianne noch Hüttemann und ist erst 17 Jahre alt. Kein „Dummchen vom Lande“ wie sie heute betont. Über ihren Vater hat die junge Frau schon freundschaftliche Kontakt in die Niederlande. Diese Weltoffenheit führt dazu, dass die Eltern keine Bedenken haben, als Marianne ihnen eröffnet, dass sie eine Radtour durch Skandinavien unternehmen will.
Zusammen mit ihrer nur zwei Jahre älteren Wuppertaler Cousine Friederike plant sie die Tour. Deren 15-jähriger Bruder Friedhelm und Friederikes Klassenkamerad Eckhardt sind mit von der Partie. Am 31. Juli geht es los mit dem Zug nach Hamburg, dort nächtigt die Gruppe in der Jugendherberge auf dem Stintfang und inspiziert die Reeperbahn. Die erste Etappe führt nach Klingberg, dann weiter nach Travemünde und mit der Fähre nach Gedser auf der dänischen Insel Falster.

Die Herbergsstempel dokumentieren die Reiseroute.
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Würden Sie Ihr Kind mit 17 Jahren und ohne Handy alleine auf eine Radtour ins Ausland schicken?
Alle Jugendherbergsquartiere sind vorgebucht. „So wussten unsere Eltern immer, wo wir waren.“ In Kopenhagen erwartet Marianne denn auch Post von zu Hause. Und sie schreibt zurück. Telefonieren ist damals nicht so einfach wie heute. Die Weltenbummlerin berichtet den Eltern von Menschen aus aller Welt, „Schwarze und Weiße, mit Bärten und ohne, und sogar zwei Japanerinnen.“
Die Begegnungen mit anderen Jugendlichen hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Marianne Holländer glaubt, „dass ich auf unserer Fahrt gelernt habe, neugierig, interessiert und tolerant zu sein“. Ihr falle es seitdem leichter, sich auf Fremdes und Fremde einzulassen. Heute hat die Marienberghausenerin Freunde in Holland und Israel, ein Patenkind in Guatemala und seit der Heirat der Tochter eine erweiterte Familie in der Normandie.
Die bergischen Radler müssen sparen
Mit der Fähre setzen die Radler nach Malmö in Schweden über, fahren über Helsingborg nach Göteborg. In Schweden sei alles so furchtbar teuer, schreibt Marianne in ihrem zweiten Brief nach Hause. Die Radler ernähren sich von Weißbrot und Marmelade. Das Ticket für den Boxkampf von Cassius Clay können sie sich jedenfalls nicht leisten.
Nach der Überfahrt zurück aufs dänische Festland geht es an der Westküste entlang gen Hamburg. Für die allerletzte Etappe ab Husum gönnt sich die Gruppe eine Zugfahrt. „Wir hatten ganz mieses Wetter, Wind und Regen von vorn, und waren so pitschenass geworden, dass unsere Kleidung nicht mehr trocken wurde.“
Marianne Holländer glaubt: „Sicher habe ich auch physisch eigene Stärken und Grenzen erfahren, die mir geholfen haben, selbstbewusst und mutig zu sein“, sagt Holländer im Rückblick. Manche Etappen waren mehr als 80 Kilometer lang. Das Geld war am Ende so knapp, dass die ausgehungerten Radler in Hamburg bei der Bahnhofsmission vorstellig wurden, um ein Brötchen und einen Becher Kaffee zu bekommen. Etwas abgemagert, aber stolz ist Marianne Ende August zurück in Hengstenberg. „Nach der Begrüßung sagte meine Mutter: Zuerst musst Du in die Badewanne.“
Das Herkules-Fahrrad gibt es nicht mehr. Bevor es damals zum Sperrmüll kam, hat Marianne Holländers inzwischen verstorbener Ehemann Roland das Rad von einem Profifotografen verewigen lassen. Wie den Jugendherbergsausweis hält sie diese Aufnahme in Ehren. Auf der Skandinavien-Rundfahrt hat sich das Rad bewährt, wurde allerdings zweimal repariert. In Dänemark musste das Pedallager ausgetauscht, in Schweden der gebrochene Gepäckträger durch ein stabiles Teil ersetzt werden. Im Brief aus Göteborg schreibt Marianne: „Ich habe jetzt ein internationales Fahrrad.“
Mein liebstes Urlaubsmitbringsel
Mit der Volksbank Oberberg haben wir Sie bei unserem Sommerwettbewerb 2026 nach Ihrem liebsten Urlaubsmitbringsel gefragt. Unsere Redaktion hat 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer ausgewählt, deren Geschichten wir nun in der Zeitung erzählen. Nach den Sommerferien bestimmt eine Jury, welche der Teilnehmenden es auf die drei vorderen Plätze schaffen und welche auf die Ränge vier bis 20. Im Herbst werden die Finalisten in der Volksbank Wiehl geehrt.
